«Die Schweiz interessiert hier echt keinen!»

Bern erwartet einen «heissen Herbst» im Streit mit der EU. Und in Brüssel? Da nervt man sich höchstens über den komplizierten Drittstaat.

Wen interessiert die Schweiz? Die damalige Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga zu Besuch bei EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (links). Foto: Reuters / Francois Lenoir (21. Dezember 2015)

Wen interessiert die Schweiz? Die damalige Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga zu Besuch bei EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (links). Foto: Reuters / Francois Lenoir (21. Dezember 2015)

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Let’s go to lunch, my dear. James Crisp hat einen Kater, üble Sache, und was er eben hier drin erlebt hat, im Presseraum der EU-Kommission, macht das nicht besser. Slow Morning in der EU-Zentrale. Ende August, die unbestimmte Zeit zwischen Sommerpause und echter Arbeit. Zehn Minuten nur dauerte die mittägliche Pressekonferenz, ein Grieche wollte etwas über EU-Geld für Griechenland wissen, ein Brite was zum Brexit. Routiniert-gelangweilt gab der Pressesprecher Auskunft (oder eher nicht), bevor er mit einem chauvinistischen Spruch an eine Assistentin übergab.

Der Brite war James Crisp, er arbeitet für den «Telegraph» als Brüssel-Korrespondent und er bewegt sich jetzt recht zielstrebig Richtung Kitty O’Shea’s Pub, einer irischen Beiz, geführt von Türken, gleich neben dem «Berlaymont», dem Hauptgebäude der EU-Kommission. «What a mess!», ruft James aus und versucht sich dann zu erinnern, wann er das letzte Mal mit der Schweiz in Berührung gekommen ist. Doch zuerst, wichtig: Kater-Gegenmassnahme. Als der Türke das erste Pint gebracht hat, muss James noch unbedingt die Geschichte seines 16 Monate alten Kindes erzählen. Verstopfung, üble Sache, und kennst du eigentlich den Podcast, in dem es darum geht, ob Bowie oder ­Dylan besser war? Er sei ja eher für ­Bowie, obwohl Dylan auch seine Momente gehabt habe. Die Schweiz, James, die Schweiz! Er nimmt einen langen Schluck von seinem Pint, stochert lustlos in seinem Teller Fish and Chips herum (isst er hier immer) und sagt dann: Sorry. Aber die Schweiz? Die interessiert hier echt keinen.

Die Grossen und die Kleinen

Ach James. Wahrscheinlich hat er recht. Die Indizien sind deutlich. Wer in Brüssel etwas auf sich hält oder glaubt, etwas auf sich halten zu müssen, der liest das «Brussels Playbook», den täglichen Newsletter von «Politico». Die Schweiz war im Newsletter in den vergangenen Monaten eigentlich nie ein Thema. Mit einer Ausnahme: Am 8. August, jenem Tag, an dem Gewerkschafter Paul Rechsteiner die Verhandlungen zum Rahmenabkommen eskalieren liess, blickte «Politico» tatsächlich gegen Süden. Und gratulierte Roger Federer ganz herzlich zum 37. Geburtstag. Immerhin.

Tja. So geht das halt mit den Grossen und den Kleinen. In der kleinen Schweiz tobt seit Anfang August ein politischer Streit von einer Intensität, wie man ihn selten erlebt hat in diesem Land. Heute wird der Bundesrat ein erstes Mal darüber beraten, wie es mit dem Rahmenabkommen weitergehen soll, Christoph Blocher warnt in einem Interview mit der NZZ schon auf Vorrat vor einem «heissen Herbst» im Kampf gegen den Moloch in Brüssel. Gleichzeitig sagen sich der oberste Gewerkschaftsführer und der Wirtschaftsminister öffentlich Schimpf und Schande.


Video: Die EU droht der Schweiz

EU-Kommissionssprecherin Mina Andreeva nimmt Stellung zum Rahmenabkommen. Ende Jahr werde die EU die Entwickung in der Schweiz bewerten. Video: European Comission/Tamedia


In der EU bekommt man davon nichts mit. «Ich weiss ganz ehrlich nicht, was euer Problem ist.» Das sagt Andreas Schwab, ein EU-Parlamentarier der CDU aus Baden-Württemberg, ein Nachbar also, halber Verbündeter. Man sei sich im Rahmenabkommen doch in den wesentlichen Punkten einig, dynamische Rechtsübernahme, Schiedsgericht und so weiter. Und jetzt das. «Wir sind doch keine Kasperl! Wer sich direkt mit dem Thema befasst, hat es ziemlich satt», sagt Schwab. «Doch das macht ja kaum jemand.»

Andreas Schwab (l.), für die CDU im EU-Parlament, und Anwalt Jean Russotto.

Georges Baur macht es, von Berufes wegen: sich mit dem Thema befassen. Er ist beigeordneter Generalsekretär der Efta, der Freihandelsorganisation zwischen Island, Norwegen, Liechtenstein und der Schweiz, nur ein paar hundert Meter entfernt vom Hauptsitz der Kommission. Es sind Baurs letzte Tage in Brüssel, er wechselt turnusgemäss nach Liechtenstein, die Zentrale in Brüssel erhält neues Personal.

Der Diplomat ist entspannt, sehr, bietet wahlweise dünnen norwegischen Filterkaffee aus der Kanne an oder die nur minimal bessere Automatenvariante. Er hat heute die NZZ gelesen, das Gespräch mit Christoph Blocher über die vertrackten Verhandlungen über das Rahmenabkommen und den «heissen Herbst». Baur lächelt. «Das ist vor allem eines: ein Wunsch von ihm.»

