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Nach den Flammen kommt die Wut

Die Feuer rasten heran und töteten ganze Familien. Östlich von Athen sind ganze Viertel abgebrannt. Einige sagen nun: Diese Katastrophe war vermeidbar.

Alex Rühle (Mati), Luisa Seeling
Drohnenaufnahmen zeigen das Ausmass der Zerstörung nach den Waldbränden in Griechenland. Video: Tamedia/AP

Kleinasien ist in drei Minuten abgebrannt. Als Maximos Sapranidis ins Haus ging, um die Papiere zu suchen und «alles, was lebt», standen die Flammen noch oben am Hügel, vielleicht vier Kilometer entfernt. Als er zwei Minuten später rauskam, sah er auf eine 20 Meter hohe Feuerwand. Sie sind ins Auto und gerade runter zum Meer, den Odos Mikras Asias entlang, die Strasse Kleinasiens, die quer durch Mati führt, ein Feriendorf im hügeligen Osten Athens. Zwölf Stunden später führt derselbe Weg quer durch eine Wüste: ausgebrannte Autos, geschmolzene Zäune, die Häuser fensterlose Ruinen. Maximos Sapranidis ist selbst bei der freiwilligen Feuerwehr, «ich habe viele grosse Brände gesehen. Aber nie so was Schnelles.»

Das sagen sie hier alle. Man spricht ja oft von Feuerwalzen. Das hier war Walze und Feuerhagel in einem. Der Sturm blies so stark in die Flammen, dass brennende Fichtenzapfen, Äste und Palmwedel 30 Meter weit flogen. Eine vierspurige Strasse durchquert das Brandgebiet, «eigentlich ist das eine sichere Barriere», sagt Sapranidis. «Aber das Feuer ist drüber, als ob sie gar nicht da wäre.» Dazu die Trockenheit. Vom benachbarten Ort sah es so aus, als würden Tankstellen in die Luft fliegen. «Das waren die Pinien» sagt Sapranidis. «Wie senkrechte Explosionen. 30-Meter-Fackeln.»

Beliebte Feriengegend

Hinter ihm qualmt es, das ganze Haus ist abgebrannt. «Wir leben, der Rest ist weg.» Auf die Frage, ob im Haus Wertgegenstände waren, steigt das Wasser in seine Augen. «Ja, meine Kindheit. Da hinten, die schwarze Ecke, das war der Garten, in dem ich laufen gelernt habe.» Der Ort Mati ist fast komplett zerstört.

