Als Israel gegründet wurde

1948 ruft David Ben-Gurion den Staat der Juden aus. Ein jüdischer und ein arabischer Zeitzeuge erinnern sich an den Aufbau, an die Gründung, an den folgenden Krieg.

Flugshow der israelischen Luftwaffe anlässlich der Feier 2017. Dieses Jahr dauerten die Feierlichkeiten offiziell 70 Stunden. Foto: Ammar Awad (Reuters)

Flugshow der israelischen Luftwaffe anlässlich der Feier 2017. Dieses Jahr dauerten die Feierlichkeiten offiziell 70 Stunden. Foto: Ammar Awad (Reuters)

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Radiohören war verboten, eigentlich – Gideon Eckhaus und vier andere Männer lagen in den Schützengräben zwischen Beer Tuvia und Kfar Warburg, sie mussten Wache schieben. Die jungen Männer wollten an diesem 14. Mai 1948 um 16 Uhr den historischen Augenblick jedoch nicht verpassen und wechselten sich ab. «Einer hielt Wache, die anderen konnten zuhören, wie der Staat ausgerufen wurde. Als David Ben-Gurion sagte, der Name des Staates sei Israel, sind mir die Tränen herunter­gelaufen.»

Der entscheidende Satz lautete: Die Anwesenden «verkünden hiermit kraft unseres natürlichen und historischen Rechts und aufgrund des Beschlusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel – des Staates Israel». Ganze 32 Minuten dauerte die Zeremonie im damaligen Kunst­museum am Rothschild-Boulevard in Tel Aviv. Ben-Gurion las die insgesamt 19 Paragrafen vor – über ihm hing das Bildnis von Theodor Herzl, des aus Wien stammenden Zionisten, dessen Traum von einem Judenstaat Wirklichkeit geworden war. Für den Radiosender Kol Israel war es die erste landesweite Übertragung.

«Ben-Gurion wusste ganz genau, dass es sehr viele Opfer geben würde.»
Gideon Eckhaus

Eckhaus war damals 24 Jahre alt und gehörte der zionistischen paramilitärischen Haganah-Bewegung an. 70 Jahre später sitzt er in Tel Aviv in seinem Wohnzimmer in einem blauen Lehnstuhl und ist kaum zu stoppen. Die Erinnerungen drängen aus ihm heraus, und er schildert, dass er im Moment der Staatsgründung auch Sorgen hatte: «Ben-Gurion wusste ganz genau, dass es sehr viele Opfer geben würde.»

In der Nacht vom 14. zum 15. Mai lief um Mitternacht das offizielle britische Mandat aus. Kurz danach erklärten Ägypten, Transjordanien, Syrien, der Libanon und der Irak dem israelischen Staat den Krieg. «Wir mussten uns dem entgegenstellen. Wenn die Haganah nicht gewesen wäre, wäre nichts zustande gekommen. Gar nichts», sagt Eckhaus mit fester Stimme. Er selbst leitete die Jugendabteilung der Haganah, die nach der Staatsgründung in eine reguläre Armee überführt wurde. Zweifel habe er damals nicht gehabt, sagt Eckhaus mit Nachdruck. «In jedem Krieg musst du den Gedanken haben, dass du siegen wirst. Wenn du denkst, du wirst verlieren, dann hast du schon verloren.»

Der Vater hat es nicht geschafft

Am 10. Januar 1939 war er mit dem Schiff in Tel Aviv angekommen. Eckhaus war 15 Jahre und drei Monate alt; seine alte Heimat Wien hatte er hinter sich gelassen. Mit seinem Vater hatte er sich vor der Abfahrt des Schiffes noch in Triest treffen wollen. «Aber das Schiff ist früher abgefahren, und so habe ich ihn nie wieder gesehen. Er ist nach Auschwitz gekommen.» Der Betrieb des Vaters, der Kaufmann war, wurde «arisiert». Sein Bruder überlebte den Holocaust in den USA.

Eckhaus hat den sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 noch in Wien miterlebt, auch die Demütigungen, wie Juden die Strassen reinigen mussten, zusammengeschlagen, aus ihren Häusern geholt und abtransportiert wurden. Ein SS-Mann hat ihm, der ab seinem zwölften Lebensjahr im zionistischen Jugendverband war und im Palästinaamt mitgeholfen hat, ins Gesicht gesagt: «So, Jude, geh nach Haus und schau, dass alle Juden nach Palästina kommen.»

