«Johnson ist wirklich erschrocken»

Wie geht es in der ersten Woche nach dem Brexit nun weiter? Was macht Boris Johnson? DerBund.ch/Newsnet-Korrespondent Peter Nonnenmacher beantwortet die wichtigsten Fragen.

«Er ist wirklich erschrocken»: Brexit-Befürworter Boris Johnson.

«Er ist wirklich erschrocken»: Brexit-Befürworter Boris Johnson. Bild: Andrew Kelly/Reuters

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Ein EU-Diplomat sagte, dass es «möglicherweise nie» zum Austritt Grossbritanniens kommen werde. Was müsste passieren, damit es tatsächlich keinen Brexit gäbe?
Der Beginn der Austrittsverhandlungen kann erst mal von London hinausgezögert werden – die britische Seite plant es ja sowieso nicht vor dem Herbst, vielleicht sogar erst auf Ende des Jahres. Dass es nie zum Austritt käme? Denkbar wären politische Manöver im Parlament, Neuwahlen, sogar ein zweites Referendum irgendwann. Auch die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon will ja versuchen, die Umsetzung des Referendumsbeschlusses zu blockieren. Aber der Referendumsbeschluss steht erst einmal. Leicht würde es den Politikern hier nicht fallen, ihn zu umgehen.

Dieser EU-Diplomat sagte auch, Tausende Briten bedauerten den Ausstieg, obwohl sie selbst dafür gestimmt hätten – angeblich schrieben sie das per Mail an die EU. Und ein «Guardian»-Journalist plädiert für ein zweites Referendum. Wäre das Resultat einer zweiten Abstimmung tatsächlich ein anderes?
Es ist wahr, dass viele Brexit-Wähler ihre Entscheidung schon bedauern. Viele erkennen auch jetzt erst, was für ernste Folgen das Ganze hat. Die Brexit-Seite selbst hatte ja gehofft, die EU zu weiteren Zugeständnissen zu bewegen. Wenn es die gäbe, würde ein zweites Referendum vielleicht auch ein anderes Ergebnis bringen. Aber es sieht ja nicht nach einer weiteren Gesprächsbereitschaft in Brüssel aus.

Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon will ein neues Unabhängigkeitsreferendum. Wie stehen die Chancen dafür?
Im Augenblick sagen zwischen 52 und 59 Prozent der Schotten, dass sie die Unabhängigkeit wollten – diese beiden Umfrageergebnisse gibt es schon. Wenn auch noch andere Parteien als Sturgeons Schottische Nationalpartei sich für eine Trennung von England einsetzen würden, würde das die Chance natürlich noch erhöhen. Aber es gibt auch viele Hindernisse auf dem Weg zu einem zweiten schottischen Unabhängigkeitsreferendum. In ein paar Monaten wird man da vielleicht weitersehen.

Was würde es für Grossbritannien bedeuten, wenn Schottland nicht mehr dabei wäre?
Es würde ein sehr viel kleineres Britannien werden. Vielleicht nicht bevölkerungsmässig, aber nach Fläche und Status schon. Es würde auch alle möglichen neuen Probleme für Restbritannien schaffen. Zum Beispiel, ob eine Grenze zwischen England und Schottland nötig wäre und was mit den in Schottland stationierten Atomraketen-U-Booten passieren sollte.

Labour-Abgeordnete wollen den Rücktritt von Jeremy Corbyn, weil er nicht klar genug Stellung gegen den Brexit bezogen habe. Wird er sich dem Druck beugen?
Er hat beteuert, dass er um jeden Preis bleibe. Die Labour-Rebellen, die ihn jetzt zum Rücktritt zwingen wollen, haben ein Problem: Die Mitgliedschaft, die den Vorsitzenden wählt, ist bisher fest zu ihm gestanden. Ob sie ihn auch nach der Referendumskatastrophe wieder wählen würde, weiss man allerdings nicht.

Nigel Farage hatte versprochen, die Millionen, die an die EU gehen, für gemeinnützige Zwecke einzusetzen. Kurz nach der Abstimmung sagte er nun in einem Interview, dass dieses Versprechen einer der Fehler der Leave-Kampagne gewesen sei. Wird das Konsequenzen für ihn haben?
Für Farage wohl nicht. Er weiss sich immer irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Ausserdem wird er in der künftigen Tory-Regierung keine Verantwortung tragen. Die Brexit-Befürworter aus dem konservativen Lager, die mit unhaltbaren Versprechen operiert haben und künftig die Regierung bilden – die werden Probleme haben, sich zu rechtfertigen.

Man hat den Eindruck, dass Brexit-Befürworter Boris Johnson nun plötzlich einen anderen Ton anschlägt. Er scheint sich zurückzuhalten und weniger polternd aufzutreten. Ist er selbst über das Ergebnis erschrocken, oder versucht er sich einfach als Staatsmann zu präsentieren?
Ich glaube, er ist wirklich erschrocken. So hatte er das nicht geplant. Er war sich sicher, dass er das Referendum verlieren würde. Für die Nach-Referendumszeit hatte David Cameron ihm ja einen Topjob im Kabinett versprochen. Von da wollte Johnson Cameron weiter untergraben und auf seine Nachfolge hinarbeiten. Nun ist aber alles ganz anders gekommen – und auch Johnson hatte dafür keinen konkreten Plan.

Laut Johnson werden die Briten weiterhin Zugang zum europäischen Binnenmarkt haben. Ist das wirklich so sicher?
Das ist gar nicht so sicher. Dem müsste die EU zustimmen – und als Gegenleistung wären Freizügigkeit und alles Mögliche gefragt. Genau das, was viele auf der Brexit-Seite hinter sich lassen wollten. Im Grunde dämmert auch den Leuten um Johnson jetzt erst, in was für einer Klemme sie stecken. Sie müssen sich erst einmal darüber klar werden und sich darüber einigen, was jetzt ihr Ziel ist in dieser Situation.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2016, 12:10 Uhr

Peter Nonnenmacher ist Grossbritannien-Korrespondent und lebt in London.

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