Bilder: Schwere Waldbrände in Griechenland

Eine Frau betrachtet zerstörte Autos, während sie in der Ortschaft Mati nach ihrem Hund sucht. (24. Juli 2018)
Eine Frau betrachtet zerstörte Autos, während sie in der Ortschaft Mati nach ihrem Hund sucht. (24. Juli 2018)
Costas Baltas, Reuters
Die Einsatzkräfte haben an einem Strand mehr als 20 Leichen von Menschen gefunden, die am Strand Schutz suchen wollten.
Die Einsatzkräfte haben an einem Strand mehr als 20 Leichen von Menschen gefunden, die am Strand Schutz suchen wollten.
AP/Thanassis Stavrakis, Keystone
Ein zerstörtes Haus in Neo Voutza.
Ein zerstörtes Haus in Neo Voutza.
EPA/Alexandros Vlachos, Keystone
Luftansicht auf Neo Voutza im nordöstlichen Attika.
Luftansicht auf Neo Voutza im nordöstlichen Attika.
EPA/Alexandros Vlachos, Keystone
Attika ist die bevölkerungsreichste Region Griechenlands.
Attika ist die bevölkerungsreichste Region Griechenlands.
Savvas Karmaniolas, AFP
Die Feuerwehr kämpft gegen ein Feuer bei der Ortschaft Kineta nahe Athen. (24. Juli 2018)
Die Feuerwehr kämpft gegen ein Feuer bei der Ortschaft Kineta nahe Athen. (24. Juli 2018)
Angelos Tzortzinis, AFP
Die Ortschaft liegt rund 45 Kilometer westlich von Athen.
Die Ortschaft liegt rund 45 Kilometer westlich von Athen.
Angelos Tzortzinis, AFP
Mehrere Häuser wurden durch die Flammen zerstört.
Mehrere Häuser wurden durch die Flammen zerstört.
Angelos Tzortzinis, AFP
Die Helfer werden auch aus der Luft unterstützt.
Die Helfer werden auch aus der Luft unterstützt.
Angelos Tzortzinis, AFP
Eine Rauchwolke bewegt sich auf einen Vorort Athens zu.
Eine Rauchwolke bewegt sich auf einen Vorort Athens zu.
EPA/Alexandros Vlachos, Keystone
Ein Mann auf seinem Balkon in Neo Voutza, das ebenfalls Opfer der Flammen wurde. (24. Juli 2018)
Ein Mann auf seinem Balkon in Neo Voutza, das ebenfalls Opfer der Flammen wurde. (24. Juli 2018)
Pantelis Saitas, Keystone
Geschmolzenes Metall von verbrannten Autos in Argyra Akti in Mati.
Geschmolzenes Metall von verbrannten Autos in Argyra Akti in Mati.
Pantelis Saitas, Keystone
Feuerwehrleute mit einem mit Leichensäcken gefüllten Behälter.
Feuerwehrleute mit einem mit Leichensäcken gefüllten Behälter.
Alkis Konstantinidis, Reuters
Luftaufnahmen von Mati.
Luftaufnahmen von Mati.
Savvas Karmaniolas, AFP
Mehrere Häuser wurden zerstört.
Mehrere Häuser wurden zerstört.
Savvas Karmaniolas, AFP
In Nea Makri werden Vorräte für die geretteten Anwohner sortiert.
In Nea Makri werden Vorräte für die geretteten Anwohner sortiert.
/Yorgos Karahalis, Keystone
Waldbrände nahe Athen geraten ausser Kontrolle: Ein Wildfeuer wütet in der Stadt Ratina. Dutzende Menschen kamen bereits ums Leben. (24. Juli 2018)
Waldbrände nahe Athen geraten ausser Kontrolle: Ein Wildfeuer wütet in der Stadt Ratina. Dutzende Menschen kamen bereits ums Leben. (24. Juli 2018)
Reuters
Flammeninferno nahe der Hauptstadt: Ein Feuerwehrfahrzeug auf einer Strasse in Neo Voutsa, einem Vorort von Athen.
Flammeninferno nahe der Hauptstadt: Ein Feuerwehrfahrzeug auf einer Strasse in Neo Voutsa, einem Vorort von Athen.
Keystone
Verheerende Schäden: Ein Mann läuft im östlich von Athen gelegenen Mati zwischen ausgebrannten Autos durch. (24. Juli 2018)
Verheerende Schäden: Ein Mann läuft im östlich von Athen gelegenen Mati zwischen ausgebrannten Autos durch. (24. Juli 2018)
AFP
Flucht mit dem Schlauchboot: Die Bewohner von Mati werden evakuiert. (23. Juli 2018)
Flucht mit dem Schlauchboot: Die Bewohner von Mati werden evakuiert. (23. Juli 2018)
AFP
Kein Weiterkommen gibt es für Autofahrer auf einer gesperrten Strasse nahe der Stadt Kineta, eine Dreiviertelstunde westlich von Athen.  (23. Juli 2018)
Kein Weiterkommen gibt es für Autofahrer auf einer gesperrten Strasse nahe der Stadt Kineta, eine Dreiviertelstunde westlich von Athen. (23. Juli 2018)
AFP
Die Zahl der Opfer dürfte noch deutlich steigen: Ein Feuerwehrmann im Osten von Athen. (23. Juli 2018)
Die Zahl der Opfer dürfte noch deutlich steigen: Ein Feuerwehrmann im Osten von Athen. (23. Juli 2018)
Thanassis Stavrakis, Keystone
In der Region um die griechische Hauptstadt ist der Notstand ausgerufen worden. (23. Juli 2018)
In der Region um die griechische Hauptstadt ist der Notstand ausgerufen worden. (23. Juli 2018)
Thanassis Stavrakis, Keystone
Ein Haus in Kineta wird von Flammen bedroht. (23. Juli 2018)
Ein Haus in Kineta wird von Flammen bedroht. (23. Juli 2018)
Valerie Gache, AFP
In der Stadt Rafina nordöstlich von Athen wurde ein Toter gefunden: Anwohner schauen aus der Ferne auf die Flammen. (23. Juli 2018)
In der Stadt Rafina nordöstlich von Athen wurde ein Toter gefunden: Anwohner schauen aus der Ferne auf die Flammen. (23. Juli 2018)
Alkis Konstantinidis, Reuters
Zahlreiche Menschen sind mit teils schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht worden: Ein Mann bei Rafina vor einer riesigen Feuersbrunst. (23. Juli 2018)
Zahlreiche Menschen sind mit teils schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht worden: Ein Mann bei Rafina vor einer riesigen Feuersbrunst. (23. Juli 2018)
Alkis Konstantinidis, Reuters
Ein Feuerwehrsprecher beklagte, dass sich nicht alle Bewohner an die Anweisungen der Behörden hielten: Ein Anwohner, Feuerwehrleute und ein Soldat machen in Rafina zusammen einen Wasserschlauch bereit.
Ein Feuerwehrsprecher beklagte, dass sich nicht alle Bewohner an die Anweisungen der Behörden hielten: Ein Anwohner, Feuerwehrleute und ein Soldat machen in Rafina zusammen einen Wasserschlauch bereit.
Alkis Konstantinidis, Reuters
Mehr als 3000 Feuerwehrleute, fünf Flugzeuge und zwei Helikopter waren nach Angaben der Athener Feuerwehr im Einsatz, um die «extrem schwierige» Lage zu bewältigen: Ein Feuerwehrmann im Hitzeschutzanzug bei Rafina. (23. Juli 2018)
Mehr als 3000 Feuerwehrleute, fünf Flugzeuge und zwei Helikopter waren nach Angaben der Athener Feuerwehr im Einsatz, um die «extrem schwierige» Lage zu bewältigen: Ein Feuerwehrmann im Hitzeschutzanzug bei Rafina. (23. Juli 2018)
Costas Baltas, Reuters
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Die Brände brachen am Montag aus, zunächst einer in Kineta, etwa 50 Kilometer westlich von Athen, dann ein zweiter knapp 30 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt nahe der kleinen Hafenstadt Rafina. Mati, wo das Haus von Familie Sapranidis stand, liegt direkt nebenan. Dieser Teil der Region Attika ist eine beliebte Feriengegend, viele Athener haben hier Ferienhäuser. Tausende Touristen passieren in den Sommermonaten Rafina, von hier starten viele Fähren zu den Kykladeninseln.