4. Mai 2018: Israels Armee bekämpft palästinensische Demonstranten mit Tränengas. Foto: Ali Jadallah (Getty)

Zumindest er hat es bis nach Palästina geschafft. Er wollte unbedingt zu einer «nicht frommen Familie» und wurde von einer im Dorf Kfar Wittkin 40Kilometer nördlich von Tel Aviv aufgenommen. «Ich kam an mit dem Willen, etwas zu tun, um einen jüdischen Staat zu errichten.» Denn, das ist ihm ganz wichtig zu betonen: «Der Staat Israel wurde nicht von Holocaustopfern gebildet, sondern von den Pionieren. Als sie herkamen, war hier nichts. Es gab einige arabische Städte, aber beinahe alles war Sand.» Der Holocaust wird in der Unabhängigkeitserklärung als einer der zentralen Gründe genannt, warum es einen jüdischen Staat geben müsse: «Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs Neue, dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muss.»

Entschädigung? Er lacht bitter auf: «Wir haben nie etwas bekommen.»
Yousef Khattab

Er selbst arbeitete in der Landwirtschaft, schlief während fünf Jahren in einem Zelt. Später wechselte Eckhaus zum Bau, dann wurde er in der Jugendarbeit gebraucht. Er besuchte Seminare, leitete Jugendgruppen in und um Beer Tuvia, später die Jugendabteilung der Haganah, Gadna. Danach war Eckhaus für 160 Jugendheime verantwortlich und arbeitete viel mit jungen Einwanderern. «Das war nicht immer leicht und mein Beitrag zum Aufbau Israels.»

Überhaupt, einen Staat aufzubauen, das sei nicht immer einfach gewesen, meint der Mann, der auch im hohen Alter seine donnernde Stimme mit unverkennbarer Wiener Sprachfärbung nicht verloren hat. «Es kamen Juden aus aller Welt. Israel musste sie alle aufnehmen. Und die Juden aus Europa haben die Juden aus dem Nahen Osten nicht gerade pfiffig aufgenommen, was damals schon nicht in Ordnung war.»

Den Österreichern las er die Leviten

Das ist eine höfliche Umschreibung für einen Umgang miteinander, der nicht auf gleicher Ebene stattfand. Die aus Europa stammenden Juden, die Aschkenasim, zu denen auch der aus Polen eingewanderte Staatsgründer David Ben-Gurion gehörte, fühlten sich überlegen und liessen das die anderen auch spüren. Diese Spaltung der Gesellschaft ist selbst 70 Jahre danach noch nicht überwunden. Hinzu kommen die Differenzen zwischen säkularen und religiösen – oder frommen – Juden. «Man musste alle zusammenbringen, denn wenn man sie nicht zusammenbringt, gibt es kein Volk. Und ohne Volk gibt es keine Heimat», fasst Eckhaus seine Sicht der Dinge zusammen.

Er selbst hatte in Israel seine neue Heimat gefunden, an eine Rückkehr nach Österreich hat er nie gedacht. Er war massgeblich an den Restitutionsverhandlungen mit Österreich ab 1994 beteiligt. Besucher bekommen ein Video gezeigt, das ihn bei einer Rede im österreichischen Nationalrat zeigt, bei der er kein Blatt vor den Mund nimmt und die unzureichende Aufarbeitung der NS-Vergangenheit geisselt. Hinter ihm sind die Spitzen der damaligen ersten Koalition aus ÖVP und FPÖ zu sehen, die nun eine Neuauflage unter Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache erfahren hat. Als der damalige sozialdemokratische Bundeskanzler Christian Kern vor einem Jahr in Israel zu Besuch war, hat Eckhaus in einer eindringlichen Rede vor den Gefahren des wachsenden Antisemitismus in Österreich gewarnt.

