«Das löst viele Ängste und Unsicherheiten aus»

Interview

Samih Sawiris ist skeptisch, ob Mohammed Mursi der richtige Mann für Ägyptens Wirtschaft ist. Trotzdem sieht er in der Wahl auch Vorteile.

«Für den Tourismus hätte der Ausgang der Wahlen nicht besser sein können»: Samih Sawiris, Mehrheitsaktionär der in Ägypten und Andermatt tätigen Orascom Holding. (Archivbild 14. Dezember 2010)

«Für den Tourismus hätte der Ausgang der Wahlen nicht besser sein können»: Samih Sawiris, Mehrheitsaktionär der in Ägypten und Andermatt tätigen Orascom Holding. (Archivbild 14. Dezember 2010)

(Bild: Reuters)

René Staubli

Wo haben Sie das Ergebnis der ägyptischen Wahl erfahren? Ich war in New York und verfolgte die Bekanntgabe am Fernseher.

Was war Ihr erster Gedanke? Natürlich hatte ich mir schon im Voraus meine Überlegungen für beide möglichen Wahlausgänge gemacht. Persönlich hätte ich lieber gehabt, wenn Ahmed Shafik gewählt worden wäre. Er hätte Ägypten weiterentwickelt und nicht auf revolutionäre Art und Weise umgekrempelt. Dass die Islamisten an die Macht gekommen sind, löst viele Ängste und Unsicherheiten aus.

Was bedeutet die Wahl Mohammed Mursis für Ägyptens Wirtschaft? Das wird sich weisen. In Ägypten liegt die Wirtschaft seit bald zwei Jahren am Boden. Es wird praktisch nichts mehr produziert und exportiert; die Staatskassen sind fast leer. Es gibt zwar kein Wunderrezept, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, aber es ist klar, welche Medizin das Land nun am nötigsten braucht, um wieder in Schwung zu kommen.

Welche denn? Es muss schnell eine stabile und funktionierende Regierung entstehen, die es schafft, den Beamten und Behörden die Angst vor Entscheidungen zu nehmen. In den letzten Monaten hat sich kein Beamter mehr getraut, ein Papier zu unterzeichnen – aus Angst, dass er angeklagt oder mit Klagen bedroht werden könnte. Die ägyptischen Behörden sind seit der Revolution paralysiert. Die grösste Gefahr für das Land besteht darin, dass dieser Schockzustand anhält. Auf dieser Basis ist kein wirtschaftliches Wachstum möglich.

Trauen Sie Mursi zu, dass er diese Paralyse beenden kann? Jetzt muss der Tatbeweis erbracht werden. Die Tausenden von Klagen gegen Beamte, viele davon völlig unberechtigt, haben das ganze System gelähmt und lähmen es noch immer. Dieser unheilvolle Zustand muss beendet werden.

Welche Auswirkungen erwarten Sie auf den Tourismus und damit auf die Geschäfte Ihrer Orascom Holding in Ägypten? So komisch es klingt: Für den Tourismus hätte der Ausgang der Wahlen nicht besser sein können. Wir haben einen gewählten Präsidenten, es herrscht Ruhe im Land, es kommt eine neue Regierung. Die Tourismusbranche hat wenig mit den Behörden zu tun. Wir generieren unsere Einnahmen in Euro und Dollar, während die Ausgaben im schwächer werdenden ägyptischen Pfund anfallen. Wir sind gut aufgestellt.

Fürchten Sie nicht, dass die Islamisten Vorschriften erlassen könnten, wie sich westliche Touristen in den ägyptischen Resorts künftig zu verhalten haben, etwa was Kleidung, Unterhaltung oder Alkoholkonsum angeht? Absolut nicht! Und zwar aus rein pragmatischen Gründen: Unser Land braucht die Devisen und die Arbeitsstellen der Tourismusbranche. Wehe dem, der das tägliche Brot des Ägypters infrage stellt. Die Bevölkerung würde solche religiös motivierten Restriktionen nicht akzeptieren. Sie hat ja ihre Souveränität klar unter Beweis gestellt.

Der grösste Teil der Einnahmen von Orascom kommt aus Ägypten. Ist Ihr Tourismusprojekt in Andermatt von den Entwicklungen betroffen? Wir haben die Finanzierung in Andermatt für dieses und nächstes Jahr sichergestellt. Wichtig ist, dass wir unsere Geschäfte in Ägypten nach den beiden schwierigen Jahren wieder in einem stabilen Umfeld betreiben können.

Tages-Anzeiger

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