Und wieder ist sie unvermeidlich

Angela Merkel wollte immer selber über ihren Abgang bestimmen. Nun haben die Flüchtlinge und Trump sie in eine erneute Kandidatur getrieben.

Gelobt, das Land weiter mit ruhiger Hand durch alle Krisen zu steuern: Kanzlerin Angela Merkel. Foto: Michael Gottschalk (Photothek.net)

Gelobt, das Land weiter mit ruhiger Hand durch alle Krisen zu steuern: Kanzlerin Angela Merkel. Foto: Michael Gottschalk (Photothek.net)

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In den Jahren, als Angela Merkel ihre ersten Schritte zur Macht tat, gab sie der Fotografin Herlinde Koelbl jedes Jahr ein Interview. Sie sprach darin immer wieder von Überforderung und Ausnahmezustand, von Überlebenskampf und davon, dass sie sich nicht vorstellen könne, dass ihr restliches Leben so ablaufe. Im letzten Gespräch 1998 fragte Koelbl, welche Träume sie noch habe ausserhalb der Politik? Merkel antwortete: «Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. Das ist viel schwerer, als ich mir das früher immer vorgestellt habe. Aber ich will dann kein halb totes Wrack sein, wenn ich aus der Politik aussteige, sondern mir nach einer Phase der Langeweile etwas anderes einfallen lassen.»

Merkel, als ostdeutsche Physikerin in der Politik eine Quereinsteigerin, war damals 44 Jahre alt. Einen Ausstieg hat sie auch 20 Jahre danach nicht gefunden, selbst nach zwölf auszehrenden Jahren als Kanzlerin. Stattdessen schickt sie sich an, Helmut Kohls Amtsdauer von 16 Jahren zu egalisieren. Hat sie wie Kohl 1996 den richtigen Moment für den Abgang verpasst? Merkel erlebte damals dessen politische Agonie im Kabinett mit und erinnert sich mit Schaudern daran. «Das ist immer ein Problem», sagt Wolfgang Schäuble (74), damals Kohls designierter Nachfolger, heute Merkels Finanzminister: «Wie hört man auf?»

Für Politiker im Herbst ihrer Macht ist die Frage wichtig. Für Angela Merkel, die den Mythos pflegt, alle Dinge vom Ende her zu denken, besonders. Sie betrachtete es stets als Ausdruck von Souveränität, dereinst selbst über den Moment ihres Abgangs zu bestimmen. Ungeachtet der Tatsache, dass dies noch nie einem Kanzler gelungen ist, nicht einmal Konrad Adenauer. Alle haben sich zuletzt an die Macht geklammert. Sie zu erringen, hatten sie gelernt, auf sie zu verzichten, nicht.

Video: Die Deutschen Kanzler im Schnelldruchlauf

Von Adenauer bis Merkel: Eine nostalgische Videobetrachtung der deutschen Regierungschefs. Video: Lea Koch, TA

Es war Ende 2016 alles andere als ausgemacht, dass Merkel noch einmal kandidieren würde. «Sprichwörtlich unendlich» habe sie darüber nachgedacht, sagte sie später. Anders als Kohl damals kann sich Merkel ein Leben ohne Politik immer noch vorstellen. Die Gespräche im kleinsten Kreis sollen damals unter anderem um ihr Verlangen gekreist sein, die Erste zu sein, die ihr Amt aus freien Stücken aufgibt. Joachim Sauer, ihr Mann, ein berühmter Quantenchemiker, soll mit dem Argument widersprochen haben: Die Eitelkeit, die Erste zu sein, dürfe nicht den Ausschlag geben.

Schliesslich, so stellen Merkels Vertraute es dar, hätte das Verantwortungsbewusstsein obsiegt. Mit der Aufnahme von 1 Million Kriegsflüchtlingen war sie 2015/16 eine höchst umstrittene Verpflichtung eingegangen, an die sie sich weiter gebunden fühlte. Die Wahl des Anti-Politikers Donald Trump zum Präsidenten der USA beendete ihr Schwanken. Nun würde sie als stabilisierende Kraft, ja, als Welt-Kanzlerin gebraucht werden, egal, wie sehr sie diesen Anspruch öffentlich als «absurd» ablehnen würde. Am Ende fand sich Merkel als unvermeidlich, unverzichtbar und alternativlos wieder. Ganz ähnlich hatte damals schon Kohl seine Machtgier maskiert, als er meinte, nur er könne die Deutschen vom Euro überzeugen.

Die «vielen neuen Ideen» sind im Wahlkampf nicht aufgetaucht.