Österreich ist er trotzdem immer verbunden geblieben; den Vorsitz des Zentralkomitees der Juden aus Österreich in Israel hat er erst vergangenen Herbst aus gesundheitlichen Gründen abgegeben. Er kommt auch nur noch selten zum Treffen im Club der Pensionisten, den es in Tel Aviv und Jerusalem seit Jahrzehnten gibt. Es ist ein Stück Österreich in Israel. Vieles fiele ihm im Alter schwer, meint er. Dass seine Frau Sara vor einem Dreivierteljahr gestorben ist, war ein schwerer Schlag für ihn. Seither kümmert sich die Asiatin Mey, eine ausgebildete Krankenschwester, nur noch um ihn. Er bittet sie, mit ihm die Ahnenreihe durchzugehen – er will seine Nachkommen alle aufzählen, sie beim Namen nennen: seine Kinder, Shimon und Doron, und deren drei Söhne. 15 Urenkel gibt es schon.

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Zu fast jedem seiner Nachfahren kann er eine Geschichte erzählen, er hat Dutzende Fotos von seinen Familienmitgliedern auf einer Kommode im Wohnzimmerschrank stehen. Daneben ist das Radio, das er und seine Frau zur Hochzeit kurz vor der Staatsgründung geschenkt bekommen haben.

Damals waren noch die Briten in Palästina. Im Jahr 1922 hatte Grossbritannien vom Völkerbund, dem Vorgänger der UNO, das Mandat für Palästina erhalten. Die Briten wollten die Balfour-Deklaration aus dem Jahr 1917 erfüllen: Sie verpflichteten sich damals, für das jüdische Volk in Palästina eine nationale Heimstätte zu fördern. Andererseits wollten sie verhindern, dass die Rechte der «bestehenden nicht jüdischen Gemeinschaften», also der Palästinenser, beschnitten werden. Sie wollten auch die Araber nicht verprellen, die das britische Mandat als völkerrechtswidrig bezeichneten.

Die damals noch junge UNO legte am 29. November 1947 einen Teilungsplan für Palästina vor. Obwohl nicht viel mehr als ein Drittel der Bevölkerung Palästinas Juden waren, sollte der jüdische Staat aber wegen der vielen zu erwartenden Zuwanderer 54 Prozent des Territoriums erhalten. Der Grossraum Jerusalem sollte unter internationaler Kontrolle stehen. Während die Juden – darunter auch David Ben-Gurion – dem Plan zustimmten, wiesen ihn die arabischen Staaten zurück und griffen später an, als Ben-Gurion die Umsetzung des eigenen Staates in die Hand nahm.

14. Mai 1948: David Ben-Gurion erklärt in Tel Aviv die Gründung Israels. Foto: Israel (Keystone)

Nicht erst, seit er alt geworden ist, beschäftigt sich Eckhaus mit der Vergangenheit. Er denkt häufig darüber nach, was hätte anders kommen können, was man für Gegenwart und Zukunft lernen könne. «In der Geschichte gibt es Dinge, die man nicht prognostizieren kann. Als ich hier ankam, dachte ich, dass wir mit den Arabern eine ausgezeichnete Gesellschaft bilden können. Es kam anders.» Wenn mehr Geld in den Bildungsbereich investiert worden wäre – auch für Araber –, würde es womöglich funktionieren, meint er heute.

Er, der in der Haganah gekämpft hat und betont, Israel müsse immer eine starke militärische Verteidigung haben, macht sich auch über den Friedensprozess seine Gedanken: «Um einen Frieden zu schaffen, benötigt man immer zwei. Wer wirklich einen Frieden will, muss auch der anderen Seite etwas anbieten. Wenn man etwas der anderen Seite anbietet, dann muss die andere Seite bereit sein, etwas zu akzeptieren.»

Eckhaus: «Ich bin nicht stolz, aber ich bin sehr zufrieden»

Den Staatsgründer Israels hat er dreimal persönlich getroffen. Einmal habe er dessen Frau Paula eine Tasche nachgebracht, die sie vergessen hatte. Gegen einen «neuen Ben-Gurion» hätte er nichts, aber der sei nicht in Sicht. Jom Haatzmaut, den Unabhängigkeitstag, hat Eckhaus in diesem Jahr bei der Familie gefeiert – nach dem jüdischen Kalender fand der Jahrestag bereits statt. In der Nacht vom 18. zum 19. April gab es im ganzen Land Feuerwerke und Feste, es war der Beginn einer 70-stündigen Party. In den Geschichtsbüchern rund um den Erdball wird der 14. Mai 1948 als Datum der Staatsgründung Israels genannt.

