Was Frankreich-Touristen jetzt wissen müssen

Kurz vor der EM und den Sommerferien eskalieren die Proteste in Frankreich. 4 Probleme, die auf Reisende zukommen könnten.

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Frankreich gehört zu den beliebtesten Feriendestinationen der Schweizerinnen und Schweizer. Angesichts der anstehenden Fussball-Europameisterschaft dürften dieses Jahr sogar noch mehr Touristen ins Land reisen. Zum Problem könnten allerdings die Proteste der Franzosen gegen die geplante Arbeitsmarktreform werden. In den letzten Tagen haben sich auch Gewerkschaften verstärkt eingeschaltet und landesweite Streiks verursacht. Womit müssen Frankreich-Touristen also rechnen? Eine Zusammenfassung:

Gewaltsame Proteste

Die französische Regierung reagiert mit Härte auf die landesweiten Streiks. Sie liess Strassenblockaden mit Polizeigewalt räumen und löste Demonstrationen auf, was zu schweren Ausschreitungen führte. Die Hoffnung von Premierminister Manuel Valls, die Proteste mithilfe der Polizei beenden zu können, könnte sich als Boomerang erweisen. Denn die Gewerkschaften und andere Vereinigungen haben angekündigt, umso härter und länger streiken zu wollen. Ein Ende der Proteste ist derzeit nicht absehbar. Am 14. Juni – inmitten der Fussball-EM – ist ein weiterer landesweiter Aktionstag geplant.

Protest gegen Arbeitsmarktreform: Polizei und Demonstranten liefern sich Strassenschlachten in Paris. (Video: Youtube)

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop befürchten 56 Prozent der Franzosen eine Ausweitung der Proteste im Juni. Zwei Drittel der Befragten erwarten gar eine «soziale Explosion». Frankreich-Reisende müssen also während der Europameisterschaft und auch noch den Sommerferien mit gewaltsamen Auseinandersetzungen im ganzen Land rechnen.

Ausfälle und Verspätungen

Ebenfalls zu Problemen könnte es im Reiseverkehr kommen. Die Gewerkschaft CGT, treibende Kraft hinter den Streiks, blockiert immer wieder Brücken und Strassen. Für den 2. Juni hat sie ausserdem zu einem Generalstreik beim städtischen Verkehrsbetrieb in Paris aufgerufen. Bei der Staatsbahn SNCF fuhren diese Woche teilweise nur drei von vier TGV-Schnellzügen am Tag. Im Regionalverkehr fiel etwa ein Fünftel der Verbindungen aus.

Zugverkehr eingeschränkt: Mitarbeiter der SNCF streiken im Bahnhof von Marseille. (Bild: Keystone)

Nun haben auch noch alle französischen Fluggesellschaften und Lotsen zu einem Streik vom 3. bis 5. Juni aufgerufen. Ob sie nun per Flugzeug, mit dem Auto oder dem öffentlichen Verkehr anreisen: Schweizer EM-Besucher und Touristen müssen überall Ausfälle oder Verspätungen befürchten.

Benzinknappheit

Frankreich-Reisende, die mit dem Auto unterwegs sind, erwarten weitere Schwierigkeiten: In zahlreichen Tankstellen im ganzen Land geht das Benzin zur Neige, viele sind sogar ganz geschlossen. Wegen der Proteste stehen sechs der acht Raffinerien des Landes still oder arbeiten nur mit verminderter Leistung. Mehrere Treibstoffdepots sind blockiert. Zwischenzeitlich war rund ein Drittel der 11'500 französischen Tankstellen von den Versorgungsproblemen betroffen.

Wegen der Blockade von Erdöllagern: In Frankreich herrscht Benzinknappheit. (Video: Reuters)

Als Folge bildeten sich vor den Tankstellen mit Benzin lange Autoschlangen. Viele Franzosen treiben aus Sorge vor Engpässen mit Hamsterkäufen die Nachfrage nach oben. Insbesondere Diesel ist derzeit an vielen Tankstellen entweder nicht oder nur in begrenzter Abnahmemenge erhältlich. Vor allem der Grossraum Paris und die Region um Nantes sind vom Treibstoffmangel betroffen.

Versorgungsschwierigkeiten: Wo Tankstellen in Frankreich zu wenig oder gar keinen Treibstoff mehr haben. (Die interaktive Karte über das französische Tankstellennetz finden Sie hier.)

Terrorgefahr

Nicht zuletzt besteht in Frankreich während der Europameisterschaft eine erhöhte Terrorgefahr. «Wir wissen, dass der IS neue Attacken plant», räumte der Chef des französischen Inlandsgeheimdienstes vor kurzem ein. Es seien Anschläge an Orten mit grossen Menschenansammlungen geplant. Das Parlament hat den Ausnahmezustand im Land deshalb bis nach der EM verlängert. «Sicherheitsmassnahmen wie nie zuvor bei einem Sportereignis», verspricht der französische Sportminister. Mehr als 10'000 Soldaten sowie ein Drohnenabwehrsystem über den Stadien und Fanmeilen werden im Einsatz sein.

Nur einer von unzähligen gefährdeten Orten: Zuschauer strömen in das Stade de France nach den Anschlägen in Paris im November 2015. (Bild: Keystone)

Ob Frankreich die Sicherheit im ganzen Land gewährleisten kann, wird allerdings angezweifelt. Mit zehn Millionen Fussballfans rechnen die Veranstalter in den vier Wochen der EM. Um Fanmeilen, Flughäfen, Bahnhöfe und Züge zu bewachen, braucht der Staat die Hilfe von Sicherheitsfirmen. Privates Sicherheitspersonal lässt sich für diesen gefährlichen Job jedoch nur schwer finden. Frankreich fehlen die Leute. Die derzeitigen Proteste, wo viele Polizisten gebraucht werden, machen die Lage noch komplizierter. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.05.2016, 11:54 Uhr

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