Hochzeitsraser machen Deutschland unsicher

Beim Feiern kennen deutsch-türkische Hochzeitsgesellschaften manchmal keine Grenzen. Politik und Polizei sind alarmiert.

Man zeigt, was man gemietet hat: Türkisch-arabische Hochzeit in Berlin. Foto: Fritz Engel (Zenit)

Man zeigt, was man gemietet hat: Türkisch-arabische Hochzeit in Berlin. Foto: Fritz Engel (Zenit)

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Dutzende von Luxuskarossen rollen im Konvoi, hupen, lassen die Reifen quietschen, liefern sich Rennen, überfahren rote ­Signale, legen schliesslich Kreuzungen und Strassen lahm: Dann steigen Männer in glänzenden Anzügen und grell geschminkte Frauen aus, tanzen zu Trommel und ­osmanischer Oboe, schwenken ­türkische Fahnen, entzünden Bengalfackeln, die roten und weissen Rauch ausspeien, schiessen mit Schreckschusspistolen indie Luft. Hochzeitsfotografen halten das Spektakel fest, für dieNachwelt – und die sozialen ­Medien natürlich.

Hunderte von Fällen

Soll die Show noch eine Nummer grösser ausfallen, findet der orientalische Flashmob auf der Autobahn statt: Der Konvoi belegt nach und nach alle Spuren, bremst ab, bis alles zum Stillstand kommt. Dann wird getanzt und geschossen, manchmal ­führen junge Wichtigtuer Kunststücke auf: Ein Sportwagen fuhr vor einigen Monaten zum Gaudi der Festgesellschaft in einem ­Autobahntunnel so lange im Kreis, bis die Reifen rauchten und Feueralarm auslösten.

Was sich nach Szenen wie im Actionkino anhört, ist in Deutschland Alltag. In Städten wie Berlin, Köln, Duisburg oder Essen, in denen besonders viele Menschen aus der Türkei stammen, vergeht kaum ein Tag, ohne dass türkische Hochzeitkorsos für Auf­sehen sorgen. Als die Polizei in Nordrhein-Westfalen vor kurzem ihr erstes Lagebild vorstellte, stellte sich heraus, dass sie seit April fast 300-mal wegen aus dem ­Ruder gelaufener Hochzeitsfeiern ausgerückt war. 120-mal allein wegen Autokonvois.

Die exaltierten Festzüge missachten nicht nur ganze Paragrafen der Strassenverkehrsordnung, sondern gefährden auch Unbeteiligte. Im Ruhrgebiet konnte ein junger Velofahrer einen Zusammenstoss mit wild kreuzenden Hochzeitsrasern nur durch eine Vollbremsung verhindern. Er ­verletzte sich dabei an Kopf und Schulter. Mehrmals führten waghalsige Manöver zu Auffahr­unfällen mit Verletzten. Festgäste, die mit Schreckschusspistolen herumballerten, versetzten Automobilisten und Passanten in Angst und Schrecken.

Jagd per Helikopter

Seit es im Frühjahr zu einigen spektakulären Vorfällen kam, die auch das Interesse der Medien weckten, ist die Politik alarmiert. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) mahnte ein strengeres Vorgehen der Polizei an: «Autobahnen und Innenstädte sind keine privaten Festsäle. Wenn Hochzeitsgesellschaften sich und andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringen, werden die Toleranzgrenzen unserer Gesellschaft klar überschritten.» Der Vizechef der CDU im Landtag forderte strengere ­Gesetze, die es ermöglichten, Autos zu beschlagnahmen, zu versteigern und langjährige Fahrverbote auszusprechen.

«Autobahnen und Innenstädte sind keine privaten Festsäle»Herbert Reul (CDU)

Seither greift die Polizei merklich häufiger durch. Konvois auf der Autobahn werden manchmal sogar mit Helikoptern verfolgt. Den Kontrollen folgen Anzeigen für Delikte, die von Verstössen gegen die Verkehrsordnung und das Waffengesetz bis hin zu ­Nötigung, fahrlässiger Körperverletzung und schwerem Landfriedensbruch reichen. Meist kommen die Fehlbaren aber mit Geldbussen und Führerscheinentzügen davon. Oft haben sich die Korsos auch längst aufgelöst, bis die Polizei vor Ort ist. Dann fällt die Beweisführung schwer.

Alte und neue Tradition

Behörden beobachten, dass längst nicht mehr nur deutsch-türkische Hochzeitsgesellschaften vogelwilde Korsos bilden, sondern dass syrische, libanesische, albanische oder marokkanische Einwanderer ihnen nacheifern. Sogar Deutsche über­nähmen neuerdings den Brauch, sagte die Berliner Migrationsforscherin Gülistan Gürbey kürzlich. «Sie kopieren es, weil es schlichtweg mehr Aufmerksamkeit erzeugt und Spass macht.»

Hochzeitskorsos haben in der Türkei laut Experten eine lange Tradition. In die Luft geschossen werde aber höchstens in konservativen, ländlichen Gegenden. Die Unart, Autobahnen oder Verkehrsknotenpunkte zu blockieren und als temporäre Festbühnen zu missbrauchen, sei hingegen eine Neuigkeit, die in der Türkei unbekannt sei. Die Beamten des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts bewerten die türkischen Korsos als «übersteigerte Männlichkeitsinszenierungen», mit denen «Macht und Einfluss im öffentlichen Raum» demonstriert und mit türkischem Patriotismus gezielt «die deutsche Mehrheitsgesellschaft» provoziert werden sollen.

Unter den Deutsch-Türken selbst ist der Brauch umstritten. Ältere halten ihn für idiotisches Jungmännergehabe und fürchten, die Korsos könnten bald verboten werden. Junge hingegen fiebern auf die Hochzeiten hin, weil sie ihnen ermöglichen, auf der Strasse zu protzen und zu glänzen. Dabei gehören ihnen die Luxusautos selten, mit denen sie angeben. Meist sind sie nur für den Freudentag gemietet.

Grossteil der Hochzeitsfeiern friedlich

Solange sich die Korsos an die Verkehrsordnung hielten, langsam führen und hupten, solle man sie gewähren lassen, finden wohlmeinende Beobachter. Deutsche Autokorsos nach Fussballtriumphen seien schliesslich auch ziemlich wüst, ganz zu schweigen von der Silvesterknallerei.

Der Türkei-Experte Haci-­Halil Uslucan warb kürzlich im nordrhein-westfälischen Parlament für Verständnis: «Diejenigen, die ihrer Freude Ausdruck verschaffen, tun dies nicht explizit mit der Absicht, anderen zu schaden.» Der Grossteil der Hochzeitsfeiern verlaufe friedlich.

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