Zehntausende bejubeln die Toten Hosen

Rund 65'000 haben in Chemnitz ein Zeichen gegen Fremdenhass und Gewalt gesetzt. Demonstrationen gegen die Veranstaltung hat die Stadt untersagt.

Mit dem Konzert demonstrieren bekannte deutsche Künstler für Toleranz, Respekt und Menschlichkeit.
Video: Reuters

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Gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt haben gut 65'000 Menschen am Montag bei einem Konzert in Chemnitz protestiert. Bands wie die Toten Hosen, Kraftklub, Marteria oder Feine Sahne Fischfilet spielten unter dem Motto «#wirsindmehr» gratis in der drittgrössten sächsischen Stadt.

Die Organisatoren hatten nach eigenen Angaben mehr als 20'000 Besucher erwartet. Ersten Schätzungen zufolge waren es aber etwa doppelt so viele. Letztlich hat die Stadt Chemnitz die Besucherzahl von 50'000 noch einmal nach oben korrigiert: 65'000 Menschen sollen zu dem Konzert gekommen sein.

Die Veranstaltung war eine Reaktion auf den gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen vor gut einer Woche sowie die folgende Vereinnahmung der Bluttat durch rechtspopulistische Kräfte wie Pro Chemnitz beziehungsweise AfD und Pegida.

Am Abend war die Lage rund um das Konzert weitgehend störungsfrei, wie eine Polizeisprecherin sagte. Die Polizei in Chemnitz wurde nach den Angaben aus sechs Bundesländern und der Bundespolizei unterstützt. Eine genaue Anzahl der eingesetzten Beamten nannte sie nicht.

Lautes Zeichen setzen

Mit dem Konzert wollten die beteiligten Musiker ein lautes Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen. «Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet», sagte Kraftklub-Sänger Felix Brummer, der aus Chemnitz stammt, vor Beginn des Open Airs. «Aber manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist.»

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der Kraftklub vor Monaten noch als «unmögliche linke Band» bezeichnet hatte, dankte der Band für ihr Engagement.

Der Rapper Marteria fühlte sich durch die Vorkommnisse in Chemnitz an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erinnert. Er habe damals 1992 in Rostock gewohnt und jahrelang damit zu kämpfen gehabt, dass Rostock als «Nazi-Stadt» abgestempelt gewesen sei. «Mir geht es darum, dass die Leute, die aus Sachsen, aus Chemnitz sind, auch sagen können: »Hey, ich bin aus Chemnitz«, ohne dass gesagt wird: »Ah, musst Du also ein Nazi sein.«

Laut Tote-Hosen-Sänger Campino sind die beteiligten Bands heftigen Anfeindungen im Internet ausgesetzt. Auf den Facebook-Seiten gebe es «immense Shitstorms» gegen die Musiker, sagte Campino in Chemnitz. «Man muss schon ein dickes Fell haben um zu sagen: Ich gehe trotzdem nach vorne.»

Am Rande des Konzertes sollten Spendengelder gesammelt werden. Nach Angaben der Organisatoren soll die Hälfte des Geldes der Familie des Getöteten zugute kommen, die andere Hälfte ist für antifaschistische, antirassistische und zivilgesellschaftliche Initiativen in Sachsen vorgesehen.

Schweigeminute für Opfer Daniel H.

Das Konzert begann mit einer Schweigeminute für den 35-Jährigen, der vor gut einer Woche in Chemnitz durch Messerstiche getötet wurde.

Anschliessend war es wiederholt zu Demonstrationen rechter Gruppierungen gekommen, es gab auch Angriffe auf Ausländer. Zwei Männer aus Syrien und dem Irak sitzen wegen des Tötungsdelikts in Untersuchungshaft.

In einem zuvor auf Facebook veröffentlichten Aufruf fordern die Initiatoren Solidarität mit jenen Ausländern, die insbesondere nach dem Tod des Mannes angegriffen wurden. Zugleich wandten sie sich gegen eine Instrumentalisierung der Tat durch die Rechten.

