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Wenn Zorn eine Welt einstürzen lässt

Die Zukunft Griechenlands liegt nun wohl in den Händen des Sozialisten Alexis Tsipras. Er dürfte eine weniger radikale Politik betreiben als erwartet.

Tränen der Freude: Eine Anhängerin der Linkspartei Syriza nach Bekanntgabe der ersten Prognosen. (25. Januar 2015)
Tränen der Freude: Eine Anhängerin der Linkspartei Syriza nach Bekanntgabe der ersten Prognosen. (25. Januar 2015)
AFP

Was er sich für das Jahr 2030 wünsche, wurde der Chef der griechischen Linkspartei, Alexis Tsipras, kurz vor dem Wahlsonntag gefragt. Ob seine Söhne, die jetzt noch im Kindergartenalter sind, dann auch - wie er einst - als Schulbesetzer Furore machen sollten? Ja, dies würde ihm gefallen, liess der heutige Wahlsieger wissen. Bis zur letzten Minute hat der 40-Jährige sein Rebellen-Image kultiviert. Doch viele seiner Landsleute waren schon vor dem Urnengang sicher, dass der Linkspolitiker, einmal an der Macht, ziemlich rasch das machen wird, was die Griechen eine «Kolotumba» nennen: einen Purzelbaum.

Mit der Turnübung hat Tsipras sogar bereits begonnen. Schon eine Weile war nichts mehr zu hören von dem grossspurigen Versprechen, Syriza werde die Memoranda, die Milliardenkreditverträge mit der EU, zerreissen wie Altpapier. Stattdessen versicherte die erste Garde der Linkspartei zuletzt, einseitige Massnahmen Athens seien auch unter ihrer Ägide nicht geplant, die Bürger müssten sich deshalb auch um ihre Bankkonten keine Sorgen machen.

Die Furcht nahm ab, die Wut nahm zu

Dagegen schürten die Konservativen um den bisherigen Premier Antonis Samaras die Ängste der Griechen vor einem erneuten Absturz, diesmal ins Bodenlose. Damit ignorierten sie, was Wahlforschern schon vor Wochen aufgefallen war: Die Furcht der Griechen nahm ab, ihre Wut aber stetig zu. Wut ist ein starkes Gefühl, es kann Welten zum Einsturz bringen.

Die Wut und die Empörung vieler Griechen richtet sich auf all jene, die sie dafür verantwortlich machen, dass ihre persönlichen Opfer in fünf langen Krisenjahren – Einkommenseinbussen von durchschnittlich 30 Prozent beispielsweise – offenbar weitgehend umsonst waren. Weil Griechenland nicht wirklich vorangekommen ist. Weder mit den inneren Reformen des Staates, also dem Ausmisten des klientelistischen Augiasstalles. Noch mit dem Neuaufbau der Wirtschaft, was besonders tragisch ist angesichts einer Arbeitslosigkeit von gut 25 Prozent.

Gute Ratschläge von aussen nützen wenig

Die 240 Milliarden Euro teure Griechenland-Rettung ist eben leider noch nicht zu jener Erfolgsgeschichte geworden, die sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister so sehr gewünscht haben. Der Grund dafür: Gute Ratschläge von aussen nützen eben nur wenig, wenn die verlangten Reformen von einem Ausmass, das einer Neugründung des griechischen Staates gleichkommt, in den Händen derer liegen, die für das alte Schlamassel massgeblich mitverantwortlich sind.

Deshalb schenkten nun so viele Griechen den neuen Gesichtern und den unverbrauchten, aber auch unerfahrenen Leuten der Linken ihr Vertrauen. Ob Tsipras die Hoffnungen all jener Wähler erfüllen kann, wird deshalb nicht allein davon abhängen, ob er in Berlin und Brüssel eine schöne Kolotumba macht, um Griechenlands Verbleib in der Eurozone mit neuen Kreditlinien abzusichern. Für die Zukunft des Landes ist mindestens so bedeutend, dass die Wahlsieger den Bruch mit dem alten Gefälligkeitsstaat wagen. Nur so kann es ein neues Griechenland geben.

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