«Wir wollen Flagge zeigen»

Seit Wochen demonstrieren jeden Sonntag Zehntausende für Europa. Daniel Röder, der deutsche Gründer der Pulse-of-Europe-Bewegung, erklärt den Erfolg.

Unterwegs für die europäische Idee: Mitglieder von Pulse of Europe am vergangenen Sonntag beim Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: Fabrizio Bensch (Reuters)

Unterwegs für die europäische Idee: Mitglieder von Pulse of Europe am vergangenen Sonntag beim Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: Fabrizio Bensch (Reuters)

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Weshalb haben Sie Pulse of Europe ins Leben gerufen?
Der Brexit letztes Jahr hatte uns bereits aufgeschreckt, Trump gab uns den Rest. Am Morgen nach seiner Wahl war meiner Frau und mir klar, dass wir etwas tun müssen. Vor den Schlüsselwahlen dieses Jahres, in den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland, sahen wir uns als proeuropäische Bürger in der Pflicht. Wir wollen verhindern, dass noch einmal etwas geschieht, was wir nicht für möglich gehalten hätten. Wir wollen Flagge zeigen und die Strasse nicht denen überlassen, die laut gegen Europa schreien.

Wie ist aus dem Impuls eine Bewegung geworden?
Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen sagen! Sobald uns klar war, was wir wollten, haben wir unser privates Netzwerk eingespannt. Die ersten Demonstrationen in Deutschland wurden fast alle von Freunden von uns organisiert, die ähnlich dachten wie wir. Als die Idee ins Rollen kam, haben wir während ein paar Wochen unsere Berufe zur Seite gelegt, um uns richtig reinzuhängen. Der Zeitpunkt scheint goldrichtig gewesen zu sein. Nicht nur wir, auch andere suchten nach einer niederschwelligen Möglichkeit, öffentlich für Europa einzutreten. Wir haben einen Nerv getroffen.

Welchen Nerv?
Viele haben sich nach Brexit und Trump erstmals wirklich um den freiheitlichen Rechtsstaat, die offene Gesellschaft und das vereinte Europa gesorgt. Zuvor hatten wir uns einfach nicht vorstellen können, dass das jemals ins Wanken gerät. Wir wissen, dass Russland eine Auto­kratie ist. Die Einsicht, dass auch die USA oder Frankreich dazu werden könnten, war ein Schock. Die Vorstellung, dass die Europäische Union auseinanderfallen könnte, ebenso. Viele von uns haben das als persönlichen Angriff auf ihre Art zu leben empfunden.

Ungewöhnlich ist, dass Ihre Bewegung für etwas statt gegen etwas demonstriert. Auch auf Forderungen verzichten Sie fast völlig – zugunsten eines vagen Europa-Bekenntnisses. Fehlt da nicht etwas?
Bisher offenbar nicht. Klar ist aber auch: Wir werden nicht auf ewig jeden Sonntag demonstrieren. Das würden auch die Organisatoren vor Ort nicht durchhalten. Wir wollen das Momentum für die europäische Idee, das wir derzeit haben, nutzen, überlegen uns aber auch, wie wir die Bewegung auf eine dauerhaftere Basis stellen können. Ob es in der Zukunft konkrete politische Forderungen braucht, weiss ich nicht. Manche Beobachter glauben das, andere wiederum denken, dass es die Bewegung zerreissen würde, stünden konkrete politische Forderungen im Raum.

«Wir wollen Flagge zeigen und die Strasse nicht denen überlassen, die laut gegen Europa schreien.»

An Ihren Demos dürfen ausser Bürgermeistern keine Politiker sprechen, nur einfache Bürger. Warum halten Sie Distanz zu den Parteien?
Unsere Bewegung reicht über die Parteien hinweg, das macht sie attraktiv. Gleichzeitig scheuen wir den Kontakt nicht, indem wir die Parteien ja auffordern, eine Zukunftsformel für Europa zu entwickeln und die entsprechende Debatte zu befeuern. Insofern haben wir selbst eine politische Botschaft, klar.

Obwohl Ihre Demonstrationen mittlerweile überall in Europa stattfinden, ist es bislang im Kern eine deutsche Bewegung geblieben. Warum fällt der Sprung über die Grenzen schwer?
Das fragen wir uns auch. Vor den Wahlen wollten wir unbedingt in den Niederlanden Demos organisieren, aber das hat nicht wirklich funktioniert. Man sagte uns, dass die Holländer ungern für Politik auf die Strasse gehen. Auch in Frankreich tun wir uns schwer, obwohl es da ständig Demos gibt, allerdings kaum für Europa. Europa spielt auch im Wahlkampf kaum eine Rolle – ausser bei Marine Le Pen natürlich.

Warum gibt es bislang keine Demos in der Schweiz?
Das Interesse besteht. Da kommt wohl auch bald was.

«Ihr Deutschen habt gut für Europa demonstrieren, ihr profitiert ja auch davon!», lästern Kritiker im Süden. In Deutschland wird zuweilen über das «Wohlfühlprojekt von Eigenheimbesitzern» gespottet. Was entgegnen Sie?
Wir kämpfen nicht für unseren eigenen Vorteil, schon gar nicht für den wirtschaftlichen. Unser Motiv ist es, die europäische Gemeinsamkeit zu be­wahren. In diesem Sinne verstehen wir uns auch als Friedensbewegung. Wenn in Europa die Schlagbäume wieder runter- und die Mauern wieder hoch­gehen, gefährdet das im Endeffekt unseren Frieden. Natürlich bestimmen auch das Soziale und die Solidarität der ­Partner füreinander, wie gross der Zusammenhalt ist. Ob es mehr Ausgleich braucht, ist eine offene Frage. Gemeinschaft beschränkt sich aber nicht darauf.

Wo steht Ihre Bewegung nach der Bundestagswahl im Herbst – im besten Fall, im schlimmsten Fall?
Im besten Fall haben wir es geschafft, Menschen politisch zu aktivieren und an die Urnen zu bringen. Wir haben es geschafft, eine Bürgerinitiative so zu strukturieren, dass wir daneben wieder unseren Berufen nachgehen können. Und wir haben uns so etabliert, dass wir in der proeuropäischen Szene eine Rolle spielen. Einen schlechtesten Fall kann es eigentlich gar nicht geben. Wir haben schon so viel erreicht. Selbst wenn wir das Kapitel jetzt schliessen würden, hätte es die Mühe längst gelohnt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2017, 21:13 Uhr

Daniel Röder (45) ist Rechtsanwalt in Frankfurt am Main. Zusammen mit seiner Frau Sabine, ebenfalls Rechtsanwältin, hat er am 9. November 2016 die proeuropäische Bürgerinitiative Pulse of Europe gegründet.

Seit Januar demonstriert die Bewegung jeden Sonntag. Vor vier Tagen gingen so in 85 Städten in sechs Ländern fast 50'000 Menschen auf die Strasse. Der Schwerpunkt liegt freilich in Deutschland: In Berlin demonstrierten 7500 Menschen, in Frankfurt 4000, in Paris lediglich 300 – so viele wie in Hildesheim. Foto: Keystone (de)

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