Der gefürchtete TV-Sender im Nahen Osten

Al-Jazeera hat schon Saudiarabien und Ägypten verärgert. Jetzt will Israel den katarischen Fernsehsender verbannen.

Globale Medienmarke, die 310 Millionen Haushalte erreicht: Die Zentrale des TV-Senders al-Jazeera in Doha.

Globale Medienmarke, die 310 Millionen Haushalte erreicht: Die Zentrale des TV-Senders al-Jazeera in Doha. Bild: Keystone

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Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu fand schon letzte Woche, dass ihm der TV-Sender al-Jazeera wegen der Berichterstattung über den Streit um den Tempelberg in Jerusalem ein Dorn im Auge sei. «Al-Jazeera stachelt zu Gewalt an», schrieb Netanyahu auf seiner Facebook-Seite. Inzwischen hat Israels Kommunikationsminister nachgelegt. «Zuletzt haben fast alle Länder in unserer Region festgestellt, dass al-Jazeera Terrorismus und religiöse Radikalisierung unterstützt», sagte Ajoob Kara. Al-Jazeera ist laut Kara ein «Werkzeug» der sunnitischen Terrormiliz Islamischer Staat, des schiitischen Iran, der libanesischen Hizbollah-Miliz sowie der radikalislamischen Palästinenserbewegung Hamas.

Israel möchte nun den Journalisten von al-Jazeera die Akkreditierungen entziehen, wodurch sie faktisch nicht mehr in Israel arbeiten könnten. Ausserdem sollen die israelischen Kabel- und Satellitenbetreiber die Übertragungen des katarischen TV-Senders blockieren. Schliesslich plant Israels Regierung, den Sender al-Jazeera per Gesetz ganz zu verbieten. Vertreter Israels haben al-Jazeera schon in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen, Partei gegen den jüdischen Staat zu ergreifen.

Saudiarabien und Ägypten krebsen zurück

Al-Jazeera ist auch für mehrere arabische Staaten ein dauerndes Ärgernis. Saudiarabien und seine Verbündeten – Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain – hatten vor zwei Monaten auf die Schliessung von al-Jazeera gedrängt. Damals war der Konflikt zwischen Saudiarabien und Katar eskaliert. Die Saudis und ihre Verbündeten verhängten eine Blockade gegen Katar und stellten eine Reihe von Forderungen auf. Inzwischen ist die Schliessung von al-Jazeera offenbar kein Thema mehr, wie die NZZ kürzlich berichtete. Die Forderung, den Sender zu schliessen, habe sich als lächerlich erwiesen, wird Mhamed Krichen, Hauptmoderator von al-Jazeera, zitiert.

Auch eine Stimme der Palästinenser: In einem Coiffeursalon in Jerusalem läuft eine Sendung von al-Jazeera. Foto: Keystone

Al-Jazeera ist eine Erfolgsgeschichte. Der Sender, auf Deutsch «die Insel», war 1996 vom damaligen katarischen Staatsoberhaupt Hamad bin Chalifa al-Thani als erster transnationaler arabischer Nachrichtensender in Doha gegründet worden. Mit mehr als 80 Stationen weltweit erreicht al-Jazeera mittlerweile täglich 310 Millionen Haushalte.

Als der Fernsehsender 2006 seinen englischsprachigen Betrieb aufnahm, erarbeitete er sich auch international einen professionellen Ruf. Mit seinen intensiven Debatten und seinen «Call-in»-Sendungen setzte al-Jazeera neue Massstäbe für eine offenere Gesprächskultur im arabischen Fernsehen – zum Ärger der autoritären Herrscher.

Während des Arabischen Frühlings hatte sich al-Jazeera auf die Seite der Massen gestellt. Die Revolutionen in Tunesien, Syrien und Ägypten begleiteten die Journalisten von al-Jazeera inmitten der wütenden Demonstranten. In Ägypten sympathisierte al-Jazeera mit den Muslimbrüdern, die von der heutigen Regierung als Terroristen betrachtet werden. Das al-Jazeera-Büro in Kairo musste geschlossen werden.

Der arabische Ableger von al-Jazeera ist kein reines Medium, sondern auch ein Instrument der katarischen Aussenpolitik. Und bei aller Kritik an anderen Regierungen – das katarische Königshaus ist für die Journalisten von al-Jazeera ein Tabu.

«Al-Jazeera unterstützt Terrorismus und religiöse Radikalisierung»: Ajoob Kara, Informationsminister Israels. Foto: Keystone

Al-Jazeera war der erste arabische Sender, der aus dem israelischen Parlament berichtete. In seiner Israel-Berichterstattung setzte der katarische TV-Sender den Fokus auf die palästinensische Bevölkerung. Oft zum Missfallen der israelischen Regierung, die nun al-Jazeera aus dem Land verbannen möchte.

Al-Jazeera verurteilt die angekündigten Massnahmen als «undemokratisch» und kündigt rechtliche Schritte an. Man werde weiterhin aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland berichten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2017, 20:49 Uhr

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