Er habe sich in den vergangenen 70 Jahren häufiger gefragt, warum es Israel noch gebe. «Es ist ein Wunder. Ich bin nicht stolz, aber ich bin sehr zufrieden. Ich kenne kein einziges Volk auf der Welt, das das schaffen konnte, was wir bis heute geschaffen haben.»

Die Vertreibung der Palästinenser

Für Yousef Khattab ist der 70. Jahrestag der israelischen Staatsgründung kein Grund zum Feiern – für ihn ist dieser Tag die Nakba, die Katastrophe. Eigentlich ist damit der 15. Mai gemeint, der Tag nach der Ausrufung des Staates Israel. Mit diesem Datum verbinden die Palästinenser Flucht und Vertreibung. Khattab war fünf Jahre alt, als er mit seinen Eltern und den vier Geschwistern sein bisheriges Zuhause verlassen musste. Heute orientiert sich der 75-Jährige an einem Olivenbaum. «Hier ist das Haus unserer Familie gestanden.»

Mit weit ausladenden Gesten beschreibt er ­etwas, was schwierig vorstellbar ist: Da habe das Steinhaus mit Bögen gestanden mit vier Räumen, jeweils sechs mal sechs Meter gross. Draussen seien Schafe, eine Kuh und ein Pferd gewesen, das sein Vater für die Feldarbeit brauchte. Ringsherum standen Bäume. «Ich kann mich noch erinnern, dass ich die Früchte direkt vom Baum gegessen habe.»

Jetzt steht auf diesem Grundstück eine Schule, auf dem Spielplatz toben Kinder. «Wenn ich diese Kinder sehe, dann stelle ich mir vor, hier könnten meine Enkel herumlaufen.» Auf dem Gelände wehen israelische Flaggen im Wind, von den Unabhängigkeitsfeiern übrig geblieben. Aus dem palästinensischen Dorf Mjeder mit 2000 Einwohnern wurde das israelische Migdal Haemek mit 25'000 Einwohnern, aus der Haifa-Strasse ausgerechnet die Jom-Haatzmaut-Strasse.

Immer wieder schiessen ihm die Tränen in die Augen, wenn er sich an die Tage Ende Mai 1948 erinnert. «Ich bin sicher, dass die Erwachsenen damals etwas gespürt oder gehört haben, deshalb sind sie aufgebrochen. Auch wir Kinder konnten die Angst spüren.» Damals sei immer wieder die Rede gewesen vom Massaker von Deir Yasin. Hunderte Palästinenser sind damals von Juden in einem Dorf in der Nähe Jerusalems ermordet worden. «Alle haben gedacht: Was dort passiert ist, kann auch mit uns geschehen.»

Zuflucht bei den Katholiken

Was genau der Auslöser des Massakers war, daran kann sich Khattab nicht mehr erinnern. Aber eine Szene verfolgt ihn bis heute: «Ich erinnere mich an ein Flugzeug, es war sehr nahe. Wir waren alle starr vor Angst. Meine Mutter hatte meine damals nur wenige Monate alte Schwester vor Schreck fallen ­gelassen. Sie hat sie aufgehoben, und dann sind wir gelaufen.» Mitgenommen haben sie nichts, sie haben sich eingereiht in den Zug von Menschen, der sich bis ins fünf Kilometer entfernte Nazareth zog. «Unser ganzes Dorf war in Bewegung.» Im Haus zurückgelassen haben sie die Grossmutter; sie war schon über 80 Jahre alt und sehr dick. Sie wollte nicht mehr weg. Mehrfach sei die Mutter mit Essen zurückgekehrt und habe ihn stets mitgenommen. «Den Wachen hat sie immer ‹Baby, Baby› zugerufen und auf mich gezeigt, damit sie nicht schiessen.» Nach zwei Wochen sei die Grossmutter gestorben.

In den ersten Tagen haben die palästinensischen Flüchtlinge in einem nahe gelegenen katholischen Kloster in Jaffa bei Nazareth Zuflucht gefunden, dann haben sie ein Haus gemietet. «Einige Monate später konnten wir von einem Hügel aus beobachten, wie die Häuser im Dorf zerstört wurden. Ich kann mich noch an Schreie erinnern: ‹Jetzt haben sie das Haus von Yousef zerstört!›.»

