35 Millionen Iraner kämpfen derzeit mit Wassermangel

Irans Wirtschaft liegt bereits am Boden, und nun sind auch noch die neuen US-Sanktionen in Kraft getreten. Gefährlich werden könnte dem Regime aber vor allem die anhaltende Trockenheit.

Die Brücke Si-o-se Pol ist nur Kulisse: Das Flussbett des Zayandeh in Isfahan kann man heute zu Fuss durchqueren. Foto: Vahid Salemi (Keystone)

Die Brücke Si-o-se Pol ist nur Kulisse: Das Flussbett des Zayandeh in Isfahan kann man heute zu Fuss durchqueren. Foto: Vahid Salemi (Keystone)

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Die Abendsonne taucht Isfahan in weiches Orange. Tagsüber ­waren es 42 Grad, die brutale Sommerhitze lässt nach. Familien finden sich unter Schatten werfenden Bäumen am Ufer des Flusses zum Picknick ein. Sie ­kochen Tee, knabbern Sonnenblumenkerne. Vor mehr als 2000 Jahren haben Menschen sich des Wassers wegen hier ­niedergelassen. Erstmals erwähnt wurde die Stadt im Jahr 20 n. Chr. vom griechischen Geografen und Geschichtsschreiber Strabon. Eine fruchtbare Oase, gespeist aus den Bergen des Zagros. Auf fast 4000 Meter Höhe entspringt dort der Zayandeh-Rud, auf Deutsch der «Lebensspender-Fluss».

Bis zu 150 Meter breit ist sein Bett in Isfahan, überspannt von elf Brücken. In Reiseführern und auf Postkarten finden sich Bilder der 1602 gebauten Si-o-se Pol, deren 33 Pfeiler sich im trägen Wasser spiegeln. Oder der zweistöckigen Pol-e Khadjou, halb Brücke, halb Stauwehr. Doch es spritzt und rauscht nicht mehr, nichts ist zu spüren von der ­kühlenden Gischt. Ihre Treppen, über die das Wasser plätscherte, liegen trocken. Seit zwei Jahren ist der einst wasserreichste Fluss im Zentraliran versiegt. Geblieben ist eine Wüste aus Schotter und aufgeplatzter, roter Erde. Sie zieht sich wie eine Narbe durch die Stadt.

«Der Zayandeh ist die Seele der Stadt», sagt Hassan Hosseini (63), ein pensionierter Lehrer. Er sitzt mit seinem Sohn und dessen Familie am Ufer unter einer riesigen Platane, in einem Park entlang des Zayandeh. «Früher führte der Fluss das ganze Jahr Wasser», sagt er. «Doch seit sieben oder acht Jahren schon fiel er im Sommer trocken.» Da währte die Dürre auf der zentralen Hochebene des Iran schon ein Jahrzehnt. «Wir kommen weiter hierher, dieser Ort hat eine tiefe Bedeutung für uns», sagt Hosseini. Das Grün, das Wasser, allein das habe die Menschen fröhlich gestimmt. Aber jetzt komme selbst in ihrem Haus an manchen Tagen nichts aus dem Hahn.

Symbol der Wasserkrise

Isfahan ist zum Symbol der Wasserkrise geworden, die grosse Teile des Iran im Griff hat. «334 Städte mit 35 Millionen Einwohnern kämpfen derzeit mit Wassermangel», warnte im ­April der zuständige Energieminister Reza Ardakanian. Für mehr als 100 Städte und 17,2 der 82 Millionen Iraner gelte Alarmstufe Rot, sagte er, weitere 17,3 Millionen lebten in Gebieten, die ebenfalls schon von akutem Wassermangel betroffen seien. Der ­Minister versteht etwas davon, er ist Professor für Wasserwirtschaft. Schon vor fünf Jahren warnten Regierungsmitarbeiter, bis zu ein Dutzend Provinzen könnten bis 2025 unbewohnbar werden.

Immer wieder kommt es zu Protesten und Zusammenstössen mit der Polizei in Isfahan, aber auch in der Provinz Khuzestan, die an den Irak und den ­Persischen Golf grenzt. In der Hafenstadt Khorramshahr und auch in Abadan war über mehrere Tage das Leitungswasser ­verschmutzt und salzig, an­geblich wegen eines Rohrbruchs. Die Polizei feuerte Tränengas, es ­fielen Schüsse. Auch Isfahan erlebte Demonstrationen gegen den Wassermangel – und die Regierung.

