Verletzt, aber immer noch aufrecht

Ein Jahr nach den Anschlägen von Brüssel hat sich der Alltag normalisiert. Doch die frühere Unbeschwertheit ist nicht mehr in die belgische Hauptstadt zurückgekehrt.

Kollektive Anteilnahme: Trauernde vor einem Jahr bei der Brüsseler Alten Börse. Foto: Valentin Bianchi (AP, Keystone)

Kollektive Anteilnahme: Trauernde vor einem Jahr bei der Brüsseler Alten Börse. Foto: Valentin Bianchi (AP, Keystone)

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An den Anblick der Soldaten in den Strassen und auf grösseren Plätzen kann man sich gewöhnen. Ein Jahr nach den Anschlägen von Brüssel ist der Alltag längst zurück, doch die alte Unbeschwertheit in der Stadt mit dem internationalen Flair ist verloren. Morgen Mittwoch sind Schweigeminuten geplant, auch das Königspaar wird an den Anschlagsorten der Opfer gedenken.

Am 22. März 2016 sprengten sich kurz vor acht Uhr in der Abflughalle des Brüsseler Flughafens Zaventem zwei Männer in die Luft. Eine Stunde später zündete ein weiterer Selbstmordattentäter in der Metro bei der Haltestelle Maelbeek im Brüsseler Europaviertel seine Bombe. 35 Passanten und Passagiere wurden beim Doppelanschlag getötet, 340 zum Teil schwer verletzt.

Die Militärs mit Helm und Gewehr auf Patrouille gehören seither zur neuen Normalität. Die 1100 Soldaten sollen die Polizei entlasten, die selber ihre Beamten nur noch mit Schussweste und in der Regel zu zweit auf die Strasse lässt. Es ist ein zwiespältiger Eindruck. Die Präsenz wirkt beruhigend, ruft aber auf Schritt und Tritt auch die latente Bedrohung in Erinnerung. Immerhin haben die Behörden die Terrorwarnung auf der zweithöchsten von vier Stufen belassen.

Es gibt die Brüsseler, die aus Trotz rasch wieder ins Kino gegangen sind oder die Metro benutzt haben. Man will sich von den Terroristen nicht unterkriegen lassen. Niemand protestiert heute, wenn bei Konzerten oder Strassenumzügen Taschen und Rücksäcke kontrolliert werden. Doch die Verunsicherung reist fast immer mit. Manchmal gibt es misstrauische Blicke, wenn in der U-Bahn ein Passagier mit Rucksack oder sonst viel Gepäck zusteigt. Andere meiden die Metro, wenn es geht. Ein Grund, weshalb die Zahl der Velofahrer in der traditionellen Autostadt im letzten Jahr stark zugenommen hat.

Die Aufarbeitung dessen, was vor den Attentaten und am Tag selber schiefgegangen ist, läuft weiter. Informationen gingen verloren, Hinweisen wurde nicht nachgegangen. Vielleicht hätte der zweite Anschlag verhindert werden können, wenn die Aufforderung, die Metro nach dem ersten Attentat zu evakuieren, nicht irgendwo versickert wäre.

Die Gefahr ist nicht gebannt, die Staatsanwaltschaft meldet Festnahmen und Hausdurchsuchungen fast im Wochentakt. Wie erfolgreich diese sind, ist unklar. Selten werden bei den Razzien Waffen oder Sprengstoff gefunden, oft sind die Männer nach kurzer Zeit wieder auf freiem Fuss. Die Sicherheitsbehörden wollen offenbar zumindest den Fahndungsdruck aufrechterhalten.

Gasflaschen im Auto

Jedenfalls wurden ein paar Lehren gezogen und einige belgische Eigenheiten aufgehoben. Die Polizei darf nun auch nachts Hausdurchsuchungen durchführen. Ebenso wurde der Informationsaustausch zwischen den zersplitterten Sicherheitskräften verbessert. Die Polizei darf Verdächtige neu 72 Stunden festhalten und nicht mehr nur 24 Stunden, was oft zu kurz war, um die Ergebnisse der Razzien auszuwerten. Und auch Käufer von Prepaid-Karten für Handys müssen sich mittlerweile identifizieren.

