Waffendeal mit Putin schadet der Türkei

Russische Raketen hätten die Türkei sicherer machen sollen. Aber sie führen nur zu neuen Sanktionen gegen das Land.

Die USA wollen Lieferungen der F-35 einstellen. Das könnte der Anfang weiterer Sanktionen gegen die Türkei sein. Foto: Yorick Jansens (AFP)

Die USA wollen Lieferungen der F-35 einstellen. Das könnte der Anfang weiterer Sanktionen gegen die Türkei sein. Foto: Yorick Jansens (AFP)

Christiane Schlötzer@schloetzer

Die Türkei ist nicht das erste Nato-Land, das auf seinem Territorium russische Abwehrraketen stationiert. Auch auf der griechischen Insel Kreta stehen ältere russische S-300. Dass die dort aufgestellt wurden, war dem Verteidigungsbündnis vor 20 Jahren nur recht.

Denn gekauft hatte sie das kleine Zypern, genauer: die Inselgriechen. Zypern war damals noch nicht in der EU, hatte aber gute Drähte nach Moskau. Die Türkei, in Reichweite der Raketen, fühlte sich bedroht und drohte ihrerseits mit Aufrüstung. Die Welt fürchtete einen Krieg. Da wurden die Raketen in Kreta eingemottet.

Die USA haben sofort reagiert

Die Episode zeigt, welch absurde Wege die Geschichte nehmen kann. Nun hat die Türkei russische S-400 gekauft, die noch weiter fliegen als die alten S-300, und obwohl es sich wieder um Abwehr- und nicht um Angriffswaffen handelt, fürchten die Nachbarn um die empfindliche militärische Balance im Mittelmeer, wo griechische Inseln fast an die türkische Küste stossen.

In der Tat geht es hier um die Verschiebung von Gleichgewichten. Das russische System ist nicht in die Sicherheitsarchitektur des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses Nato integrierbar.

Die USA haben schon reagiert und wollen der Türkei keine Kampfjets vom Typ F-35 mehr liefern, an deren Bau Ankara beteiligt war. Weitere Sanktionen könnten folgen. Mit US-Sanktionen hat die Türkei erst im vergangenen Sommer bittere Erfahrungen gemacht, sie rissen die Lira in die Tiefe.

Der Bumerang kehrt zurück zum Absender

Warum also läuft die Regierung in Ankara mit offenen Augen wieder einmal auf einen Abgrund zu? Im Dezember 2017, als die Türkei ihren Deal mit Wladimir Putin machte, war das Verhältnis zu Washington auch schon auf dem Tiefpunkt. Mehr oder minder offen hatte Ankara die USA beschuldigt, hinter dem Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan zu stecken, weil sie den Mann beherbergen, den Ankara zum Drahtzieher erklärte: den in die USA exilierten Prediger Fethullah Gülen.

Misstrauen verursacht bis heute ebenso die Zusammenarbeit der US-Armee mit kurdischen Kämpfern in Syrien. Zu Russland war das Verhältnis der Türkei lange auch schlecht. Nach dem Putschversuch aber sah Putin seine Chance und kam zum Schulterklopfen nach Ankara, während Washington schwieg. Dann versprach der Kreml den Türken noch Technologietransfer, wenn sie die S-400 kaufen. Da war der Deal schon in trockenen Tüchern.

Was als Machtgeste gedacht war, erweist sich für die Türkei nun jedoch als Bumerang. Aussenminister Mevlüt Çavugoglu versicherte am Montag zwar seinen Landsleuten, man könne die Türkei nicht aus der Nato werfen, der sie seit 1952 angehört. Aber das laute Trommeln zeigt, wie ernst die Lage ist. Für die F-35 hat die Türkei erst mal keinen Ersatz, und Ersatzteile für die F-16, ihren wichtigsten Kampfjet, werden sicher auch irgendwann knapp werden.

Den Kreml freuts

Das unausweichliche Resultat des Waffenhandels mit Putins Russland ist also: Der Streit mit den Vereinigten Staaten schwächt die Verteidigungsfähigkeit der Türkei, wo die S-400 sie doch hätten stärken sollen.

Es gibt aber auch noch eine innenpolitische Dimension. Der Einkauf bei den Russen freut die Verschwörungsfreunde, die den Feind der Türkei grundsätzlich im Westen sehen. Dazu gehören ehemals hohe Militärangehörige, die sich jetzt wieder zu Wort melden, und die türkischen Ultranationalisten, die inzwischen Erdogans unverzichtbarer Koalitionspartner sind.

Das alles freut den Kreml. Dessen Politik ist es seit langem, die Türkei vom Westen zu lösen. Deshalb hat Moskau zum Beispiel auch alles getan, um eine Vereinigung Zyperns zu verhindern – mit und ohne Raketen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt