Kiew inszeniert einen Mord – und opfert die Wahrheit

Darf ein Geheimdienst den Tod eines Journalisten vortäuschen? Der Fall Babtschenko wirft Fragen auf.

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Zita Affentranger@tagesanzeiger

Der ukrainische Geheimdienstchef Wassili Grizak hatte ein breites Grinsen im Gesicht, als er den angeblich ermordeten russischen Journalisten Arkadi Babtschenko wie eine Trophäe live im Fernsehen vorführte. Seine Leute hätten dem Mann das Leben gerettet und ein Attentat russischer Agenten verhindert. Die Kollegen des kremlkritischen Journalisten jubelten und applaudierten, dass sich seine Ermordung als Fake herausgestellt hatte.

Doch nach der ersten Erleichterung wachsen nun Zweifel am Sinn der Aktion und bei manchen auch Ärger darüber, dass Babtschenko sich 24 Stunden betrauern liess. Die ukrainischen Behörden lieferten zu der Aktion jedes Detail: Babtschenkos Ehefrau, die von der Geheimaktion nichts wusste, fand ihren Mann in einer Blutlache, die Behörden brachten ein Bild des angeblich Angeschossenen in Umlauf, und auch eine Phantomzeichnung wurde angefertigt, die in geradezu absurder Weise dem neuen armenischen Premierminister Nikola Paschinjan ähnelt, inklusive dem markanten Bart und der typischen Schirmmütze.

Er hoffe, die Ukraine habe guten Grund gehabt für diese Inszenierung, kommentiert Simon Ostrowski, der seit bald 20 Jahren aus der Region berichtet und Babtschenko auch persönlich kennt. Wenn damit das Leben des Journalisten habe gerettet werden können, wie der ukrainische Geheimdienst behauptet, sei das die eine Sache. Sollte es aber andere Motive für diese Aktion geben, würde dies die Glaubwürdigkeit des Journalismus massiv untergraben.

«Es kann keinen Grund geben, den Tod eines Journalisten zu faken.»Christophe Deloire, Reporter ohne Grenzen

Andere Beobachter zeigten sich noch kritischer. Die Ukraine habe mit der Wahrheit gespielt, beklagt Christophe Deloire von Reporter ohne Grenzen, das sei gefährlich. «Es braucht genau einen Fall wie diesen, um Zweifel zu säen an allen politischen Morden. Es kann keinen Grund geben, den Tod eines Journalisten zu faken.» Auch der Medienbeauftragte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) kritisiert die Ukraine scharf dafür, «falsche Informationen über das Leben eines Journalisten» zu verbreiten. «Es ist die Pflicht des Staates, die Öffentlichkeit korrekt zu informieren», sagt Harlem Desir, der nach der Meldung über die angebliche Ermordung Babtschenkos von einer «entsetzlichen Tat» gesprochen hatte.

Der Nachrichtenkanal 112 Ukraine veröffentlichte einen Videoclip, der Babtschenko an der Pressekonferenz in Kiew zeigt.

Dabei hatte die Ukraine nicht nur den Tod Babtschenkos vermeldet, sondern auch gleich den Täter geliefert. «Russlands totalitäre Maschinerie hat ihm seine Ehrlichkeit und seine Prinzipien nicht vergeben», sagte der ukrainische Premier Wladimir Groisman, der Kreml habe nicht gewollt, dass jemand «der Welt die Wahrheit über die russische Aggression erzählt». Noch ist offen, wie es zu diesem Statement kam, wenn es doch gar keinen Mord gab: Entweder wusste der Regierungschef nicht, welches Spiel sein Geheimdienst trieb, oder er hat schlicht unverfroren gelogen. Doch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko zeigte sich sehr zufrieden mit der Aktion: Der Geheimdienst habe diese «brilliante Operation» gut gemeistert und das Leben des russischen Journalisten gerettet. «Die ukrainischen Ordnungskräfte werden jeden Tag stärker im Kampf gegen die russische Aggression», sagte Poroschenko.

Dass nun ausgerechnet der ukrainische Geheimdienst als Retter eines Journalisten dasteht, ist ebenfalls vielen sauer aufgestossen: Ihm wäre es lieber, so Ostrowski, die Ukraine würde die Mörder von Pawel Scheremet verhaften, statt einen Mord zu klären, den es gar nicht gab. Der Weissrusse Scheremet, der sowohl die russische wie die ukrainische Führung scharf kritisiert hat, ist vor zwei Jahren in Kiew durch eine Autobombe getötet worden. Weil die Behörden noch immer keine Ergebnisse der Untersuchungen vorgelegt haben und das Verfahren ganz offensichtlich verschleppen, versuchten ukrainische Journalisten den Mord selber aufzuklären. Dabei haben sie auch Spuren zu Agenten des ukrainischen Geheimdienstes gefunden, mit dem Babtschenko nun so eng zusammengearbeitet hat.

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