Steinmeier unterstützt Konzert

Vor dem Open-Air-Konzert kritisierten CDU-Politiker die Unterstützung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für die Veranstaltung. «Ich halte das für sehr kritisch», sagte Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer der «Welt». Wie zuvor ihr Parteikollege Philipp Amthor monierte sie, dass Steinmeier die Ankündigung der Veranstaltung auf seinem Facebook-Account geteilt hatte.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kritisierte im «Spiegel», während in Chemnitz Rechtsradikale auf der Strasse seien, habe die CDU «nichts anderes zu tun als den Bundespräsidenten dafür anzugreifen, dass er auf ein Konzert hinweist».

Der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern hatte die teilnehmende Punkband Feine Sahne Fischfilet zeitweise wegen «linksextremistischer Bestrebungen» im Blick, seit längerem jedoch nicht mehr. In einem früheren Lied hatte sie Gewalt gegen Polizisten besungen.

«Wenn man sich gegen Faschismus ausspricht und gegen Rassismus auf die Strasse geht, ist man nicht gleich ein Linksextremist», sagte Felix Monchi von Feine Sahne Fischfilet vor Konzertbeginn. Ohnehin gebe er nicht viel auf den Verfassungsschutz. «Das ist doch die Behörde, die den NSU mit ermöglicht hat.» Monchi sagte, man müsse sich entgegenstellen, «wenn so ein rassistischer Mob einen Mord instrumentalisiert» und sich mit den Leuten solidarisieren, «die sich in solchen Situationen gerade machen».

AfD-Abgeordnete schiesst gegen Konzertbesucher

Die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch schiesst in einem Tweet gegen die Konzertbesucher in Chemnitz: «Ihr seid nicht mehr. Ihr seid Merkels Untertanen, ihr seid abscheulich - und ihr tanzt auf Gräbern», schreibt sie. Die Reaktion bleibt nicht aus.

Pegida-Anhänger in Dresden festgenommen

Vor dem Konzert hatte die Stadt Chemnitz zwei Kundgebungen gegen das Konzert untersagt. Die fremden- und muslimfeindliche Thügida wollte sich in unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungsgelände unter dem Motto «Gegen antideutsche Kommerzhetze» versammeln. Begründet wurde die Absage damit, dass die Veranstaltungsfläche bereits belegt sei. Mit dem gleichen Argument wurde auch eine Kundgebung von Pro Chemnitz erneut vor dem Karl-Marx-Monument untersagt.

In Dresden hat die Polizei während einer Pegida-Demo einen Tatverdächtigen festgenommen, der am Samstag bei der rechten Demo von AfD, Pegida und «Pro Chemnitz» einen Journalisten angegriffen haben soll. Das teilte die sächsische Polizei am Montag mit.

51 Ermittlungsverfahren

Im Zusammenhang mit den Protesten und Demonstrationen in Chemnitz gibt es bisher 51 Ermittlungsverfahren. In den meisten Fällen sind die Tatverdächtigen vom 26. und 27. August unbekannt, wie ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden mitteilte.

Es gehe um das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen wie den Hitlergruss, Körperverletzung und versuchte gefährliche Körperverletzung, Verdacht des Landfriedensbruchs, Beleidigung sowie gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr durch Blendung der Piloten von Polizeihelikoptern mit Laser-Pointern.

Politiker, darunter Kanzlerin Angela Merkel, hatten nach den Auseinandersetzungen vor «Hetzjagden» gewarnt. Bei den Auseinandersetzungen hatte es am Montag vergangener Woche mindestens 20 Verletzte gegeben.

Zürich zeigt Solidarität

Zeitgleich zu dem Konzert im deutschen Chemnitz traten am Montagabend auch in Zürich fünf Bands auf, die sich mit dem Widerstand in Deutschland solidarisieren wollten. Dies teilte die Juso Kanton Zürich am späten Montag in einem Communiqué mit.

Demnach versammelten sich an dem Zürcher Konzert rund 1500 Personen am Bürkliplatz, um etwa ein Zeichen gegen Faschismus, Rassismus und Sexismus zu setzen. Es fand von 19:00 bis 21:30 Uhr statt und sei von Jonas Kampus sowie Jonathan Daum initiiert worden. (TA/NN)

Erstellt: 03.09.2018, 16:06 Uhr

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