Das verwundete Herz Afrikas

In der Zentralafrikanischen Republik herrschen Gewalt, Chaos und Anarchie. Die UNO will Blauhelme entsenden, um zu verhindern, dass der Konflikt zwischen Christen und Muslimen eskaliert.

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Jan Eliasson hat drastische Worte gewählt, um den UNO-Sicherheitsrat aufzurütteln. «Die Zentralafrikanische Republik versinkt vor unseren Augen im kompletten Chaos», sagte der stellvertretende UNO-Generalsekretär in der Nacht auf Dienstag in New York. Recht und Ordnung existierten nicht mehr in diesem «gescheiterten Staat», der Hilfe brauche. Eliasson sprach von einem «Test für unsere internationale Solidarität».

Bereits reagiert hat Frankreich, die frühere Kolonialmacht. Die Regierung Hollande will tausend Soldaten entsenden. Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian sagte am Dienstag gemäss Agenturen, die Truppe werde etwa ein halbes Jahr in der Zentralafrikanischen Republik bleiben. In der Hauptstadt Bangui sind bereits 400 französische Soldaten stationiert. Die Franzosen sollen die Friedenstruppen der Afrikanischen Union (AU) unterstützen, aktuell gut 2500 Mann. Frankreich reichte beim Sicherheitsrat zudem einen Resolutionsentwurf ein, um die multilaterale Mission afrikanischer Staaten zu stärken und daraus eine UNO-Truppe zu bilden. Die Rede ist von 6000 bis 9000 Blauhelmen. Die USA würden sich finanziell an der Mission beteiligen.

Staatschef Djotodia vertritt muslimische Minderheit

Seit dem Putsch im Frühling herrscht in der Zentralafrikanischen Republik Anarchie. Das mehrheitlich muslimische Rebellenbündnis Séléka (Allianz) hat vergangenen März Bangui überrannt und Präsident François Bozizé gestürzt. Neuer Staatschef ist seither Séléka-Kommandant Michel Djotodia, der erste Muslim in diesem Amt. Er vertritt damit eine Minderheit im Land: Nur 15 Prozent der 5 Millionen Einwohner beten zu Allah, 50 Prozent sind Christen, der Rest huldigt afrikanischen Religionen.

De-facto-Präsident Djotodia hat zwar seine Séléka inzwischen aufgelöst und eigentlich in die Armee integriert. Doch die einstigen Rebellen verüben weiterhin Gewalttaten und kontrollieren den grössten Teil des Landes. Die christliche Mehrheit hat deshalb begonnen, sich ebenfalls zu organisieren, und gründete eine «Miliz zur Selbstverteidigung» mit dem programmatischen Namen Anti-Balaka (Anti-Machete), die wiederum Muslime attackiert.

«Religiöse Spannungen sind relativ neu»

Obwohl es in der Zentralafrikanischen Republik seit der Unabhängigkeit 1960 regelmässig zu Umstürzen gekommen ist, haben Christen und Muslime bis im vergangenen März friedlich zusammengelebt. «Die religiösen Spannungen sind relativ neu», sagt Nadia Dibsy vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) in Bangui am Telefon. Die Gewalt zwischen den beiden Gemeinden habe markant zugenommen. Man könne sich nirgends im Land mehr sicher fühlen, auch in Bangui nicht. «Heute tragen die Menschen Waffen, wenn sie unterwegs sind, selbst in den Zentren der Städte und Dörfer.»

Und sie setzen sie auch ein. Der stellvertretende UNO-Generalsekretär Jan Eliasson sprach von «Leid jenseits jeder Vorstellungskraft», von sexueller Gewalt und dem Einsatz von Kindersoldaten. Vor allem die Séléka-Rebellen sollen sich Gräueltaten schuldig gemacht haben. Ihnen werden Folter, Massenexekutionen, willkürliche Verhaftungen, Vergewaltigungen und Plünderungen vorgeworfen. Frankreichs Verteidigungsminister sprach von einem «Massaker» und der «Tendenz zu einer religiösen Auseinandersetzung».

UNO warnt vor Hungerkatastrophe

Die Leidtragenden sind wie immer die Zivilisten, vor allem die Frauen und Kinder. Sie fliehen aus ihren Dörfern in den unwegsamen Busch und können nicht zurückkehren. Etwa 400'000 Menschen sind auf der Flucht. «Sie leben unter unmenschlichen Bedingungen. Sie haben nichts zu essen und werden krank», sagt IKRK-Sprecherin Dibsy. Betroffen seien auch Schwangere und junge Mütter mit Kindern unter fünf Monaten. Die Lage sei «extrem beunruhigend».

Das IKRK hilft, so gut es geht. «Die Spitäler haben kein Personal und keine Medikamente mehr. Wir versuchen, mit mobilen Kliniken auszuhelfen», berichtet Nadia Dibsy. Im vergangenen Monat wurden 55'000 Kilogramm Chemikalien zur Wasseraufbereitung verteilt sowie Latrinen eingerichtet, um drohenden Seuchen vorzubeugen. Inzwischen hat die UNO vor einer Hungerkatastrophe gewarnt. Das IKRK verteilt Lebensmittelrationen, vor allem an Familien, die Vertriebene aufgenommen haben. «Wenn man 10 bis 15 Gäste hat, schlägt das aufs Budget. Das ist sehr schwierig für diese Familien», sagt Dibsy.

Die IKRK-Sprecherin ist skeptisch, was den Einsatz von UNO-Blauhelmen betrifft: «Zunächst sollte man an die lokalen Behörden appellieren, die Ordnung wiederherzustellen und die Zivilbevölkerung zu schützen. Sie stehen in der Verantwortung.» Allerdings brauche es vielleicht internationale Truppen, um den Vertriebenen zu ermöglichen, sicher in ihre Dörfer zurückzukehren, so Dibsy.

Gefahr eines religiösen und ethnischen Kriegs

Und nicht nur das. Die UNO befürchtet, die Krise könnte die gesamte Region erfassen. «Wenn wir zulassen, dass sich die Lage in der Zentralafrikanischen Republik weiter verschlechtert, könnte daraus ein religiöser und ethnischer Konflikt entstehen mit langfristigen Folgen, etwa einem Bürgerkrieg, der sich auf die gesamte Region ausweitet», warnte Jan Eliasson.

Das Binnenland im Herzen Afrikas grenzt an sechs Staaten: Kamerun, Sudan, Südsudan, Kongo-Kinshasa, Kongo-Brazzaville und Tschad. Die 5200 Kilometer lange Grenze ist weitgehend ungesichert, was es Rebellen verschiedener Couleur erlaubt, bei Bedarf in einen anderen Staat auszuweichen. Berüchtigtes Beispiel dafür sind Joseph Kony und seine Lord's Resistance Army. Ursprünglich aus Uganda kommend treibt der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesuchte Kony seit Jahrzehnten im Kongo und im Südsudan sein Unwesen. Vergangene Woche soll er sich in der Zentralafrikanischen Republik aufgehalten haben. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.11.2013, 18:01 Uhr

Zentralafrikanische Republik

«Die Flüchtlinge leben unter unmenschlichen Bedingungen. Sie haben nichts zu essen und werden krank»: IKRK-Sprecherin Nadia Dibsy.

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