Vergiftetes Klima in Europa

Deutschland sollte in den Hintergrund treten, um EU-Diskussionen mit Griechenland eine neue Chance zu geben.

Angela Merkel als Witzfigur: Performance in einem Athener Theater. Foto: Orestis Panagiotou (EPA, Keystone)

Angela Merkel als Witzfigur: Performance in einem Athener Theater. Foto: Orestis Panagiotou (EPA, Keystone)

Hans Brandt@tagesanzeiger

Die Verachtung deutscher Spitzenpolitiker für ihre griechischen Kollegen nimmt täglich zu. Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte sich zuletzt kaum noch im Griff. Er schimpfte über den «Vertrauensverlust» zwischen Griechenland und Deutschland und bezichtigte die griechische Regierung, ihrer Bevölkerung die Unwahrheit zu sagen.

Günther Oettinger, deutscher EU-Kommissar, kommentierte das «kleine Gipfeltreffen» des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras mit Angela Merkel und François Hollande mit den Worten: «Das brauchte das Ego von Tsipras.» Und Volker Kauder, CDU-Fraktionschef im Bundestag, sprach von der «ganz miesen Art» griechischer Regierungsmitglieder.

Begleitet wird das Poltern der Politiker von einer Kampagne der «Bild»-Zeitung, die Griechen als faule Schmarotzer darstellt. Das Boulevardblatt betitelte Varoufakis nach der Kontroverse um den Stinkefinger als «Lügen-Grieche».

Griechische Boulevardmedien stehen den deutschen in ihrer Grobheit in nichts nach. Schon seit Jahren pflegen sie das Image der deutschen Kanzlerin als Nazifrau, die Griechenland mit Sparvorgaben erdrosselt – in Anspielung auf die schweren Verbrechen, welche die Nazis im Zweiten Weltkrieg im besetzten Griechenland verübten. Dass nun auch noch Diskussionen aufkommen über Reparationen, die Deutschland Griechenland für diese Naziverbrechen schulden soll, macht eine besonnene Kommunikation zwischen den beiden Ländern fast unmöglich.

Es geht um Europa

Dabei betreffen die Kontakte zwischen Deutschland und Griechenland nur am Rande die Beziehungen der beiden Länder zueinander. Im Kern geht es um eine europäische Frage: um Griechenlands Verbleib im Euroraum. Diese Verhandlungen werden aber zunehmend beeinträchtigt durch das vergiftete Klima zwischen Berlin und Athen.

Inzwischen beklagt auch Deutschlands Aussenminister Frank-Walter Steinmeier die «Bilateralisierung» der Diskussion. Diese ist aber auch eine Folge deutscher Politik. Die stärkste Wirtschaftsmacht der EU, die zudem von einer Kanzlerin regiert wird, die seit Jahren fest im Sattel sitzt, gibt vielerorts in Brüssel den Ton an. So stossen die Griechen auch in den europäischen Gremien immer wieder auf die Deutschen. Der «kleine Gipfel» letzten Donnerstag fand zwar formell auf Einladung von Donald Tusk als Präsident des Europäischen Rates statt. Wahrgenommen wurde das Treffen aber als eine Begegnung unter Vorsitz von Merkel.

Jeroen Dijsselbloem mag Vorsitzender der Eurogruppe sein. Gegen Wolfgang Schäuble und dessen Austeritätspolitik lässt sich in diesem Wirtschaftsgremium aber nichts durchsetzen – was der Deutsche auch gerne durchblicken lässt.

Wenn die deutsche Regierung eine Lösung der Griechenlandkrise fördern, wenn sie die «Bilateralisierung» überwinden will, sollte sie in den Brüsseler Diskussionen in den Hintergrund treten und anderen den Vortritt lassen. Die reale Macht der Deutschen in der EU würde das nicht schmälern. Aber es würde für eine Entspannung sorgen und es den Griechen erleichtern, Konzessionen zu machen. Und sollte es Zugeständnisse an die Griechen geben, könnte Deutschland das Gesicht wahren.

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