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Kommentar: Zwei Visionen für Amerika

Martin Kilian über die zwei US-Präsidentschaftskandidaten und deren Versprechen, die politische Landschaft in Washington verändern zu wollen.

Felix Schaad

Die Parteitage von Demokraten und Republikanern sind vorbei, die Kandidaten zum Wahlkampf ausgeflogen. Die Probleme der USA sind dabei unübersehbar geworden, die politische Klasse muss einen Reformstau von historischen Dimensionen überwinden. Dies ist der Grund, warum sich sowohl der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama und sein Vize Joe Biden als auch der Republikaner John McCain und seine Vize Sarah Palin dem Schlagwort der «Veränderung» verschrieben haben.

Zwei Vorstellungen von Wandel stehen zur Wahl: Das demokratische Tandem Obama/Biden tritt an mit dem Anspruch, der wachsenden sozialen Ungleichheit in den USA zu begegnen. Das Duo McCain/Palin wird sich bei den nötigen Reformen weniger weit vorwagen, es fühlt sich den Grundwerten des republikanischen Katechismus verpflichtet.

Die Sehnsucht nach Neubeginn und «Wechsel» war es, mit der Barack Obama die politische Maschine der Clintons aus den Angeln hob. Und jetzt versichert auch Senator McCain, er werde die politische Landschaft in Washington verändern und dem Parteiengezänk ein Ende bereiten.

Nach den zwei problematischen Amtszeiten George W. Bushs und inmitten einer wackligen Konjunktur müsste Barack Obama eigentlich der Mann der Stunde sein. Seine ungewöhnliche Lebensgeschichte entspricht einer Nation, deren europäische Wurzeln zusehends von Einwanderern aus Lateinamerika, Asien und Afrika aufgefrischt werden.

Senator Biden rundet mit seinem Aufstieg aus bescheidenen Familienverhältnissen und seiner aussenpolitischen Erfahrung das Bild eines Kandidaten-Duos ab, dem eigentlich schon deshalb die Favoritenrolle zufallen müsste, weil es sich nicht für die tragischen Fehler des republikanischen Amtsinhabers zu verantworten hat. Obendrein hat Senator Obama gerade bei jungen Amerikanern eine regelrechte Sehnsucht nach einem klaren Bruch mit der Vergangenheit ausgelöst mitsamt der Erwartung, als Präsident werde er das beschädigte amerikanische Image im Handumdrehen reparieren.

Stünde diese Wahl in Europa an, gewänne sie Barack Obama problemlos. Die USA aber sind weniger säkular als Europa, weit mehr geprägt von Wertewählern und von einer politischen Bedächtigkeit, die sich zumindest seit dem Zweiten Weltkrieg vorwiegend in der Wahl konservativer Präsidenten niedergeschlagen hat.

Dazu kommt, dass das Land des ewigen Optimismus gegenwärtig eine leise Nachdenklichkeit gepackt hat. Die amerikanische Welt ist, vielleicht unumkehrbar, enger geworden. Das ist die Chance für John McCain. Wiederholt ist es der Republikanischen Partei in der Vergangenheit gelungen, einen spezifisch amerikanischen Patriotismus mit grossem politischem Gewinn anzuzapfen. Senator McCains Lebensgeschichte verleiht ihm vor diesem Hintergrund ebenso Attraktivität wie die kleinstädtische Normalität und der evangelikal beeinflusste Wertekonservatismus von Sarah Palin.

Europäische Reisende mögen die hippen Grossstädte oder die weltoffenen amerikanischen Universitäten bewundern. Der politische Geschmack des flachen Landes und der Kleinstadt aber bleibt ihnen oftmals fremd – und schlägt sich in einem profunden Unverständnis darüber nieder, was amerikanische Wahlen entscheidet.

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