Denn die Ursachen für die Knappheit liegen nicht nur darin, dass im Zentraliran und in anderen Gebieten die Niederschläge seit mehr als einem Jahrzehnt deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt bleiben. Die Übernutzung von Wasserressourcen verschärft die Situation, befeuert durch das Bevölkerungswachstum seit der Islamischen Revolution 1979 und fragwürdige Entwicklungsprojekte. «Die Wasserkrise ist eine politische Krise», sagt auch Lehrer Hassan Hosseini am ausgetrockneten Bett des Zayandeh. «Wir hoffen auf die Gnade Gottes, dass er uns Regen geben möge. Aber wenn die Regierung nichts unternimmt, werden wir bald gar kein Wasser mehr haben.

Viele Menschen in Isfahan und am Unterlauf des Zayandeh machen Missmanagement für ihre Probleme verantwortlich. Erst errichtete der Staat Ende der Sechzigerjahre eine Talsperre am Oberlauf, die 1971 in Betrieb ging und in der U-Bahn der Hauptstadt Teheran bis heute auf ­Plakaten der Regierung als Symbol für den technischen Fortschritt gefeiert wird. Denn so blieben den Bewohnern entlang des Flusses im Frühjahr Über­flutungen nach der Schneeschmelze erspart, und es stand das ganze Jahr gleichmässig Wasser für die Landwirtschaft zur Verfügung – das begrüssten die Leute natürlich. Sie begannen zugleich, im grossen Stil wasserintensive Pflanzen wie Weizen anzubauen.

Khatamis Pipeline

Ende der Neunzigerjahre baute die Regierung dann aber eine Wasserpipeline, um die Wüstenstadt Yazd zu versorgen, Heimat des früheren Präsidenten Mohammed Khatami, wie die Leute in Isfahan betonen; er war von 1997 bis 2005 im Amt. In mit Mörtel ausgekleideten Stahlrohren von 1,6 Meter Durchmesser wird der Fluss umgeleitet. Viele sehen darin die Ursache für die Misere. Zweimal, 2013 und 2016, rammten wütende Bauern die Leitung bei Protesten mit ihren Traktoren. In Yazd musste darauf das Trinkwasser rationiert werden. Die Reserven reichten nur wenige Stunden, warnte der Chef des Wasserwerks, Hossein Ghafouri.

Die Gegend östlich von Isfahan war einmal eine der fruchtbarsten im Iran. Dutzende ­Taubentürme, oft mehr als 300 Jahre alt, zeugen entlang des Zayandeh von der Geschichte des Ackerbaus. Die aus ungebrannten Lehmziegeln gemauerten, tonnenförmigen Festungen ­boten Vögeln in ihrem Inneren Tausende schachbrettförmig angeordnete Nischen zum Nisten. Die Taubenzucht diente nicht dem Fleischverzehr, so wollte man den Mist der Vögel gewinnen, mit dem die Melonenfelder gedüngt wurden. Deren Früchte galten als die besten im Iran.

Zwei Millionen Menschen am Unterlauf des Zayandeh konnten einst von der Landwirtschaft leben. Heute führt die Fahrt entlang des Flusses an unbestellten Äckern vorbei, hellbraune Erde, staubtrocken. Die Bauern haben sie aufgegeben, die Bewässerungskanäle entlang der Strasse lägen seit Jahren trocken, erzählen sie. Hunderttausende haben ihre Arbeit verloren, sind nach ­Isfahan und in andere Städte ­abgewandert, wo sie sich oft als Tagelöhner verdingen müssen.

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Die Furchen und Gräben auf den Feldern, die einst zur Bewässerung dienten, sind noch zu ­erkennen. Der Wind trägt sie langsam ab, Staubstürme peitschen über die einst fruchtbare Ebene, Salzkrusten bedecken den Boden. In Varzaneh, wo sich der Fluss einst in ein grünes ­Delta verbreiterte und das Gavkhouni-Feuchtgebiet speiste, demonstrierten im März Tausende. «Tod den Bauern, es leben die Unterdrücker!», skandierten sie, die Umkehrung eines revolutionären Slogans. 90 Prozent der Felder würden nicht mehr bestellt, sagt Reza Khalili, der vor 17 Jahren eine Organisation gegründet hat, die sich für den Schutz des Gavkhouni-Feuchtgebiets einsetzt und des kulturellen Erbes von Varzaneh, der kleinen, aber fünf Jahrtausende alten Stadt am Rande der Wüste.

