Warum Macron nach dem Hacker-Angriff schweigt

Für Emmanuel Macron ist der Zeitpunkt des Leaks kurz vor der Stichwahl extrem ungünstig – für Marine Le Pen allerdings auch.

Wurde Opfer von Hackern: Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron. (Video: Tamedia/Reuters)

Seit Freitag um Mitternacht müssen Marine Le Pen und Emmanuel Macron schweigen. Das französische Wahlgesetz will es so: Bevor die Franzosen am Sonntag ihr nächstes Staatsoberhaupt wählen, sollen sie einen Tag Bedenkzeit haben. Wer am Wochenende Wahlkampf betreibt oder vor Sonntagabend Umfragen veröffentlicht, macht sich strafbar.

Vier Minuten vor Mitternacht verschickte das Wahlkampfteam von Emmanuel Macron noch eine Pressemitteilung. En Marche!, die Bewegung des parteilosen Kandidaten, sei Opfer eines Hackerangriffs geworden, heisst es darin. Die gestohlenen Dokumente – harmlose E-Mails, Verträge und Abrechnungen – würden gemeinsam mit gefälschten Dokumenten im Internet verbreitet.

Das Ziel: möglichst viel Verwirrung und Schaden

Ein Link zu dem etwa neun Gigabyte grossen Datenmaterial postete eine anonyme Quelle zunächst auf der Onlineplattform 4Chan. Kurze Zeit später begannen Diskussionen auf Donald-Trump-freundlichen Kanälen bei Reddit, auf Twitter trendete der Hashtag #MacronLeaks. US-amerikanische Alt-Right-Medien verbreiteten die Geschichte weiter. Auch Front-National-Vize Florian Philippot befeuerte die Gerüchte mit einem Tweet: «Werden wir durch die #Macronleaks Sachen erfahren, die der investigative Journalismus absichtlich verschwiegen hat? Gruselig, dieser Schiffbruch der Demokratie.»

Ein Teil der Daten scheint tatsächlich E-Mails von Mitarbeitern Macrons zu enthalten. Allerdings ist das Material durchsetzt mit Fälschungen und Falschinformationen. «Der #MacronLeak ist voll von absichtlich irreführender Information. Handgefertigt, um Verwirrung zu stiften», schreibt @thegrugq auf Twitter, ein in der Szene gewöhnlich gut informierter IT-Sicherheitsexperte.

Das von den Hackern erbeutete Material sei wohl so langweilig gewesen, dass die Angreifer einfach alles zusammengeworfen hätten, um möglichst viel Schaden anzurichten, vermutet der IT-Experte. Zusätzlich seien gezielt Fälschungen eingestreut worden.

Unter anderem gibt es Hinweise, dass einige der geleakten Dokumente mit Photoshop erstellt wurden. So lassen sich bei einem auf 4Chan verlinkten PDF mit einem Bildbearbeitungsprogramm Textbausteine verschieben. Das deutet darauf hin, dass es sich nicht wie angegeben um einen Scan eines ausgedruckten Dokuments handelt, sondern dass der Text digital eingefügt wurde. Offenbar hatte der Fälscher aber vergessen, die Ebenen des Bildbearbeitungsprogramms zu löschen, sodass diese weiterhin sichtbar waren. Die Süddeutsche Zeitung hat die Existenz der versteckten Ebenen in dem PDF überprüft. Das Video einer französischen Journalistin dokumentiert, wie sich die fehlerhafte Manipulation in dem Dokument aufdecken lässt:

Kurz darauf tauchte eine zweite Version auf 4Chan auf, in der die Manipulation nicht mehr sichtbar ist. Da Verfasser von 4Chan-Beiträgen anonym bleiben können, ist bislang unklar, wer die Strippen hinter dem Leak zieht. Verdächtigt wird unter anderem die russische Hackergruppe APT28, die Verbindungen zu russischen Geheimdiensten unterhalten soll. Der IT-Sicherheitsexperte Vitali Kremez äusserte diese Vermutung gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Demnach weist der Angriff auf Macrons Team Ähnlichkeiten zu Hacks im US-Wahlkampf auf, die ebenfalls APT28 zugeschrieben werden.

Diebstahl ist einige Wochen her

Daneben stellt sich vor allem die Frage: Warum werden die Dokumente ausgerechnet jetzt veröffentlicht? Gestohlen wurden die Dokumente Macrons Wahlkampfteam zufolge schon vor einigen Wochen. En Marche hatte bereits Ende April einen Hackerangriff gemeldet.

Für Macron ist der Zeitpunkt extrem ungünstig. Er kann sich zu möglichen Vorwürfen nicht mehr äussern. Allerdings: Marine Le Pen kann das auch nicht. Und sie hätte es vermutlich sehr gerne getan. Bei der TV-Debatte am vergangenen Mittwoch warf sie ihrem Konkurrenten vor, er habe ein Offshore-Konto auf den Bahamas. Auch dazu finden sich Dokumente im Internet. Macron hat deswegen Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Den Tweet von Le Pens Vize Philippot vom Freitagabend nannte Macron «bösartig».

Bleibt etwas hängen? Macron war schon mehrmals Opfer gezielter Desinformationen. (Bild: Reuters/Regis Duvignau)

Die Urheber des Leaks wollen «Zweifel und Desinformation säen», schreibt Macrons Wahlkampfteam. Zwischen den Zeilen schwingt die Befürchtung mit: Es werden sich einmal mehr diverse Gerüchte über soziale Netzwerke verbreiten, die nicht alle Franzosen als das einordnen können, was sie sind. Am Ende wird doch bei einigen etwas hängen bleiben.

Gefahr durch frustrierte Wahlberechtigte

Der Leak zielt ganz offensichtlich auf die vielen unentschiedenen Wähler. Fast jeder fünfte Wahlberechtigte konnte am Freitag noch nicht sagen, wem er seine Stimme geben wird – oder ob er überhaupt zur Wahl gehen wird. Macron, der früher als Investmentbanker beim Geldhaus Rothschild arbeitete, ist vielen – vor allem linken – Wählern verdächtig. Dazu hat nicht nur Marine Le Pen mit ihren Attacken beigetragen, sondern auch der linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon. Dieser ist im ersten Wahlgang gescheitert und hat sich als einziger danach nicht zu einer Wahlempfehlung für Macron durchringen können. Es besteht die Gefahr, dass viele gemässigte Franzosen am Sonntag frustriert zu Hause bleiben.

Bildstrecke – Emmanuel Macron wurde Opfer eines Hackerangriffs

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In diesem Wahlkampf wurden Gerüchte und Fake-News in bisher ungekannter Weise dazu genutzt, um politische Gegner zu diskreditieren. Mit Abstand am meisten Opfer von gezielter Desinformation wurde Emmanuel Macron. Seit Jahresbeginn wurden Fake-News über ihn auf Facebook mehr als 500 000 Mal geteilt, hat Le Monde recherchiert. Darunter: Macron habe als Wirtschaftsminister Geld veruntreut, um seinen Wahlkampf vorzubereiten. Er wolle das Kindergeld abschaffen. Und: Er wasche sich stets die Hände, nachdem er sie Arbeitern im Wahlkampf geschüttelt habe.

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