Der IS und die Zeichen schierer Verzweiflung

Die Terrormiliz reklamiert Anschläge für sich, mit denen sie nichts zu tun hat – womöglich eine Folge ihres tiefen Falls. Wird der IS zur Organisation von Angebern?

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Es war kurz vor der Jahreswende, als in einem Supermarkt in Sankt Petersburg eine Bombe in einem Schliessfach explodierte, sie war mit Metallteilen gespickt. 14 Menschen wurden verletzt, nur durch Glück kam niemand ums Leben. Kurz darauf verschickte der Nachrichtenkanal Wilayat News Network, ein Propagandaorgan des sogenannten Islamischen Staates, eine Eilmeldung. Dieser Anschlag gehe auf das Konto einer «verdeckten Einheit» des IS, welche das «Kreuzzüglerland» Russland ins Visier genommen habe, hiess es auf Arabisch und Englisch. «Die Explosion führte zur Verletzung von 13 Kreuzzüglern, gepriesen sei Allah.»

Inzwischen haben die zuständigen russischen Ermittler dies zu einer Falschmeldung erklärt. Der wahre Täter, Dmitri L., passt so gar nicht ins Schema der Islamisten, er ist ein Russe mit rechtsradikaler Vergangenheit, der die Polizei zu sich führte, indem er nah am Tatort zwei USB-Sticks hinterliess. Seit seinem 19. Lebensjahr war er in psychiatrischen Anstalten in Behandlung. Die Tat verübte er nach eigenen Angaben aus «Hass» auf das dortige Personal.

Bekenntnisse ernst nehmen

So war es schon in Las Vegas. Ein 64-jähriger Amerikaner hatte dort am 1. Oktober 2017 auf die Besucher eines Countrykonzerts geschossen und 58 von ihnen getötet. Der IS behauptete, ein «Kämpfer des Kalifats» hätte den Massenmord verübt. So war es auch in Paris, wo der IS im September über seine Propagandazeitung «al-Naba» die Verantwortung für eine angebliche Bombe am Flughafen übernahm. Tatsächlich waren die Angaben falsch, wie französische Ermittler aufklärten.

Und so war es vermutlich auch in Manila im Juni 2017 und in Hamburg im Oktober 2016: Erst gab es Selbstbezichtigungen des IS, Verdacht auf Terrorismus also, Fahndungen begannen. Auf den zweiten Blick stellten sich die Geständnisse als zweifelhaft heraus. Sankt Petersburg nun ist nur das jüngste Beispiel für den Versuch der Terroristen, fremde Taten für sich zu reklamieren. Einst galt, dass man Bekenntnisse der Gruppe sehr ernst nehmen musste. Kamen Zweifel an ihrer Echtheit auf, schob der IS rasch Details über die Täter nach, Insiderwissen. Oder wie im Fall des Anschlags auf einen Berliner Weihnachtsmarkt gar ein Video, in dem der Täter Anis Amri dem IS die Treue geschworen hatte.

Ganz anders als einst al-Qaida

Inzwischen, so sagt der Washingtoner Professor Bruce Hoffman, einer der besten Terrorismuskenner, versuche der IS offenbar verzweifelt, internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Gruppe sei bereit, auch fremde Schreckensereignisse wie Amokläufe für die eigenen Zwecke zu «melken». Auch in europäischen Sicherheitskreisen wird der Trend aufmerksam registriert; manche sprechen davon, dass der IS auf dem Weg sei, zu einer «Organisation von Angebern» zu werden. «Ein Zeichen schierer Verzweiflung», sagt Peter Vincent, der früher im US-Heimatschutzministerium arbeitete.

In gewisser Weise ist es die Fortführung einer bekannten Strategie. Der IS macht es Sympathisanten bewusst leicht, in seinem Namen zu handeln; ganz anders als einst al-Qaida, wo Bewerber streng geprüft wurden. Im Bemühen, möglichst viele Anschläge vorweisen zu können, um die Angst vor dem IS zu vergrössern, war die Gruppe noch nie wählerisch. Sie reklamierte auch gescheiterte Attentate für sich, etwa das auf den Pariser Champs-Elysées im vergangenen Juni, als ein Attentäter mit seinem mit Sprengstoff beladenen Auto einen Polizeibus rammte. Es kam zu einem Brand, zu Schaden kam nur der Attentäter selbst, ein polizeibekannter Islamist. Er starb in den Flammen seines Wagens.

