«Zuerst müssen die Leichen weggeräumt werden»

Der britische Aussenminister Boris Johnson sorgt mit einer Aussage über die libysche Küstenstadt Sirte für Empörung.

«Das einzige, was sie noch machen müssen, ist die Leichen wegzuräumen»: Der britische Aussenminister Boris Johnson. (3. Oktober 2017)

«Das einzige, was sie noch machen müssen, ist die Leichen wegzuräumen»: Der britische Aussenminister Boris Johnson. (3. Oktober 2017) Bild: Facundo Arrizabalaga/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der britische Aussenminister Boris Johnson hat mit einer flapsigen Bemerkung über Tote in Libyen für Empörung gesorgt. Johnson sagte am Dienstag beim Parteitag der konservativen Tories in Manchester, Libyen könne zu einem attraktiven Ziel für Touristen und Investoren werden – vorher müssten in der Küstenstadt Sirte aber erst «die Leichen weggeräumt werden».

Johnson berichtete seinen Parteifreunden über einen Besuch in Libyen im August. Seinen Angaben zufolge sind britische Unternehmen daran interessiert, in Sirte zu investieren. Die Heimatstadt des langjährigen Machthabers Muammar al-Ghadhafi war bis zur Rückeroberung durch Regierungstruppen im Dezember das letzte grössere Gebiet in Libyen, das von der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) kontrolliert worden war.

«Sie haben die grossartige Vorstellung, aus Sirte das nächste Dubai zu machen», sagte Johnson, der von weissen Stränden, dem «wunderschönen Meer» und «genialen jungen Leuten» schwärmte. «Das Einzige, was sie noch machen müssen, ist, die Leichen wegzuräumen», fügte Johnson hinzu.

Die Schatten-Aussenministerin der Labour-Partei, Emily Thornberry, kritisierte Johnson scharf. «Dass Boris Johnson diese Toten für einen Witz hält, für eine blosse Unannehmlichkeit, bevor britische Unternehmen die Stadt in einen Badeort verwandeln können, ist unglaublich krass, gefühllos und grausam», sagte Thornberry. Die Aussenexpertin der Liberaldemokraten, Jo Swinson, forderte Premierministerin Theresa May auf, Johnson zu feuern. Seine «krasse und unsensible Bemerkung» zeige erneut, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen sei.

Sonst gibt sich Johnson zahm

Nach den jüngsten Sticheleien gegen seine Regierungschefin hat sich der britische Aussenminister Boris Johnson auf dem Parteitag der Konservativen überraschend zahm zum Brexit-Kurs geäussert. Seine Rede war mit Spannung erwartet worden, nachdem er mit Kritik an Premierministerin Theresa May für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Stattdessen attackierte er am Dienstag in Manchester Labour-Chef Jeremy Corbyn scharf. Der Oppositionsführer sei mit Blick auf den EU-Austritt Grossbritanniens noch pessimistischer als die Vertreter der EU am Verhandlungstisch in Brüssel. Der Brexit sei eine «demokratische Revolution, die wir in eine kulturelle und technologische Erneuerung verwandeln können», sagte Johnson unter grossem Beifall der Delegierten.

Noch wenige Tage zuvor hatte Johnson die Regierungschefin düpiert, als er in einem Zeitungsinterview «rote Linien» zu den Brexit-Verhandlungen vorgab. Britische Medien spekulierten, Johnson wolle May stürzen, doch in seiner Parteitagsrede gab er sich zahm und betonte, das Kabinett stehe geschlossen hinter Mays Brexit-Kurs.

Die Premierministerin wies unterdessen Forderungen nach einem Rausschmiss Johnsons in einem Interview mit dem Fernsehsender ITV zurück. Johnson sei zwar nicht unkündbar, sie wolle aber auch kein Kabinett von Ja-Sagern. Mays Rede wird am Mittwoch erwartet.

Bei Bürgerrechten Lösung in Sicht

Brexit-Minister David Davis lobte in seiner Parteitagsrede am Dienstag die Fortschritte bei den Brexit-Gesprächen. In der Frage der Rechte von EU-Bürgern in Grossbritannien und Briten in der EU sei sogar eine baldige Lösung in Sicht.

Aus Sicht des EU-Parlaments ist es aber noch zu früh für Gespräche über die künftigen Beziehungen mit Grossbritannien. Diese zweite Phase der Brexit-Verhandlungen sollte aufgeschoben werden, forderte eine breite Mehrheit der Europaabgeordneten am Dienstag in Strassburg.

Noch seien «keine ausreichenden Fortschritte» bei den Themen Bürgerrechte, Nordirland-Konflikt und den finanziellen Verpflichtungen Grossbritanniens erzielt worden, heisst es in der gebilligten Resolution. Das EU-Parlament muss einem Austrittsabkommen am Ende zustimmen.

Demonstrationen zum Auftakt

Der viertägige Parteitag der britischen Konservativen wurde zeitweise von Protesten begleitet. Zum Auftakt am Sonntag gingen etwa 30'000 Menschen gegen den Brexit und den Sparkurs der Regierung auf die Strasse.

Am Montag stürmten Demonstranten eine Veranstaltung mit dem erzkonservativen Abgeordneten Jacob Rees-Mogg, der als Liebling der Brexit-Anhänger gilt. Der gläubige Katholik, der sechs Kinder hat, lehnt Abtreibungen generell ab – auch nach Vergewaltigungen und bei Inzest. Er ist Klimaskeptiker, EU-Kritiker und hatte sich früher für einen Pakt mit der rechtspopulistischen Ukip ausgesprochen. (chk/sda)

Erstellt: 04.10.2017, 05:38 Uhr

Artikel zum Thema

Boris Johnson ist Darth Vader

Der britische Aussenminister hat die Macht... Mehr...

Peinlicher Moment für Boris Johnson

An eine Pressekonferenz mit US-Aussenminister John Kerry wurde Boris Johnson auf seine früheren verbalen Entgleisungen angesprochen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Michèle & Friends Wie hiess das früher? Der Ü-40-Gedächtnistest

Sweet Home 10 Tricks, die Ordnung schaffen

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...