Windsor im Wandel

Prinz Harrys Verlobte hat eine afroamerikanische Mutter. Bis vor kurzem war das unvorstellbar.

Heiratete unter ihresgleichen: Königin Elizabeth II. bei ihrer Verlobung 1947. Foto: Getty Images/Hulton Archive

Heiratete unter ihresgleichen: Königin Elizabeth II. bei ihrer Verlobung 1947. Foto: Getty Images/Hulton Archive

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Was, fragt man sich, hält wohl die Queen von Meghan Markle? Von der geschiedenen, links angehauchten und sich als Feministin betrachtenden Schauspielerin aus Los Angeles, mit der ihr Enkel Harry im nächsten Jahr in den Stand der Ehe treten will?

Dass die 36-Jährige, die bald zu den Windsors gehört, etwas älter ist als ihr Prinz, wird Elizabeth II. wohl wenig Kopfzerbrechen bereiten. Dass sie amerikanischer Nationalität ist, muss ihr eher zu denken geben. Und dass «Ms Markle» bereits eine (kurze) Ehe hinter sich hat, weckt ungute Erinnerungen an die 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts – als Lilibet noch ein Kind war und die britische Monarchie wegen ihres Onkels, König Edward, und dessen Zuneigung zu Wallis Simpson schwer ins Wanken kam.

In diesem Punkt scheint sich bei Hofe einiges geändert zu haben – drei der vier Kinder Elizabeths, darunter Thronfolger Charles, sind selbst geschieden. Die grösste Herausforderung für die älteren Windsors dürfte aber sein, dass sie als neues Familienmitglied die Tochter einer afroamerikanischen Mutter begrüssen sollen. Leute «dieser Art» war man in Englands Schlössern bisher eher als Dienstboten gewohnt.

Schwarz (oder «braun») war, wer aus fernen Kolonien kam, in den Ställen arbeitete, in der Küche stand, im Palast Schuhe putzte. Schwarze Gäste gab es natürlich. Vor allem seit das Empire zerfiel. Aber die königliche Familie konnte sich nie vorstellen, dass sie selbst etwas anderes sein könnte als «hochwohlgeboren». Und das bedeutete: weder braun noch schwarz.

Denn noch mehr als Klasse schloss Rasse die «falschen» Bewerber von der Crème de la Crème aus. Die Abgrenzung von «dunklen Völkern» galt als eine stille Form weisser Vorherrschaft. Ob Königin Charlotte, die Gemahlin König Georges III., afrikanisch-portugiesischer Herkunft war, ist in England bis heute umstritten. Stimmt diese Behauptung, wurde das früher nicht als Zeichen sozialen Fortschritts zelebriert.

Wie verwirrend auch nur geringer Wandel in dieser Ordnung der Dinge für die Betroffenen sein kann, illustriert eine Begegnung Prinz Philips mit dem Tory-Politiker Lord Taylor of Warwick im Jahr 1999. Philip fragte Taylor, dessen Eltern aus Jamaika stammten: «Und wo kommen Sie her?» Worauf der schwarze Adelige belustigt antwortete: «Aus Birmingham.»

Sorge um die uralte «Bloodline»

«Aristoblacks» waren in Prinz Philips Weltbild und dem vieler anderer Briten nicht vorgesehen. Als Viscount Weymouth vor vier Jahren die schwarze Celebrity-Köchin Emma McQuiston ehelichte, haderte seine Mutter: «Willst du das einer 400 Jahre alten Bloodline wirklich antun?»

Sorge um die rechte «Bloodline» charakterisierte im Vorjahr schon die Berichterstattung eines Teils der britischen Presse über Meghan Markle. Gehässige Anspielungen fielen auf ihre Herkunft, sie entspreche nicht «dem normalen Typus» der blonden Gespielinnen Harrys. Ein Strom übelster Kommentare in den sozialen Medien hat sich seither über das Paar ergossen.

Solche rassistischen Muster werden wohl nicht automatisch verschwinden. Davor warnen die, die der Begeisterung über den angeblich grundlegenden Wandel der Monarchie skeptisch gegenüberstehen. Diese Zweifler, die teils aus der schwarzen Bevölkerung stammen, glauben nicht an ein baldiges Ende der feindseligen Reaktionen. Gewarnt wird auch davor, dass die kaputten Familienverhältnisse der Windsors Meghan Markle am Ende schon noch «kleinkriegen» würden: Dass auch diese Ehe, dieser soziale Ausbruchsversuch, scheitern müsse.

Fürs Erste ändert das nichts daran, dass die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle eine Öffnung der britischen Monarchie signalisiert, wie sie lange undenkbar gewesen wäre. Das oberste Statussymbol des Vereinigten Königreichs, das Königshaus, setzt zögernd eine weitere, von Harry provozierte Modernisierung in Gang.

Es mag sein, dass nun viele Vorurteile einfach unterdrückt werden – und dass verunsicherte Royalisten sich mit einer relativ hellhäutigen Prinzen-Braut afrikanischen Einschlags leichter abfinden können als mit einer tiefschwarzen. Wichtig ist, dass Markle selbst «stolz» darauf ist, «sowohl schwarz wie weiss» zu sein. Das gibt dieser kommenden Hochzeit Bedeutung. So was hatten die Windsors bisher noch nicht.

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