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«Wäre ich in Tibet, hätte ich mich auch gewehrt»

Auf Schweiz-Besuch zeigt der Exil-Premier der Tibeter Verständnis für den Aufstand seiner Landsleute. Aber Samdhong Rinpoche selbst hält am gewaltlosen Kurs fest.

Der Dalai Lama hat dieser Tage die Schweiz besuchen wollen. Nun sind Sie hier, und er liegt in Indien im Spital. Wie geht es ihm? Seine Heiligkeit mussten Gallensteine entfernen lassen. Aber es war nichts Ernst- oder Schmerzhaftes.

Die Meldungen über seine Gesundheit widersprachen sich. Dank täglichem Telefonkontakt bin ich bestens informiert. Die Ärzte fanden ein kleiner Eingriff wegen der Gallensteine sei nötig. Schliesslich dauerte die Operation nur zwanzig Minuten. Seiner Heiligkeit geht es bestens und hat das Spital sehr wahrscheinlich bereits verlassen, wenn dieses Interview gedruckt wird.

Sie haben in der Schweiz eine Langlebe-Zeremonie für den Dalai Lama abgehalten. Eines Tages wird er aber sterben. Die Regierung Chinas ... ... wartet nur darauf. Aber Seine Heiligkeit ist erst 73 Jahre alt und hat einen gesunden Körper. Der Dalai Lama sagt zwar, er sei halb pensioniert, doch er wird noch mindestens 10 oder 15 Jahre lang politisch aktiv bleiben, denke ich. Wenn Seine Heiligkeit eines Tages stirbt, erwarten wir eine noch härtere chinesische Politik. Letztlich wird das der Kommunistischen Partei wenig helfen. Im Exil haben wir ein demokratisches System aufgebaut. Das kommt uns längerfristig zugute. Da bin ich mir ganz sicher.

Trotzdem sind Sie machtlos, falls Chinas Machthaber die Wiedergeburt des Dalai Lama entführen oder einen eigenen Nachfolger einsetzen. Ihr Problem wird sein, dass niemand in Tibet eine solche Figur anerkennt.

Verstehen Sie es, wenn Tibeter von der Politik im Exil frustriert sind? Selbstverständlich. Es gibt gute Gründe für solchen Frust. Wir haben in 50 Jahren bei der Lösung der Tibet-Frage kaum Fortschritte erzielt. Die Volksrepublik China stellt keine Überlegungen an, wie sie die Probleme Tibets lösen könnte.

Sind Sie auch frustriert? Seine Heiligkeit der Dalai Lama und ich als buddhistischer Mönch wissen nicht, was Frust ist. Für uns gehen im Kreislauf von Werden und Vergehen Freude und Elend einher. Daher können wir nicht frustriert sein. Viele junge Tibeter sind aber ungeduldig. Ich kann ihnen auch dafür nicht böse sein.

In jüngster Zeit verlassen vermehrt junge Tibeter Indien und Nepal und suchen im Westen Zuflucht. Wie stellt sich Ihre Regierung dazu? Die jungen Tibeter sollten in Asien bleiben. Es ist nicht gut, wenn sie sich illegal nach Europa oder in die USA begeben. Leider werden auch unsere jungen Leute durch die materiellen Werte des Westens angezogen. Wenn sie gehen wollen, sollen sie jedoch einen legalen Weg suchen. Wir unterstützen niemanden, der mit falschem Pass oder falschem Visum ausreist. Letztlich können wir die Auswanderung aber nicht verhindern.

Sollen Länder wie die Schweiz Ihre Landsleute, die nun einreisen, aufnehmen? Das müssen diese Länder selbst nach ihren Gesetze entscheiden. Rückweisungen nach Indien scheinen mir vertretbar. Unmenschlich wäre es, Leute nach Tibet oder nach China zurückzuschicken, denn Flüchtlinge hätten dort grösste Probleme.

Sie sagten einmal, dass Tibet ohne Besetzung heute ein zweites Singapur sein könnte. Wie kommen Sie darauf? Tibet besitzt riesige Mengen an Bodenschätzen – von Gold über Erdöl bis zu Uran. Die Volksrepublik China raubt uns diese Ressourcen. Beim Tourismus könnten wir mit anderen Staaten in der Region mithalten. Aber Tibet wird überall zurückgebunden.

Die nächsten Gespräche einer tibetischen Delegation mit China stehen Ende Monat an. Wie schätzen Sie die Situation ein nach den Unruhen in Tibet im Frühjahr und den Olympischen Spielen? Ich weiss es nicht. Die letzten Gespräche kurz vor Olympia waren die bislang schwierigsten. Aber wir sind nach wie vor offen für den Dialog.

Die Resultate des Dialogs sind – gelinde gesagt – bescheiden. Wir haben versucht, unser Bestes zu tun. Die Führung der Volksrepublik China haben wir keinen Millimeter bewegen können. So gesehen, ist die Kritik berechtigt. Jedoch haben wir weltweit enorme Unterstützung bekommen – von praktisch allen wichtigen Politikern. Was wären die Alternativen?

Sie sind ein Anhänger Gandhis. Ist sein Weg im 21. Jahrhundert noch gangbar? Bestimmt. Er funktioniert aber nur, wenn ihn die grosse Mehrheit der Tibeter geht. In unseren Herzen ist noch zu viel Wut. Die andere Seite wendet Gewalt an. Sie provoziert uns – zum Beispiel indem sie sogar Fotos des Dalai Lama verbietet. Unser Ärger ist unsere Schwäche.

Wie ist die Situation in Tibet heute? Wir erhalten wegen der Zensur und der allumfassenden Kontrolle wenig Informationen aus dem Land. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass die Situation schlecht ist. Die Leute, die während der Unruhen und um Olympia ins Gefängnis gesteckt wurden, werden noch immer festgehalten.

Fanden Sie es gut, dass sich Tibeter im Frühling gegen die Besatzer auflehnten? Wir können nicht sagen, dass das gut war. Aber wir können verstehen, weshalb es so gekommen ist. Wäre ich in Tibet gewesen, hätte ich mich wohl auch gewehrt. Ob es uns der Freiheit näherbringt, zeigt die Zukunft.

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