Die Terrororganisation geht noch einen Schritt weiter, indem sie sich Angriffe zuschreibt, die sie nur aus den Nachrichten kennt. «Schon geringe tatsächliche Verbindungen genügen ihr mittlerweile, um eine Tat für sich zu reklamieren», sagt Terrorismusforscher Hoffman. Die IS-Oberen ermunterten Anhänger, auch eigenständig zu agieren. «Deshalb nehmen sie an, vor der Öffentlichkeit glaubhaft behaupten zu können, dass auch abseitige Taten auf ihre Aufforderungen zurückgehen.»

IS verübt weiterhin Anschläge

Tatsächlich steht der IS, auch wenn er noch einzelne Dörfer erobert, unter erheblichem Druck. Auf seinen steilen Aufstieg folgte ein tiefer Fall. Die einst von ihm besetzten Gebiete im Irak und weitestgehend auch die in Syrien hat er verloren, viele der geflohenen Kämpfer wurden am Fluss Euphrat und in angrenzenden Wüstengebieten geortet. Hier werden sie nun Tag und Nacht von amerikanischen, russischen und syrischen Jets bombardiert. Der IS verübt zwar weiterhin Anschläge, etwa auf der ägyptischen Sinaihalbinsel oder in Afghanistan. Trotz eines unablässigen Stroms von Aufforderungen per Video, Twitter oder über den Chatdienst Telegram an die in Europa oder in den USA lebenden Anhänger geht die Zahl der Attacken im Westen aber zurück. In der gesamten Europäischen Union starben 2015 laut der europäischen Polizeibehörde Europol 150 Menschen durch islamistische Anschläge, 2016 waren es 135. 2017 liegt die Zahl unter 60. Das ist schlimm genug, aber es zeigt, dass das Potenzial des IS nicht unendlich ist.

Der Tatort Deutschland ist besonders interessant, weil der IS hier womöglich erstmals bei einem falschen Bekenntnis ertappt wurde. An der Hamburger Alster wurde ein 16-jähriger Schüler am Abend des 16. Oktober 2016 von einem Unbekannten mit einem Messer angegriffen, er erlag im Krankenhaus seinen Stichwunden. Der Fall blieb völlig rätselhaft. Nach zwei Wochen reklamierte der IS das Verbrechen für sich. Die dem IS nahestehende «Nachrichtenagentur» Amaq bezeichnete den unbekannten Alster-Mörder als einen «Soldaten des Islamischen Staates», nannte allerdings keinerlei Täterwissen. Die Nachricht enthielt sogar einen auffälligen Fehler: Nicht zwei Personen wurden in Hamburg erstochen, wie es dort hiess, sondern eine.

Der überschuldete Beamte

In Manila dann, der Hauptstadt der Philippinen, versuchte der IS, den grössten Massenmord seit Jahren für sich zu beanspruchen. Ein Mann war Anfang Juni 2017 mit einem Schnellfeuergewehr in ein Casino gestürmt. Er legte Feuer, 37 Menschen starben in den Flammen. Amaq vermeldete, der Mann sei ein «Soldat des Islamischen Staates» gewesen. Bald darauf antwortete die philippinische Polizei: falsch. Es war ein ehemaliger philippinischer Finanzbeamter, der sich beim Glücksspiel überschuldet hatte.

Auch der 64-jährige Amokschütze von Las Vegas war ein passionierter Casinospieler. Als erste Zweifel aufkamen, ob der IS je Einfluss auf ihn hatte, legte die Miliz nach und behauptete über ihren offiziellen Instagramkanal Nashir, der Mann sei vor einigen Monaten zum Islam konvertiert und habe seither den Namen Abu Abdul Bar al-Amriki getragen. Alle Informationen über die Tat kamen aus amerikanischen Medien. Nur ein Detail verschwieg Nashir: Dass der Schütze von Las Vegas sich selbst das Leben nahm, aus islamischer Sicht eine Sünde, sollte die Leserschaft nicht erfahren. Bis heute behauptet der IS, westliche Behörden und Medien würden die wahren Hintergründe der Tat in Las Vegas vertuschen.

In Sicherheitskreisen wird nun aufmerksam beobachtet, ob sich der Trend fortsetzt. Ausgeschlossen wird auch nicht, dass die schwierige Lage des IS zu den falschen Bekenntnissen beiträgt. Womöglich, so die Erklärung, wüssten die für Medien und Propaganda zuständigen Leute auch gar nicht, wer nun eine Verbindung zum IS hatte oder nur an dessen Sache glaubte. Aber auch solches Chaos wäre wohl eine gute Nachricht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 20:19 Uhr

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