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Was damals war, darf nicht mehr sein

Vor bald 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Diese Zeit ist noch immer nicht ganz verarbeitet.

Die britische Grand Fleet der Royal Navy auf dem Weg zur Seeschlacht vor dem Skagerrak gegen die deutsche Hochseeflotte (1916). Die Schlacht war die grösste auf See im Ersten Weltkrieg. Bild: Keystone/AP
Die britische Grand Fleet der Royal Navy auf dem Weg zur Seeschlacht vor dem Skagerrak gegen die deutsche Hochseeflotte (1916). Die Schlacht war die grösste auf See im Ersten Weltkrieg. Bild: Keystone/AP

Es sollte der Krieg sein, der alle Kriege beendet. Als vor fast 100 Jahren, am 11. November 1918, der Erste Weltkrieg an der Westfront endete, schien eine neue Epoche der Geschichte anzu­brechen, geprägt von Frieden, Demokratie und Menschenrechten, von nationaler Selbstbestimmung und internationaler Verständigung. Das Frauenwahlrecht begann seinen Siegeszug. Der Völkerbund sollte internationales Recht durchsetzen. Und bei vielen Menschen ausserhalb Europas weckte das Versprechen von Selbstbestimmung auch Hoffnung auf das Ende des Kolonialismus.

Doch alle Seiten, Sieger und Besiegte, neue und alte Nationalstaaten, verspielten diese Chance zu einer dauerhaften Friedensordnung – in Europa und der ganzen Welt. Zwei Jahrzehnte danach begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der nächste Grosskonflikt mit noch schlimmeren Verheerungen, höheren Opfer­zahlen und unvorstellbaren Verbrechen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann Westeuropa im transatlantischen Bündnis Zeit für eine stabile und friedliche Entwicklung und schuf mit der Europäischen Einigung ein Projekt des Friedens und des Wohlstandes, das aus den Schrecken der jüngsten Vergangenheit Lehren gezogen hatte. Doch heute, fast 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen und der Vereinigung des Kontinents, sind Demokratie, europäische Integration und der Frieden wieder in Gefahr. Etliche der gegenwärtigen Spannungen und Krisen erinnern an jene Schwierigkeiten, die durch die nach 1918 geschlossenen Friedensverträge gelöst werden sollten. Was damals ungelöst blieb, ist heute erschreckend aktuell. Lag der St. Galler Historiker und Diplomat Paul Widmer doch richtig, als er 1993 sagte, Europa habe zwar die Folgen des Zweiten Weltkriegs leidlich bewältigt, laboriere aber weiter an denen des Ersten?

Russland tut sich schwer, die Unabhängigkeit der Ukraine, die vor 100 Jahren zum ersten Mal ausgerufen wurde, zu akzeptieren und erst recht ihren Weg nach Westen. Ähnliches gilt für Georgien und die Baltischen Staaten, die ebenfalls nach dem Ersten Weltkrieg erstmals eigenständig wurden. Die Ordnung, die nach 1918 im Nahen und Mittleren Osten entstand, hat sich nicht als haltbar erwiesen. Die Türkei leidet heute mehr denn je unter dem Phantomschmerz, die Bedeutung als Osmanisches Reich verloren zu haben. Heute lebt die Menschheit erneut in einer multipolaren, instabilen und krisenhaften Welt – ähnlich wie nach 1918.

Im kommenden Jahr werden all diese Fragen mehr Aktualität bekommen. Viele Länder Europas werden das Centennium ihrer staat­lichen Unabhängigkeit oder ihres Sieges feiern. Andere werden an Niederlagen und deren Folgen erinnern. In West und Ost haben Populisten, die parlamentarischer Demokratie und europäischer Integration skeptisch gegenüberstehen, an Zulauf gewonnen. Wird es gelingen, dem Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs dennoch eine – erneuerte – europäische Perspektive zu geben?

Die Werte stehen wieder unter Druck

Es geht um mehr, als allein an die Opfer eines schrecklichen Kriegs und an seine Folgen zu erinnern. Zu würdigen sind die Bedeutung des Friedens für Europa und die Welt, die Ideen eines universalen Völkerrechts und der rechtsstaat­lichen Demokratie. Der erste Anlauf, diesen Werten nach 1918 weltweit Gestalt zu geben, scheiterte. Mit der Gründung der Vereinten Nationen und der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wurde nach 1945 ein zweiter Versuch unternommen. In Europa kam dies zunächst nur der westlichen Hälfte zugute. Nach dem Ende des Kalten Kriegs schienen sich diese fundamentalen Werte endgültig durchzusetzen. Doch heute stehen sie fast überall wieder unter Druck. Die 100. Wiederkehr des Kriegsendes und des Bemühens nach 1918, eine umfassende Friedensordnung herzustellen, ist der geeignete Zeitpunkt, über Grenzen hinweg ein deutliches Zeichen zu setzen für Menschenrechte und Meinungsfreiheit, für Rechtsstaatlichkeit und die Einhaltung des Völkerrechts.

Dazu wollen wir aufrufen!

Das «Manifest 1918–2018» wurde von Intellektuellen aus 19 europäischen Ländern und den USA unterschrieben. Zu den Bekanntesten unter ihnen gehört der deutsche Historiker Heinrich August Winkler.

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