Journalist Bruno Waterfield (l.) und Georges Baur, Efta-Diplomat.

EU hat andere Probleme

Ja, die EU hat tatsächlich andere Probleme, grössere Probleme. Den Handelskrieg mit Donald Trump, den Asylstreit, die rechtsstaatlichen Probleme in Polen und Ungarn, den Brexit. «Auch darum ist die innenpolitische Debatte in der Schweiz Spiegelfechterei», sagt Baur. «Man redet untereinander. Aber nicht mit der EU.» Die Briten würden das beim Brexit ähnlich machen, und auch die Efta-Staaten hätten schon solche Debatten geführt.

Russotto redet den ganzen Tag mit allen. Mit den Schweizern, mit den Europäern.

Trotzdem ist Baur ziemlich optimistisch. «Die EU wird die Schweiz nicht vom Haken lassen. Doch es wird auch nichts Gravierendes passieren. Einen heissen Herbst wird es nicht geben.» Es gehe jetzt nur darum, einen Weg zu finden, damit beide Verhandlungspartner ihr Gesicht wahren können.

Baur sagt das wenige Tage, bevor Aussenminister Ignazio Cassis via «SonntagsZeitung» genau einen solchen Weg skizziert. Ein «Memorandum of Understanding» zwischen der Schweiz und der EU: Das haben wir erreicht. Das noch nicht. Schauen wir später weiter. Nach den Wahlen in den EU und in der Schweiz 2019.

Ein Ausweg?

Cassis war nicht der Erste mit der Idee eines «Memorandum of Understand­ing». Es ist exakt jene Lösung, die ­vergangene Woche Jean Russotto angeregt hat – via ein kaum beachtetes Interview auf swissinfo.ch. Russotto ist ein Schweizer Wirtschaftsanwalt aus der Waadt, seit dreissig Jahren in Brüssel, ein Strippenzieher, sagen die einen. Eine etwas undurchsichtige Figur, finden die anderen. Sein Büro ist die Antithese zum wilden Pub des Türken. Jeder Zentimeter seines beeindruckend grossen Bürotischs ist mit Mäppchen belegt, penibel ausgerichtet. Grün, blau, rot, gelb, durchsichtig. Mäppchen für ein ganzes Leben oder sogar für zwei.

Russotto ist ein höflicher Mensch, sehr. Er überlegt lange, bevor er etwas sagt, und beginnt einen Satz nie, bevor er die Frage seines Gegenüber als die wohl spektakulärste Frage seines Lebens gewürdigt hat. «Genau so ist es!», beginnt ein Satz typischerweise und schwenkt dann rasch auf wichtigere Dinge um. Russotto also, dieser Fuchs, macht den ganzen Tag nicht viel anderes, als mit allen zu reden. Mit den Schweizern, mit den Europäern.

Er hält die Debatte in der Schweiz für viel zu laut und viel zu aufgeregt. «Beide Seiten haben schon so viel in diese Verhandlungen investiert. Da wird man doch kaum so blöd sein und jetzt alles über den Haufen werfen.» Der eleganteste Ausweg: ein Memorandum of Understanding. Und natürlich darf Brüssel darob nicht zufrieden sein und mei mei – Russotto schüttelt gekonnt seinen Zeigefinger – der Schweiz das nicht durchgehen lassen. «Also wird die Börsenäquivalenz wieder nur auf ein Jahr befristet. Ein Signal. Und eines, das niemandem weh tut.» Monsieur Russotto steht auf. Entschuldigen Sie bitte vielmals, es war wirklich ein vergnügliches Treffen, doch jetzt muss ich weiter, Termine, Sie verstehen.

Eine Drohung

Also zurück ins Pub. James hat inzwischen Gesellschaft bekommen, drei Kollegen von der britischen Presse, darunter Bruno Waterfield, der Vorgänger von James beim «Telegraph», heute vielbeachteter (und Brexit-freundlicher) Korrespondent der «Times». Die Runde ist beim dritten Pint angelangt, happy Lunchtime, und verhandelt jetzt sehr energisch den Muschelkrieg zwischen englischen und französischen Fischern im Ärmelkanal, der nur einen logischen Sieger haben kann.

Bruno rollt mit den Augen und versucht die Diskussion sanft in eine andere Richtung zu lenken. Auch er denkt nicht jeden Tag über die Schweiz nach, doch wenn er es tut, kommt er zu verblüffend ähnlichen Schlüssen wie Andreas Schwab, Georges Baur oder Jean Russotto. «Die Sache mit der Börsenäquivalenz war eine Strafe für die Schweiz. Doch sie galt uns, den Briten. Eine Drohung.»

Und, sagt Bruno, die europäische Kommission werde das nicht noch einmal wagen. Die Gewährung der Börsenäquivalenz als politische Waffe der EU-Kommission – das sei in den Mitgliedstaaten gar nicht gut angekommen. Selbst in Deutschland nicht, wo sich mit Frankfurt jener Börsenplatz befindet, der in der Theorie am meisten von einer Schwächung von London und Zürich profitieren müsste. Doch enough said, genug von der Schweiz, und jetzt bitte zu den wirklich wichtigen Fragen: Sag, wen findest denn du besser? Bowie oder Dylan? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2018, 10:11 Uhr

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