Der Ingenieur des Pharaos

Die marode Infrastruktur hemmt die Entwicklung Ägyptens. Bauingenieur Hany Azer, der ein Leben lang Grossprojekte in Deutschland betreut hat, soll Abhilfe schaffen.

Der Suezkanal wird ausgebaut: Durch Tunnel darunter sollen bald Züge und Autos fahren. Foto: Kristian Helgesen (Bloomberg)

Der Suezkanal wird ausgebaut: Durch Tunnel darunter sollen bald Züge und Autos fahren. Foto: Kristian Helgesen (Bloomberg)

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Diese Hände können Tunnel graben. Hany Azer wickelt ein Blatt Papier zu ­einer Rolle. «Das ist die Tunnelbohr­maschine», sagt er und legt den Kopf zur Seite. «Die ist rund wie eine Blechdose. Wenn sich die Dose durch den Untergrund frisst, dann berührt die Aussenwand den Boden», erklärt er und schiebt die Rolle langsam durch die linke Hand. «Dann bauen wir Segmente aus Stahl­beton ein», fährt er fort, und die Rechte greift zum Kugelschreiber auf dem Tisch. «Wenn die Dose weiterfährt, bleibt eine Lücke zwischen Beton und Tunnel.» Die Spitze des Kulis fährt den Spalt zwischen Hand und Papierrolle ab. «Der Zwischenraum ist so gross, wie das Blech von der Dose dick ist», sagt er und blickt über seine Brillengläser hinweg, um sicherzugehen, dass der Zuhörer ihm folgen kann. «Das verpressen wir mit Mörtel.» Jetzt strahlt er, die Augen leuchten. Kunstpause. «Ring-Spalt-Verpressung», er betont jedes Wort einzeln.

Hany Azer ist Tunnelbauer mit jeder Faser seines Körpers. Wenn man ihm zuhört, ist man augenblicklich überzeugt, dass es keinen aufregenderen Beruf gibt auf der Welt. Der Bauingenieur hat Brücken errichtet und Strassen, hat als Projektleiter den Berliner Hauptbahnhof rechtzeitig zur Fussball-Weltmeisterschaft 2006 fertiggestellt. Er war die Feuerwehr der Deutschen Bahn. Wenn etwas fertig werden musste, andere aufgegeben hatten, holten sie ihn. Vor kurzem noch wollte ihn sein früherer Chef Hartmut Mehdorn für den Berliner Pannenflughafen BER anwerben.

Die Zukunft Ägyptens

Hany Azer ist 65, er könnte sich zur Ruhe setzen. Doch er hat noch einmal eine Aufgabe gefunden, für die er brennt, dort, wo er seine Wurzeln hat – in Ägypten. Er wird Tunnelröhren unter dem neuen Suezkanal durchtreiben, drei in Port Said und drei in Ismailia, je zwei für die Strassen und eine für die Bahn, vielleicht zwei weitere in Suez. Sie sollen ermöglichen, die angrenzenden Landstriche wirtschaftlich zu erschliessen. Die Regierung plant grosse Freihandelszonen; sie sollen Arbeit bringen, nicht nur Durchfahrtsgebühren.

Wichtiger aber und noch grösser: Er baut mit an der Zukunft Ägyptens. ­Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat ihn in seinen Beraterstab geholt, dem auch Amerikaner und Briten ägyptischer ­Herkunft angehören. Alle zwei Monate treffen sie sich, um ein Problem zu ­diskutieren, Lösungen zu erörtern.

So arbeitet Hany Azer gerne: analytisch und systematisch. Sein Wissen ist gefragt, wo immer es um Grossprojekte geht. Von denen plant Sisi etliche, und Azer hat einige erfolgreich gemanagt. Premierminister Ibrahim Mahlab, Bauingenieur wie Azer, hört auf seinen Rat, wenn es um Verkehrs-, Eisenbahn- und Tunnelprojekte geht. Beruflich kennen sich die beiden schon länger.

Die marode Infrastruktur ist eines der grossen Probleme Ägyptens, oft ein Hemmnis für die Entwicklung. Effektive öffentliche Verkehrsmittel fehlen, von zwei U-Bahn-Linien in Kairo abgesehen. Die Strassen sind chronisch verstopft, vor allem in der Hauptstadt mit ihren 20 Millionen Einwohnern, die Eisenbahntrassen grossenteils veraltet, ebenso die meisten Züge. Schwere ­Unfälle passieren immer wieder.

