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«Viele Anschläge kosten weniger als 1000 Euro»

Terrorismusforscher Peter Neumann über Europas Kampf gegen den jihadistischen Terror und neue Attentätertypen im Dienste des IS.

Ein Lastwagen genügt, um Tod und Schrecken zu verbreiten: Der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz nach dem Attentat im Dezember 2016.
Ein Lastwagen genügt, um Tod und Schrecken zu verbreiten: Der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz nach dem Attentat im Dezember 2016.
Reuters

Das IS-Kalifat im Irak und in Syrien ist militärisch zerschlagen. Die Gefahren, die vom Jihadismus ausgehen, dauern aber an. Und sie werden auch Europa noch viele Jahre beschäftigen. So gibt es die kampferprobten und brutalisierten IS-Rückkehrer, die möglicherweise in der Lage sind, komplexe Anschläge durchzuführen. Und es gibt neue Attentätertypen, etwa Kinder und Frauen, die für Terror eingesetzt werden können. Die Gefährderszene wandelt sich.

Vor den veränderten Gefahren des islamistischen Terrors warnt der renommierte Experte Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London und Leiter des International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR). In einem «Welt»-Bericht erinnert Neumann an einen Attentatsversuch im Winter 2016 im deutschen Ludwigshafen. Damals wollte ein Zwölfjähriger Nagelbomben zünden, doch die Sprengsätze funktionierten nicht.

Kinder, Frauen und Kleinkriminelle

Ein Kind als jihadistischer Terrorist: Das wäre laut Neumann vor zehn Jahren noch völlig undenkbar gewesen. Durch die Internetpropaganda des IS, die oftmals wie Videospiele inszeniert wird, werden junge Menschen angesprochen und auch häufiger radikalisiert. Ein weiterer neuerer Trend ist, dass der IS zunehmend Frauen dazu ermuntert, selbst Anschläge zu verüben. Präventions- und Repressionsmassnahmen müssen daher auch bei Frauen und Kindern in den Gefährderszenen umgesetzt werden.

Terrorexperte Neumann, der derzeit unter anderem die Regierung des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen berät, ist der Ansicht, dass der Verfassungsschutz auch Jugendliche und Kinder beobachten können soll, wenn diese als potenzielle Gefährder gelten. Ausserdem müssten Moscheen mit radikalen Predigern konsequent geschlossen werden. Solche Moscheen hätten sich als «Hotspots» für Radikalisierung erwiesen. In Deutschland ist Nordrhein-Westfalen das Bundesland mit den meisten Gefährdern.

Das Profil der salafistischen Gewalttäter hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. So rekrutiert der IS seine Anhänger zunehmend auch im Milieu der Kleinkriminalität. Kriminelle haben bereits Erfahrungen mit Waffen und gefälschten Papieren. Attentate sollen diese Leute «für eine Aufnahme in den Himmel» begehen, wie ihre Anführer suggerieren. Bei Kleinkriminellen verläuft die Radikalisierung schneller, weil Gewaltbereitschaft bereits vorliegt. Ein Beispiel für die Radikalisierung eines Kleinkriminellen ist Anis Amri, der Lastwagen-Attentäter von Berlin.

Defizite bei internationaler Zusammenarbeit

Zentral im Kampf gegen den Terrorismus ist die Zusammenarbeit von Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten über die Landesgrenzen hinweg. Laut Terrorforscher Neumann gibt es aber immer noch grosse Defizite, wie er in einem Interview der «Wiener Zeitung» erklärt. «In Europa ist es nach wie vor so, dass die Behörden nicht nahtlos miteinander zusammenarbeiten und noch immer nicht alle Daten zu Gefährdern miteinander austauschen.» Immerhin habe die Terrorabwehr in einzelnen Ländern Fortschritte gemacht und Erfolge erzielt. «In Frankreich gab es etwa letztes Jahr 30 versuchte Attacken, von denen keine erfolgreich war», sagt Neumann.

Die Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung habe zwar auch Erfolge gehabt, «aber im Grossen und Ganzen hat sie versagt», meint der Londoner Forscher. «Das Problem ist vor allem, dass das System falsch aufgestellt ist.» Das meiste Geld, das von Terroristen eingenommen und ausgegeben werde, gehe nicht über das internationale Banken- und Finanzsystem. Bargeldübergaben seien die Regel. «Abu Bakr al-Bagdhadi hatte als IS-Anführer wohl kein Bankkonto bei Goldman Sachs.» Wie Neumann weiter betont, gibt es relativ wenig Belege dafür, dass der IS Geld für Anschläge nach Europa geschickt hat. Die allermeisten Anschläge in Europa seien von den Terroristen selbst finanziert worden, entweder durch Geld, das gespart oder das durch Kleinkriminalität beschafft worden war. «Wir müssen uns viel stärker auf diese Themen konzentrieren.»

Der teuerste Anschlag kostete 10’000 Euro

Neumann stellt zudem fest, dass Attentate meistens nicht viele finanzielle Mittel erforderten. Der teuerste Terroranschlag in Europa seit 2014, jener vom November 2015 in Paris, habe 10’000 Euro gekostet. «Viele der Anschläge haben hingegen weniger als 1000 Euro gekostet, manche auch praktisch gar nichts.» So habe der Attentäter von Nizza nur einen Lastwagen für einen Tag mieten müssen.

Was mit dem IS als Organisation passieren werde, lasse sich nicht sagen, meint Neumann. Die jihadistische Bewegung, die Ideologie und ihre Anhänger samt ihren Netzwerken: «Das alles existiert weiter.» Möglicherweise würden in den nächsten fünf Jahren neue Organisationen entstehen, «die diese Leute aufnehmen und formen und den Kampf damit weitertragen». Der Kampf gegen den Terror ist noch lange nicht zu Ende.

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