Vom Schulschwänzer zum Luftfahrt-Zampano

Der Ire Willie Walsh baute mit IAG eine der profitabelsten Airline-Gruppen Europas auf. Seine Karriere begann durch einen Zufall.

Tritt Ende März zurück: Willie Walsh. (Archivbild)

Tritt Ende März zurück: Willie Walsh. (Archivbild)

Laura Frommberg@lfrommberg

Als ein Student bei einer Gastvorlesung Willie Walsh einmal nach Karrieretipps fragte, erhielt er eine Abfuhr. Wenn es um so etwas gehe, sei er der schlechteste Ratgeber der Welt, so der Manager. Er habe sich nie in seinem Leben um einen Job beworben.

Dafür hat er es sehr weit gebracht. Der Ire ist Chef der International Consolidated Airlines Group (IAG) – eines der grössten Luftfahrtkonzerne der Welt. Als Walsh 2011 als Chef von British Airways die Fusion mit der Konkurrentin Iberia orchestrierte, entstand IAG. Zur Gruppe gehören mittlerweile auch Aer Lingus, Vueling und Level. Und vor kurzem kündigte Walsh den Kauf von Air Europa an. Damit hat er offenbar genug. Der 58-Jährige tritt Ende März zurück.

«Keiner sonst wollte den Job»

Tatsächlich ist Walshs Karriere alles andere als typisch verlaufen. Als er 17 Jahre alt war, sah er in der Zeitung eine Meldung der irischen Nationalairline Aer Lingus. Wegen eines Poststreiks hätten Bewerber für Pilotenjobs ihre Anmeldeunterlagen nicht erhalten. Daher gebe es ein offenes halbtägiges Bewerbungsverfahren, zu dem jeder erscheinen könne. Eine gute Gelegenheit, die Schule zu schwänzen, dachten sich Willie und seine Kollegen. Pilot zu werden, so beteuerte er hinterher, habe er eigentlich nicht vorgehabt.

Doch dann kam alles anders. Er bestand die Tests, und Aer Lingus stellte ihn als Kadettenschüler ein. Bei der Fluggesellschaft schaffte er es schnell zum Captain, trat der Gewerkschaft bei und zeichnete sich dort, so erinnern sich Weggefährten, als exzellenter Verhandlungsführer auf. So exzellent, dass das Management ihn lieber auf der eigenen Seite haben wollte. Nach einer Weile als Chef der spanischen Tochter Futura amtete er ab 2000 als Operativchef der Iren. Rund ein Jahr später wurde er Chef von Aer Lingus – nur kurz, nach den Terror­attacken vom 11. September 2001. «Keiner sonst wollte den Job», erinnerte Walsh sich vor einiger Zeit.

Schlauste oder dümmste Idee

Dass er einen eher eigenen Managementstil pflegt, zeigte sich spätestens dann. Er musste vor seinem Antritt als Chef drei Stunden mit einem Psychologen reden. Beim ersten Managementmeeting las er dem Team das – wie er fand ziemlich korrekte – Profil vor, das der Psychologe von ihm erstellt hatte. Den Inhalt verrät er nicht, aber die Reaktion seiner Kollegen amüsiert ihn immer noch. «Ich hörte, wie einige Leute im Raum ‹oh Sch...› sagten», erinnerte er sich einmal. Danach habe jemand ihm gesagt, das sei entweder die schlauste oder die dümmste Idee gewesen, die er je gehabt habe. Rückblickend war es wohl Ersteres.

2005 holte British Airways Walsh als Chef, wo er schliesslich 2011 durch die Fusion mit Iberia die International Airlines Group schuf. Er gilt noch immer als zugänglich und bodenständig – verzichtet etwa auf Sekretäre und Chauffeure. Doch Walsh ist auch ein harter Verhandlungsgegner und jemand, mit dem man es sich nicht verscherzen will. Das bekamen vor allem Gewerkschaften immer wieder zu spüren, wenn er sich bei Streiks weigerte, auch nur ein bisschen auf ihre Forderungen einzugehen. Auch wenn er keine Beliebtheitspreise bei Angestellten gewinnt – Investoren sehen das anders. IAG gehört zu den profitabelsten Airlinegruppen Europas.

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