Einer der Besten Europas

Hany Azer wurde 1949 in Tanta geboren, im Nildelta nördlich von Kairo, er war das fünfte von sechs Kindern. Schon sein Vater arbeitete als Ingenieur, war am Bau der Bahnstrecke von Alexandria nach Assuan beteiligt. Der Sohn studierte an der Ain-Shams-Universität und ging 1974 nach Bochum, wo er Deutsch lernte. Und er lernte deutsche Gründlichkeit. «Ich hatte Ehrgeiz, ich wollte ­alles mitmachen», erinnert er sich. Er fand seine Liebe und nach dem Diplom 1979 auch sofort einen Job, lernte «Statik von der Pike auf», wie er sagt. Noch heute kann er mit dem ­Taschenrechner kalkulieren, wofür jüngere Kollegen den Computer brauchen. Er buddelte Tunnel in verschiedensten Bauweisen, landete schliesslich bei der Bahn – und erwarb sich mit den Jahren den Ruf, zu den besten Ingenieuren ­Europas zu zählen.

Präsident Sisi traf er zufällig, es war im April 2013, wie Azer sich erinnert: «Wir haben vier Stunden miteinander geredet, es war ein sehr, sehr angenehmes Gespräch.» Da war Sisi noch Verteidigungsminister im Kabinett des Islamisten Mohammed Mursi und stellvertretender Premier. «Ich war begeistert von seiner Art», sagt Azer. «Er ist bescheiden und hört unheimlich gut zu», eine Beschreibung, die westliche Diplomaten durchaus teilen. Das Gespräch kam auch darauf, was Azer beitragen könne mit seinen Erfahrungen aus Deutschland; der Präsident zeigte sich «begeistert von der Aufbauleistung nach dem Zweiten Weltkrieg», sagt Azer.

Als Premier Mahlab nach der Präsidentenwahl im Juni 2014 anruft, um ihn als Berater zu gewinnen, sagt er zunächst trotzdem Nein. Einen Monat braucht Mahlab, ihn umzustimmen. Eine Bezahlung lehnt Azer ab. Auch Sisi meldet sich wenig später. «Er wollte ein paar Zugvögel um sich scharen, einen kleinen Beraterstab mit internationaler Erfahrung, um das Land aufzubauen», erzählt Azer. Der ägyptische Präsident versteht es, Menschen für sich zu gewinnen. Er kann ihnen schmeicheln. Und Azer verspürt plötzlich das Gefühl, dass nun die Zeit gekommen ist, etwas ­zurückzugeben an seine Heimat.

«Aus der Politik halte ich mich raus», antwortet er, fragt man ihn, wie er das autoritäre Gebaren der Regierung beurteilt; ein Freund der Muslimbrüder wird der weltoffene Christ allerdings kaum gewesen sein. «Es ist das Volk, das ein Land aufbaut», sagt er, «das kann kein Präsident allein.» Und es könne ja nichts Falsches daran sein, den Menschen in Ägypten zu helfen. Der drahtige, nicht allzu gross gewachsene Mann beschränkt sich auf den Ingenieur, «das ist, wovon ich etwas verstehe». Er ist nicht geboren zum Politiker, zum Diplomaten. Doch in Ägypten schätzen sie seine ­anpackende Art. Für das Fernsehen ist er ein gefragter Interviewpartner. Er verkörpert den Aufbruch, den sich viele Menschen wünschen, unabhängig davon, wie sie politisch denken.

Den Premier am Handy

Seine Kommunikationswege in Ägypten sind äusserst direkt. Premier Mahlab ruft er auf dem Handy an, wenn es etwas abzustimmen gilt. Ist er in Kairo und braucht etwas vom Präsidenten, setzt er sich in seinem Hotel in Nasr City in einen schwarzen Mercedes und lässt sich zum nahen Ittihadiya-Palast fahren. Die Sicherheitsleute wissen längst, wer er ist, aber auch normale Bürger auf der Strasse erkennen ihn mitunter.

Der Präsident hat ihm die Türen ­geöffnet. «Ingenieur Azer, ich empfange jeden, der diesem Land helfen will», liess Sisi ihn wissen. Das liess er sich nicht lange sagen, brachte den deutschen Altkanzler Gerhard Schröder nach Kairo und Martin Herrenknecht, Chef einer Spezialfirma für Tunnelbaumaschinen. So sieht Azer seine Rolle. Er baut ein Team, er bringt die richtigen Leute zusammen. Herrenknecht wird die Vortriebsmaschinen für die Suez­tunnel liefern, gleich vier Stück.

Wichtiger noch ist ihm, Menschen zusammenzubringen. Er will junge Ägypter auf seiner Baustelle am Suezkanal an die Kunst des Tunnelbauens heranführen. Es wird ein Projekt ganz nach ­seinem Geschmack. 45 Meter unter der Wasseroberfläche wird die Tunnelsohle liegen, nur 20 Meter Erdreich werden den Tunnel vom Grund des Kanals trennen. Schiefgehen darf da nichts, und ­fertig werden sollen die Röhren auch noch möglichst schnell. Aber unter Druck ist Hany Azer am besten. Er wird die Ärmel hochkrempeln, den Helm aufsetzen. Dann wird er wieder in seiner Welt sein. Denn diese Hände haben schon viele Tunnel gegraben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2015, 00:14 Uhr

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