Wie Putin dem Volk das Trinken abgewöhnt

Russland bekommt das strengste Alkoholgesetz Europas: Ab Februar 2019 soll kein Schnaps mehr an Jugendliche unter 21 Jahren abgegeben werden.

Eine Suche nach «Putin» und «Alkohol» in der Bilddatenbank von Reuters ergibt nur zehn Treffer – darunter dieses Bild aus dem Jahr 2009: Wladimir Putin (damals Premierminister) schaut mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew ein Fussballspiel in Sotschi. Foto: Reuters

Eine Suche nach «Putin» und «Alkohol» in der Bilddatenbank von Reuters ergibt nur zehn Treffer – darunter dieses Bild aus dem Jahr 2009: Wladimir Putin (damals Premierminister) schaut mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew ein Fussballspiel in Sotschi. Foto: Reuters Bild: Keystone

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Denkt man an Russland, fällt vielen Schweizern als Erstes der Wodka ein, das russische Nationalgetränk sozusagen. Dabei trinken die Russen kaum noch mehr Alkohol als die Schweizer. Und der Kreml arbeitet daran, den Alkoholkonsum weiter zu drosseln: Das Mindestalter für Wodkatrinker, das heute bei 18 Jahren liegt, soll auf 21 Jahre erhöht werden. Das ist der neuste Schritt in einer ganzen Reihe von Massnahmen gegen den Alkoholismus, lange Russlands Problem Nummer 1.

Als Wladimir Putin 2001 Präsident wurde, starben die russischen Männer im Schnitt mit 59 Jahren, rund 16 Jahre früher als in Westeuropa. Der Hauptgrund dafür, da waren Gesundheitsexperten sich einig, war der exzessive Alkoholkonsum: Je mehr Wodka, desto weniger Jahre zu leben, lautete die einfache Formel. Die russischen Frauen, die deutlich weniger trinken, schafften es schon damals auf 72 Jahre.

Viele russische Männer hassen Gorbatschow bis heute inbrünstig für das Alkoholverbot.

Der Alkohol war für Russland ein altes Problem – und ein heikles. Schon der letzte Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, hatte den Wodka als Russlands ärgsten Feind identifiziert. In einer gross angelegten Antialkoholkampagne wurde Wodka zwischen 1984 und 1987 nur noch gegen Coupons abgegeben und auf einen Liter pro Kopf und Monat beschränkt. Die Folge war, dass die Russen im grossen Stil anfingen, selber zu destillieren, Zucker verschwand quasi über Nacht aus den staatlichen Läden. Viele russische Männer hassen Gorbatschow bis heute inbrünstig für das Alkoholverbot.

Mit dem weitgehend abstinenten Putin kam die Wende

Gorbatschows Nachfolger Boris Jelzin, der selber gerne dem Hochprozentigen zusprach, stellte sich auf den Standpunkt, dass man in Russland die Preise für Benzin, Brot und Wodka besser nicht anrührt, wenn man sich keinen Ärger mit dem Volk einhandeln will. Doch die Wodka-Krise nahm solche Dimensionen an, dass der persönlich weitgehend abstinente Putin sich zum Handeln genötigt sah: Zehntausende vor allem junge russische Männer starben jedes Jahr allein an Alkoholvergiftungen. Hinzu kamen die Opfer von Unfällen, Morden und Suiziden unter Alkoholeinfluss. Ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Langzeitfolgen.

Schnaps gibt es bald erst ab 21: Immer mehr Russen trinken Bier statt Wodka.

Doch statt wie Gorbatschow eine gross angelegte Kampagne zu starten, ging Putin das Problem ganz beiläufig an. Zuerst wurde die Alkoholwerbung verboten, dann ein Mindestpreis für Wodka eingeführt. Später verbot der Kreml das Trinken im öffentlichen Raum, zum Beispiel in Parks, und schränkte schliesslich die Verkaufszeiten ein: Die russischen Läden, von denen viele 24 Stunden und sieben Tage die Woche geöffnet haben, dürfen am Abend und in der Nacht keinen Alkohol mehr verkaufen und ziehen Vorhänge vor die meist ausgedehnten Regale mit Alkohol.

Mehr abstinente Russen als Schweizer

Über die Jahre änderte sich auch das Trinkverhalten. Früher tranken die meisten Russen Wodka. Sie taten das nicht jeden Tag, vielleicht einmal die Woche oder noch seltener, doch dann oft bis zur Besinnungslosigkeit. Heute macht der Wodka nur noch 39 Prozent des Alkoholkonsums aus, Bier ist inzwischen genauso populär. Der Vorteil liegt auf der Hand: «Es ist physisch unmöglich, mit Bier in so kurzer Zeit so viel Alkohol zu sich zu nehmen wie mit Wodka», kommentiert ein russischer Gesundheitsexperte.

Dies alles hat dazu geführt, dass der russische Alkoholkonsum in den letzten Jahren um über ein Drittel gesunken ist. Die WHO berechnet in ihrem neusten Bericht für Russland 11,7 Liter reinen Alkohol pro Jahr, für die Schweiz 11,5. Im europäischen Schnitt liegt Russland inzwischen auf Platz 17. Am meisten trinken die Moldawier mit über 15 Litern, gefolgt von Litauen, Tschechien und Deutschland. Über 40 Prozent der Russen haben die letzten 12 Monate überhaupt keinen Alkohol angerührt, in der Schweiz sind es 18 Prozent, in Luxemburg sogar nur 8 Prozent.

Aus der an sich erfreulich hohen Abstinenzrate erwächst dem Kreml wohl das letzte grosse Problem im Kampf gegen den Alkohol: Jene Russen, die trinken, trinken noch immer viel zu viel. Das hat in manchen vor allem ländlichen und vernachlässigten Regionen zur Folge, dass sich die Situation nur wenig verbessert hat. Doch übers ganze Land gesehen, wird der positive Effekt auf den ersten Blick klar: Die russischen Männer werden heute im Durchschnitt 66 Jahre alt, die Frauen 77. Und ein Grossteil der Russen ist bereit, den Kampf gegen die alte Seuche weiterzuziehen: Fast 80 Prozent sind dafür, das Mindestalter für Wodka auf 21 Jahre zu erhöhen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.12.2018, 06:58 Uhr

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