Die grünen Flecken, die sich zwischendurch noch finden, würden mit Tiefbrunnen bewässert, erklärt er. Die alten Brunnen auf den Feldern, oft in kunstvollen kleinen Häusern eingefasst, sind längst trocken. «Früher konnte man hier mit der Hand nach Wasser graben», sagt er. Inzwischen sei der Wasserspiegel um zwölf Meter gefallen. Schon länger erteilt die Regierung keine Genehmigungen mehr für neue Bohrungen, auch das Grundwasser ist fast auf­gebraucht.

«Das Wasser, das hier noch fliesst, kommt aus artesischen Quellen – und aus der Kanalisation.»Reza Khalili (49)

Reza Khalili (49) hat sanften Tourismus in der Region als alternative Einnahmequelle mit auf den Weg gebracht. Im Innenhof eines Gästehauses hockt er jetzt in schwarzer Hose und einem blauen Karohemd auf dem Teppich und zeigt alte Fotos. Spiegelnde Wasserflächen, durch die Zehntausende Flamingos staksen. «Das ist vielleicht 20 Jahre her», sagt er und fährt sich mit der Hand durchs graue Haar, als könne er es selbst nicht glauben. Damals ergoss sich der Zayandeh in einem 30 Meter breiten, 2 Meter hohen Wasserfall in das Delta, das mit seinem Süss- und Brackwasser Vögeln, Fischen, Insekten und vielen anderen Tier- und Pflanzenarten Dutzende Quadratkilometer ­Lebensraum bot, geschützt und für Menschen weitgehend unzugänglich.

Heute läuft nur noch ein schmaler Bach über die Geländekante. Unten sammelt sich gelber Schaum, es riecht dumpf, wie an einer Kläranlage. «Das Wasser, das hier noch fliesst, kommt aus artesischen Quellen», sagt Khalili. «Und aus der Kanalisation.» Ein paar Vögel sind schon noch da, aber die Wüste frisst sich immer weiter vor – und der Salzsee, in den das Delta mündet. Der undurchdringliche Gürtel mit meterhohem Schilf dörrt aus. Wo einst Grün und Blautöne bis zu den Dünen der Wüste reichten, gibt es immer mehr Beige und Braun. «Dieses Jahr erleben wir den Höhepunkt der Krise.» Das Delta versalzt immer weiter, und damit ist auch das verbleibende Grundwasser in Gefahr.

Erholung dauert Jahrzehnte

Selbst wenn das Wasser zurückkäme, brauchten die Sümpfe wohl Jahrzehnte, um sich zu erholen. «Das sind komplizierte Ketten, wenn ein Glied bricht, ist alles verloren», sagt Reza Khalili. Viele der kleinen Wassertiere, die Flamingos mit ihren Schnäbeln herausseihen, gibt es nicht mehr, sie vertragen das Abwasser nicht. «Da!», ruft Khalili und deutet in den blauen Himmel. Unverkennbar, die krummen Schnäbel, die langen Hälse: zwei Flamingos. Schnell das Handy raus, ein Video aufnehmen von den seltenen Gästen. Er hat Tränen in den Augen vor Glück. Es sind seit Monaten die ersten, die er gesehen hat, und er fährt jede Woche mehrmals hierher.

Ein paar Kilometer weiter ist der Zayandeh nur noch ein weisser Streifen aus Salzkrusten. Varzaneh, einst grünes Juwel der Provinz, droht in der Wüste unterzugehen. In Isfahan sehen die Bewohner das als Menetekel für das Schicksal ihrer Stadt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 06:16 Uhr

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Am Dienstag verkündete auch Daimler, seine Geschäfte mit dem Iran «bis auf weiteres» einzustellen. Der deutsche Autokonzern hatte nach dem Atomabkommen mit einer iranischen Firma die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens zur Produktion von Lastwagen vereinbart. (sda)

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