Nun ist die Gegend Katastrophengebiet. Mindestens 74 Tote haben die Rettungskräfte entdeckt, darunter Kinder. In der Nähe von Rafina fanden sie 26 Leichen, eng aneinandergedrängt, allem Anschein nach Familien, die von den Flammen umzingelt wurden. Die Behörden gehen davon aus, dass die Zahl der Toten noch steigen kann. Mehr als 180 Menschen wurden verletzt, einige lebensgefährlich.

Brandherde der letzten 48 Stunden: Nasa-Satellitendaten zeigen, wo in Europa derzeit Feuer lodern (Stand: 24. Juli 2018).

Am Dienstag waren die Brände nach offiziellen Angaben unter Kontrolle, auch der Wind hatte nachgelassen. Doch es ist noch nicht vorbei. Die Toten müssen identifiziert, das Ausmass der Verwüstung erfasst werden. Noch immer werden Dutzende vermisst. Zahlreiche EU-Länder haben Hilfe zugesagt. Sogar die Türkei, der traditionelle Feind, hatte angeboten, Löschflugzeuge zu schicken.

Ein Gebiet von gut 40 Quadratkilometern ist zerstört, ganze Viertel sind ausgebrannt. Im Hotel Ramadan in Mati, unten am Ufer, haben sie noch Strom, das Fernsehen zeigt Bilder der Katastrophe. Ein paar Hundert Meter die Strasse hoch haben sie eine Familie in ihrem Haus gefunden, die Mutter und die Kinder lagen eng umschlungen da, «wie die in Pompeji», sagt Stavros Michalopoulos, ein Rentner, der mit Wasser und Sandwiches durch die Strassen fährt. Er hat am Abend gesehen, wie die Leute zu Hunderten ins Wasser flohen, weil die Hitze sie vor sich hertrieb. Mehr als 700 Menschen haben Helfer aus dem Meer gerettet. Doch sie ziehen auch Tote aus der Bucht.

In Mati, wo Maximos Sapranidis sein Haus und seine Kindheit verloren hat, qualmt es weiter, kleine Feuer in Erdhöhlen, die Leute tragen Reste aus ihren zerstörten Häusern. Natürlich, der Sturm, heisst es nun. Die Trockenheit. Und Brachflächen zwischen den Häusern, in denen totes Holz herumliegt. «Das Zeug explodiert in alle Richtungen», sagt Sapranidis. Und dann hatten die Rettungskräfte ja auch mit zwei Grossbränden gleichzeitig zu kämpfen, viele Löschfahrzeuge waren zunächst in Kineta eingesetzt. Aber es gab hier im Umkreis auch kein Löschwasser. «Das ist Aufgabe der Verwaltung», sagt Sapranidis. Anscheinend waren alle Tanks und Reservoirs in der Umgebung leer.

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Und so stellen sich viele Fragen: Waren die Behörden hinreichend vorbereitet? Warum wurde nicht rechtzeitig evakuiert? Waldbrände gibt es jedes Jahr in Griechenland, nicht immer verlaufen sie derart verheerend. Ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben sich die Feuer von 2007, bei denen 70 Menschen starben. Auch damals kamen mehrere Brandherde, Wind, extreme Trockenheit und überforderte Behörden zusammen. Vielen galt die Katastrophe als Beleg für das Totalversagen des Staats. Seither hat sich einiges getan. Womöglich nicht genug.

Traurige Tradition

Zur Brandursache machten die Behörden zunächst keine Angaben. Waldbrände werden oft vom Menschen verursacht. In Griechenland haben die Feuer traurige Tradition. Nicht selten steckt illegale Landnahme dahinter. Brennt ein Waldstück ab, lässt sich das Nutzungsrecht des Bodens leichter ändern. Hinzu kommt, dass das nationale Wald- und Bodenkataster noch nicht fertig ist; das erleichtert die illegale Umnutzung von Land.

Der griechische Premier Alexis Tsipras hat eine dreitägige Staatstrauer verhängt, die Frage nach dem Wie und Warum werde im Anschluss geklärt. Er sprach von einer «schwierigen Nacht» für das Land, aber auch von «Stunden des Muts und der Solidarität». Und er versprach, niemand solle ohne Hilfe bleiben – und nicht ohne Antworten.

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