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Wirtschaftskrise wegen Brexit? Das ist es uns wert

Von Brexit-Reue ist in Grossbritannien nichts zu spüren. Eine neue Umfrage zeigt gar: Geschlossene Grenzen sind vielen Briten wichtiger als der Job eines Familienmitglieds.

Wie lange gibt es seinen Job noch? Ein Arbeiter in einem Werk des US-Autobauers Ford in London. (21. Juli 2017)
Wie lange gibt es seinen Job noch? Ein Arbeiter in einem Werk des US-Autobauers Ford in London. (21. Juli 2017)
Keystone

Sie werden ihren Entscheid bald bereuen. Wenn die britische Wirtschaft einbricht, wird der Brexit schnell an Rückhalt verlieren. So oder ähnlich wurde der Entscheid der Briten, die EU zu verlassen, unmittelbar nach der Abstimmung kommentiert.

Doch eine am Dienstag veröffentlichte Umfrage zeigt: Selbst ein Jahr danach sind viele Briten so überzeugt vom Brexit, dass sie bereit sind, einen sehr hohen Preis zu zahlen.

Das Institut YouGov (ja, auch hier haben die Meinungsforscher den Ausgang der Abstimmung falsch vorausgesagt) stellte im Juli den Briten die entscheidende Frage: Angenommen, der Brexit fügt Grossbritannien schweren wirtschaftlichen Schaden zu. Wären Sie bereit, diesen Preis zu zahlen?

So antworteten die Brexit-Befürworter:

Quelle: YouGov. Grafik vergrössern.

Von den mehr als 2000 Befragten, die vor einem Jahr für den Brexit gestimmt hatten, sind heute 61 Prozent bereit, einen wirtschaftlichen Einbruch in Kauf zu nehmen. Nur 20 Prozent nicht.

Und selbst wenn eine Krise sie direkt treffen würde, sagen vier von zehn Befürwortern: Ja, der Brexit ist es wert. Auch wenn ein Familienmitglied deswegen den Job verliert.

Andererseits: Unter denjenigen, die vor einem Jahr gegen den Brexit gestimmt haben (ebenfalls über 2000 Umfrageteilnehmer), würde heute rund ein Drittel eine Wirtschaftskrise begrüssen – in der Annahme, dass dies zu einem Abbruch der Austrittsbemühungen führt.

So antworteten die Brexit-Gegner:

Quelle: YouGov. Grafik vergrössern.

Gemäss der britischen Zeitung «Financial Times» zeigen andere aktuelle Umfragen, dass sich die öffentliche Meinung über den Brexit seit der Abstimmung kaum verändert hat. Die Bevölkerung bleibe gespalten – weder das Lager der Befürworter noch jenes der Gegner habe zulegen können. Zur Erinnerung: Am 23. Juni 2016 stimmte 52 Prozent für den Austritt aus der EU und 48 Prozent dagegen.

Alte gegen Junge

Schon in der Brexit-Abstimmung waren die Unterschiede zwischen den Generationen sehr gross. Ältere Briten stimmten deutlich häufiger für den Brexit als jüngere. Ein ähnliches Bild zeigt sich nun bei der YouGov-Umfrage: Je älter die Brexit-Befürworter sind, desto eher sind sie bereit, eine Wirtschaftskrise als Preis für einen EU-Austritt in Kauf zu nehmen. Bei den Rentnern sind es über 70 Prozent, bei den unter 25-jährigen Brexit-Befürwortern noch 46 Prozent.

So antworteten die Brexit-Befürworter, aufgeteilt nach Altersgruppen:

Quelle: YouGov. Grafik vergrössern.

Auf Twitter sind die Reaktionen auf die Grafik zu den Unterschieden zwischen den Altersgruppen entsprechend gehässig. «Schön zu sehen, dass Rentner froh darüber sind, wenn andere Leute ihren Job verlieren. Ein netter Haufen», lautet ein Kommentar.

Grossbritannien spürt die Folgen des Brexit-Entscheids schon heute, obwohl das Land weiterhin Teil des EU-Wirtschaftsraumes ist. Das Pfund hat sich gegenüber dem Dollar innert eines Jahres um 15 Prozent abgewertet. Das ist der zweitschlechteste Wert unter den 20 wichtigsten Währungen der Welt. Die Abwertung hat die Teuerung auf gegen 3 Prozent erhöht (von 0,5 Prozent vor dem Brexit-Entscheid). Und die britische Wirtschaft wächst inzwischen deutlich langsamer als die Eurozone.

0,3 Prozent

Wachstum der britischen Wirtschaft im 2. Quartal 2017

0,6 Prozent

Wachstum der Eurozone im 2. Quartal 2017

Während Grossbritannien im 2. Quartal 2017 um 0,3 Prozent gewachsen ist, beträgt das Wachstum in der Eurozone im Schnitt 0,6 Prozent – der beste Wert seit dem Ausbruch der Schuldenkrise vor sechs Jahren. Auch der Ausblick ist in der Eurozone deutlich positiver als in Grossbritannien.

Allerdings muss hier auf einen wichtigen Punkt hingewiesen werden: Die britische Wirtschaft schwächelt zwar, aber gewachsen ist sie seit der Brexit-Abstimmung noch in jedem Quartal. Auch die Arbeitslosigkeit ist heute mit 4,5 Prozent deutlich tiefer als noch vor einigen Jahren. Nach der Finanzkrise war die Arbeitslosenrate auf über 8 Prozent gestiegen. Und trotz des Brexit-Entscheids ist die Zahl der Arbeitslosen weiter zurückgegangen.

Die «Financial Times» weist in ihrem Artikel zur YouGov-Umfrage denn auch darauf hin, dass die Umfrage zwar zeige, dass viele Briten momentan bereit seien, grosse Opfer für einen Brexit zu erbringen. Es sei jedoch unklar, ob das auch noch der Fall sei, wenn das Land tatsächlich in eine Rezession oder eine längere Phase mit wirtschaftlicher Stagnation gerate.

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