An manchen Tagen scheint die Terrorgefahr präsenter als an anderen. Zum Beispiel Anfang März, als die Polizei eher zufällig einen Autofahrer stoppte, nachdem dieser über eine rote Ampel gerast war. Der Fahrer war ein einschlägig bekannter Islamist, bis 2014 als freiwilliger Kämpfer in Syrien und seither im Visier der Behörden. Die Polizei entdeckte im Kleintransporter des Mannes zwei Gasflaschen, allerdings ohne Zünder oder Sprengstoff. Immer wieder im Fokus auch Molenbeek, schon nach den Anschlägen von Paris als Drehscheibe und Rückzugsort für Islamisten in Verruf. Der Brüsseler Stadtteil sei Basis von 51 Gruppen mit Verbindungen zum internationalen Terrorismus, meldeten belgische Medien gestern.

Belgiens Innenminister Jan Jambon hatte nach den Anschlägen in Brüssel versprochen, in Molenbeek «aufzuräumen». Die Polizei soll dort im Laufe des vergangenen Jahres 8600 Wohnungen und 22 668 Personen kontrolliert haben, immerhin ein Viertel aller Bewohner von Molenbeek. Erstellt wurde auch eine Liste mit 72 sogenannten Gefährdern, einige allerdings im Gefängnis, andere in Syrien und nur knapp die Hälfte in Belgien auf freiem Fuss.

Immerhin sollen in den letzten zwölf Monaten keine neuen Einwohner von Molenbeek mehr als freiwillige Kämpfer nach Syrien aufgebrochen sein. Das heisse aber nicht, dass die Zahl der radikalisierten Jugendlichen abgenommen habe, im Gegenteil, betonte der neue Beauftragte der Gemeinde Molenbeek vor dem Parlamentsausschuss, der nach den Anschlägen eingesetzt wurde. Wirklich beruhigend klingt das nicht.

Jetzt, vor dem Jahrestag der Anschläge in Brüssel, rücken jedoch die Opfer und ihre Angehörigen in den Fokus. So etwa Karen Northshield, in Mons aufgewachsen, wo der Vater im Hauptquartier der Nato tätig ist. Die 31-jährige belgisch-amerikanische Doppelbürgerin wollte am 22. März zu ihrer Grossmutter nach Florida reisen und stand beim Check-in von Delta Airlines, als in der Abflughalle die zwei Selbstmordatten­täter ihre Bomben zündeten.

Ein Jahr nach den Anschlägen und nach über 20 Operationen hat die junge Frau das Spital noch nicht wirklich verlassen. Zwei bis drei Jahre Rehabilitation stehen bevor, begleitet von der Unsicherheit, wie lange die Versicherung noch zahlt und ob je ein einigermassen beschwerdefreies Leben möglich sein wird. Zwischendurch hatten die Ärzte ihre Überlebenschancen auf null geschätzt. Sie wisse noch nicht, ob sie froh sei, überlebt zu haben, sagte die frühere Yogalehrerin und Fitnesstrainerin gegenüber der flämischen Tageszeitung «De Standaard».

Kampf mit den Behörden

«Wir sind zweifache Opfer», sagt auch Philippe Vansteenkiste, der beim Bombenattentat in der Metro seine Schwester verlor. Seither kämpft der Belgier mit den Behörden, um seine Rechte als Hinterbliebener durchzusetzen. Vansteenkiste hat nach den Anschlägen die Vereinigung «V-Europe» gegründet, um den Opfern und ihren Angehörigen zu helfen, sich Gehör zu verschaffen. Viele der 350 Verletzten werden nie mehr ein normales Leben führen können und müssen neben Schmerzen und Trauer auch noch den Kampf mit den Versicherungen und Behörden führen.

Am Mittwoch werden König Philippe und Königin Mathilde um 7.58 Uhr am Flughafen zusammen mit Angehörigen und Überlebenden der Attentate an der Schweigeminute teilnehmen. Eine zweite Schweigeminute ist für 9.11 Uhr in der Metrostation Maelbeek geplant. An der Oberfläche sollen zu diesem Zeitpunkt die Busse und die Trams stehen bleiben. Anschliessend wird im Europaviertel ganz in der Nähe ein Denkmal mit dem Namen «Verletzt, aber immer noch aufrecht angesichts des Unvorstellbaren» enthüllt werden. Am späteren Nachmittag organisiert die Bürgerinitiative #TousEnsemble einen Sternmarsch, der auch die Einwohner von Molenbeek ins Stadtzentrum führen soll.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 20:48 Uhr

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