Vier Jahre später errichtete die israelische Regierung den Ort Migdal Haemek zunächst als Siedlung für jüdische Einwanderer aus dem Iran, viele davon auch Flüchtlinge. Heute leben vor allem Juden aus der ehemaligen Sowjetunion hier. Migdal Haemek gilt als Ort, der seinen «rein jüdischen» Charakter bewahren konnte.

Video: Proteste im Gazastreifen dauern an

Israelische Soldaten haben am Freitag mehrere palästinensische Demonstranten beschossen und verletzt. Video: Reuters

Am Aufbau des neuen Ortes hat Khattab mitgewirkt. 1963 war er Bauarbeiter und musste dann unter anderem genau an der Stelle, wo sein Haus gestanden hatte, ein neues Gebäude errichten. «Das war sehr schwer für mich.» Einen jüdischen Kollegen, der aus Marokko stammte, habe er damals gefragt, ob er wisse, was das eigentlich für ein Ort sei. «Er wusste nichts über die Geschichte. Aber damals hat er sich wenigstens dafür interessiert, heute ist das nicht mehr der Fall.»

2008 verbot das israelische Kulturministerium die Verwendung des Wortes Nakba in arabischen Schulbüchern – es gebe keinen Grund, die Gründung des Staates Israel in offiziellen Unterrichtsprogrammen als Katastrophe darzustellen. 2002 wurde in Israel ein Verein mit dem Namen «Zochrot», deutsch Erinnern, gegründet, der es sich zum Ziel gesetzt hat, der jüdischen Bevölkerung Israels die Problematik der Nakba näherzubringen.

Wenn Yousef Khattab mit seiner Frau Amni durch die Strassen seines Viertels am Stadtrand von Nazareth geht, das sich einen Hügel hochzieht, trifft er überall auf Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben. Er bezeichnet die Nachbarn nach den Orten, die es nicht mehr gibt.

Seit Jahrzenten in Flüchtlingslagern

700'000 Palästinenser mussten im Zuge der Staatsgründung Israels ihre Häuser verlassen; gleichzeitig wurden nach Ausbruch des ersten Nahostkrieges 1948 rund 600'000 Juden aus arabischen Ländern vertrieben. Viele Palästinenser leben zum Teil seit Jahrzehnten in 58 Flüchtlingslagern in den Nachbarländern Jordanien, dem Libanon, Syrien sowie dem Westjordanland und dem Gazastreifen. 1,5 Millionen Menschen werden vom 1949 gegründeten Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) versorgt. Das Mandat der UNO-Organisation muss seit der Gründung von der Vollversammlung der Vereinten Nationen alle drei Jahre erneuert werden.

Laut UNRWA gelten jene Personen als Palästina-Flüchtlinge, «deren ständiger Wohnsitz zwischen dem 1. Juni 1946 und 15. Mai 1948 in Palästina lag und die ihren Wohnsitz und ihre Lebensgrundlage durch den Arabisch-Israelischen Krieg 1948 verloren haben». Etwa fünf Millionen Menschen sind derzeit als Palästina-Flüchtlinge registriert. Nach Angaben der UNRWA machen palästinensische Flüchtlinge und deren Nachkommen rund 40 Prozent der gesamten Bevölkerung der von Israel besetzten Gebiete im Westjordanland sowie zwei Drittel der Bewohner des Gazastreifens aus. Khattab gilt als arabischer Israeli, deren Bevölkerungsanteil in Israel rund 20 Prozent beträgt. Ein Cousin Khattabs lebt im Libanon.

Kakteen als Symbol

Neben seinem Haus hinter einem Neubau in einem üppig grünen Garten hat er einen Kaktus gepflanzt; an dieser Pflanze könne man immer erkennen, wo einmal ein palästinensisches Haus gestanden habe. Juden hätten keine Kakteen, erklärt er. «Erst als Erwachsene haben wir verstanden, was geschehen ist. Es gab Dörfer in der Nähe, die nicht zerstört wurden, und es gab Orte, wo sie uns weghaben wollten. Das haben sie geschafft.»

All seine Unterlagen hat er in einer kleinen gepolsterten Mappe gesammelt. Er zeigt die Kaufurkunde des Grundstücks, eine alte Strassenkarte seines Dorfes. Bei der Frage nach einer Entschädigung lachen er und seine Frau fast gleichzeitig bitter auf: «Wir haben nie etwas bekommen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2018, 19:08 Uhr

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