Verbieten oder umzingeln?

Die Urheberrechte an Hitlers Pamphlet «Mein Kampf» erlöschen bald. Deutschland streitet darüber, was dann damit passieren soll.

«Verrostete Granate»: Originalausgabe von «Mein Kampf». Foto: Lennart Preiss (Keystone)

«Verrostete Granate»: Originalausgabe von «Mein Kampf». Foto: Lennart Preiss (Keystone)

«Mein Kampf» ist vermutlich das bekannteste ungelesene Buch der Geschichte. Der Wälzer, in dem Adolf Hitler während seiner Landsberger Festungshaft 1924/25 Werdegang und Weltanschauung niedergelegt hatte, wurde im Dritten Reich über zwölf Millionen Mal verkauft, verschenkt und verteilt, aber selbst fanatische Nazis wie Goebbels zitierten die Kampfschrift des Führers auffällig selten, und normale Volksgenossen stellten sie meist ungelesen in die Schrankwand.

Manche Historiker halten «Mein Kampf» deshalb für eine Hasstirade ohne wissenschaftlichen Erkenntniswert. Aber schon Churchill hielt die Missachtung für einen gefährlichen Fehler: Ja, es ist eine Sammlung von Propagandaphrasen, «schwülstig, langatmig, formlos», aber Hitler hat hier früher und offener als in seinen Reden seine Verschwörungstheorien und Kriegsziele formuliert.

In manchen arabischen Ländern ist «Mein Kampf» bis heute ein Longseller, in Japan ein Manga, in Indien wird das Buch angeblich als Managementbibel gelesen. Hitlers Glaubensbekenntnis ist fast überall auf der Welt, auch in Österreich und der Schweiz, frei erhältlich, wenn nicht unter dem Ladentisch, dann im Internet oder als E-Book. Nur in Deutschland ist «Mein Kampf» bis heute strikt verboten. Historiker fordern seit Jahren wenigstens eine Ausgabe für die wissenschaftliche Arbeit. Vernünftige Zeitgenossen weisen darauf hin, dass das Verbotene erst richtig scharf mache und mündige Bürger mittlerweile auch Hitlers wüste antisemitische Hetze in ihren historischen Kontext einordnen könnten. Dennoch weigert sich der Freistaat Bayern als offizieller Rechteinhaber bis heute, das Verbot von «Mein Kampf» zumindest für Schul- und Forschungszwecke zu lockern.

Jetzt geht das Trauerspiel in eine neue Runde. Wenn am 1. Januar 2016, siebzig Jahre nach dem Tod des Autors, die Urheberrechte an Hitlers Pamphlet erlöschen, muss Bayern eine neue juristische Begründung für das Verbot finden, etwa Aufruf zur Volksverhetzung. Genau das droht der kommentierten Ausgabe, die eine Historikerkommission am Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) seit 2009 erarbeitet. Anfangs hatte der Freistaat die «kontextualisierte» historisch-kritische Edition sogar noch mit 500'000 Euro unterstützt, aber dann bekam Horst Seehofer nach einer Israelreise 2013 kalte Füsse und wollte nicht mehr verantworten müssen, «mit dem Staatswappen» für die Verbreitung von «Mein Kampf» zu werben.

Kontraproduktiver Exorzismus

Gewiss, es wäre ein Schlag ins Gesicht der Holocaustopfer, wenn geschäftstüchtige Verleger oder gar Neonazis Kapital aus Hitlers Hassschrift schlagen könnten. Auch deshalb hat die deutsche Kultusministerkonferenz im Juni letzten Jahres beschlossen, das Verbot unkommentierter Nach- und Neudrucke über 2015 hinaus zu verlängern. Dass Bayern nun aber auch die IfZ-Ausgabe torpediert, ist schwer nachzuvollziehen.

Justizminister Winfried Bausback hat jedenfalls angekündigt, sie so kritisch wie jede andere zu überprüfen und ihre Legitimität notfalls strafrechtlich klären zu lassen: ein klares Misstrauensvotum.

Die Arbeiten an der kommentierten Ausgabe gehen unterdessen weiter. Sie soll in zwei Bänden mit zweitausend Seiten (davon zwei Drittel Kommentare) zu einem Preis nicht unter hundert Euro erscheinen. Das dürfte die rechtsradikale Laufkundschaft abschrecken, aber nicht den anderen Zweck erfüllen: jeder anderen kommerziellen oder politischen Verwertung von «Mein Kampf» «das Wasser abzugraben.

Christian Hartmann, Projektleiter beim IfZ, beschrieb einmal seine Arbeit als ideologischen «Kampfmittelräumdienst»: Das Hitler-Buch sei eine «alte, verrostete Granate, aus der wir den Zünder ausbauen». Ob man die Bombe Hitler mit Fussnoten umzingeln und entschärfen kann (oder überhaupt noch muss), sei dahingestellt. Die Satirezeitschrift «Titanic» machte sich einmal mit einer «Mein Kampf»-Ausgabe, in der jedes zweite Wort mit der Fussnote «Quatsch» kommentiert wurde, über derlei Einhegungsversuche lustig. Umgekehrt zeigte der Wiener Kabarettist Helmut Qualtinger schon 1973, wie man Hitler auch durch unkommentiertes Vorlesen die Luft ablassen kann. Das Verbot von «Mein Kampf» nach 1945 hatte gute Gründe. Aber was einmal ein notwendiges politisches Signal war, ist heute nur noch leere Symbolpolitik, ein kontraproduktiver Exorzismus, kurz: ein Ärgernis nicht nur für Historiker.

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