Wir brauchen mehr Gentlemen

Ein englischer Minister wollte wegen ein paar Minuten Verspätung von seinem Amt zurücktreten. Das ist nicht unbedingt übertrieben.

Fordert wegen Verspätung seinen eigenen Rücktritt: Lord Michael Walton Bates. Video: Tamedia/Britisches Parlament

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Natürlich, die Briten sind für ihre formvollendeten Manieren bekannt. Aber dass ein Minister und Lord in Amt und Würden wegen ein paar Minuten Verspätung seinen Rücktritt einreicht – das löst sogar im Reich der steifen Oberlippen ungläubiges Staunen aus. Und doch: Lord Michael Walton Bates, Minister für internationale Entwicklungshilfe in der Regierung von Theresa May, meinte es ernst, als er um seine Entlassung bat. Nur weil er den Anfang der Fragestunde im Oberhaus verpasst hatte.

«Während der letzten fünf Jahre, in denen ich das Privileg hatte, im Auftrag der Regierung hier Fragen zu beantworten, war ich immer der Überzeugung, dass wir die höchsten Standards der Höflichkeit und des Respekts einhalten sollten», sagte Bates mit ehrlicher Zerknirschung in der Stimme. «Ich bin zutiefst beschämt, dass ich heute nicht zur Stelle war, und daher werde ich der Premierministerin meine sofortige Entlassung beantragen.» Sprachs, und unter den erschrockenen Ausrufen («No, no, no!») der Mitglieder des Oberhauses verliess Bates fluchtartig den Sitzungssaal in Westminster.

Zu früh?

Premierministerin May hat grössere Probleme als Verspätungen eines ihrer unwichtigeren Minister im Minutenbereich. Jedenfalls liess sie über ihre Sprecherin ausrichten, dass sie nicht im Traum daran denke, den Mann deswegen ziehen zu lassen: «Lord Bates hat mit der für ihn typischen Aufrichtigkeit um seine Entlassung gebeten, aber ein Rücktritt ist völlig unnötig.» Man glaubt in diesen Worten die leise Konsternation mitzuhören, die Bates’ Verhalten in der Downing Street ausgelöst hat. Sogar als «bizarr» bezeichneten gestern internationale Kommentatoren den Vorgang. Während andere Politiker lieber zu spät oder gar nicht abtreten würden, sei dieses Rücktrittsangebot entschieden zu früh gekommen.

Wirklich?

Man kann es auch anders sehen: Immerhin werden ja heute sogar auf höchster politischer Ebene Höflichkeit und Respekt mehr und mehr zur Mangelware. Enthemmung scheint im Gegenteil zur Regel zu werden. Das zeigt ja unter anderem das Verhalten des amtierenden amerikanischen Präsidenten, der via Smartphone Feind, Freund und sogar Wildfremde in aller Öffentlichkeit lächerlich macht und beleidigt. Das Wort «Scham» kommt im Wortschatz dieses Präsidenten gar nicht vor, und man hat nicht gehört, dass er sich zum Beispiel für seine erniedrigenden Aussagen gegenüber Kriegsveteranen, Frauen und afrikanischen Staaten je aufrichtig entschuldigt hätte.

«Pünktlichkeit wird als Sekundärtugend kleingeschrieben.»

Am erschreckendsten an diesem Politiker ist ja gerade die Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der er seine verbalen Übergriffe verbreitet. Man hat sich unterdessen nachgerade daran gewöhnt und nimmt die Tweets und die übrigen Entgleisungen dieses Amtsträgers höchstens noch mit leichter Verwunderung zur Kenntnis. Standards, die man bisher für selbstverständlich hielt, werden ausgehöhlt.

Heilsamer Schock

Höflichkeit, Ordnungsliebe, Disziplin wurden in den letzten fünfzig Jahren konsequent als Sekundärtugenden ohne jede ethische Bedeutung kleingeschrieben. Pünktlichkeit gilt heut fast schon als zwanghaftes Verhalten. Dass fristgerechtes Erscheinen zu einem Termin die Wertschätzung des Gegenübers ausdrückt, ist in der Epoche der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit von allem und jedem gründlich verloren gegangen.

Da ist ein britischer Minister, der sich tiefbeschämt für eine noch so geringfügige Verletzung der Etikette entschuldigt, ein willkommener, heilsamer Schock. Er erinnert uns daran, dass «höchste Standards der Höflichkeit und des Respekts» eben doch noch existieren. Und vielleicht sogar doch ihre Berechtigung haben.

Es ist ein Zeichen der Zeit, dass man über dieses Rücktrittsangebot glaubt, den Kopf schütteln zu müssen. Eigentlich aber sollte ein Gentleman wie Lord Bates der Standard sein, an dem sich Politiker messen lassen müssen – nicht all die anderen opportunistischen Sesselkleber. Wir brauchen mehr Gentlemen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 19:49 Uhr

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