2013 hatte die Kanzlerin den Wahlkampf mit einem einzigen Satz dominiert. Sie sagte ihn im TV-Duell nicht zu ihrem Herausforderer Peer Steinbrück, sondern sprach die Deutschen direkt an: «Sie kennen mich.» Noch vor einem halben Jahr hätte niemand gedacht, dass dieser Satz – bislang unausgesprochen – auch diesmal zur Wiederwahl genügen könnte. In der Flüchtlingskrise hatten viele Deutsche Merkel auf einmal nicht mehr wiedererkannt. Ist das unsere Kanzlerin? Ist das unser Land? Als sie den Syrern, Irakern und Afghanen die Grenzen öffnete, verblüffte die grosse humanitäre Geste nicht nur ihre Gegner, sondern schockierte auch einen Teil der eigenen Wähler. Dem immensen Druck, die Tore wieder zu schliessen, gab sie in der Folge so langsam und widerstrebend nach, dass es kaum auffiel, wie sie ihre Position korrigierte. Ihre Anhänger konnten sie für ihren «Willkommens»-Akt feiern, während andere ihr wenigstens Respekt dafür zollten, dass sie «­wieder zur Vernunft gekommen» sei.

Merkels Popularität litt dennoch wie nie seit der Finanzkrise, die Medien riefen die ultimative «Kanzlerdämmerung» aus. Als die Sozialdemokraten mit Martin Schulz einen überraschenden Kanzlerkandidaten präsentierten, wirkte die Amtsinhaberin auf einen Schlag müde und verbraucht. Ein Überdruss wurde spürbar, der grösser schien, als alle ­Beobachter geglaubt hatten. Ein halbes Jahr danach ist von der Wechselstimmung nichts übrig geblieben. Erneut dominiert Merkel den Wahlkampf nach Belieben mit dem stummen Versprechen, einfach so weiterzuregieren wie bisher.

Politologen sagen, dass Deutschland aus der Mitte regiert werden möchte. Und wer würde diese Mitte derzeit besser verkörpern als Merkel? Deutschlands Zentrum, mehrheitlich wohlhabend, treibt das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität an, wirtschaftlich und sozial. Dafür ist die Kanzlerin eine Instanz. Die Forderung nach mehr «sozialer Gerechtigkeit» ist im Vergleich dazu das Anliegen einer Minderheit.

Merkel oder Schulz? Wahlplakate auf deutschen Strassen. Foto: Clemens Bilan/ Keystone

Von den «vielen neuen Ideen», die Merkel bei ihrer erneuten Kandidatur angekündigt hatte, hat in diesem Wahlkampf noch niemand etwas gesehen. Und schon gar nicht davon, dass dieser «ganz anders» sein müsse als ihre bisherigen, weil die Wahl «schwieriger» werde als jemals zuvor. Ihre Gegner werfen ihr vor, sie agiere wieder als «Nebelkönigin», sage nicht, was sie wolle und verweigere die Debatte. Dies sei ein «Anschlag auf die Demokratie», zeterte Schulz mehr verzweifelt als empört.

Nach Merkels inhaltsarmem Wahlkampf 2009 und dem inhaltsleeren von 2013 erlebe man nun ihr Meisterstück: den inhaltsfreien Wahlkampf, schimpfte Markus Feldenkirchen im «Spiegel». Er war ehrlich genug, zu bemerken, dass viele Wähler von Inhalten wohl noch weniger halten als Merkel. Nur einmal war sie mit einem ambitiösen Reformprogramm in die Wahl gezogen, bei ihrer Premiere 2005 gegen den angeschlagenen Gerhard Schröder. Seit sie deswegen fast den Sieg verspielt hätte, lässt sie lieber die Finger von hochfliegenden Plänen und Versprechen. Auch diesmal wird es nicht die inhaltliche Auseinandersetzung sein, die die Wahl entscheidet, sondern ein Gefühl.

Geborgenheit vermitteln

Merkel vermittelt Sicherheit in unsicheren Zeiten, ein Stück Restnormalität in einer Ära, in der vieles unnormal scheint. Ihre Unerschütterlichkeit, ihre sachliche, vorsichtige, bescheidene, unemotionale Art flösst den Menschen Vertrauen ein. Das ist nicht wenig. Für diese Geborgenheit nehmen die Deutschen in Kauf, dass Merkel programmatisch und ideologisch schwer zu fassen ist. Dass man nicht recht weiss, wie sie Deutschland (und Europa) zu verändern gedenkt. Im Unterschied zu Schröder, der zu seiner Reformagenda erst fand, als er mit dem Rücken zur Wand stand, ist Merkel auch nicht in der Lage, sich neu zu erfinden. Ihr wichtigstes Versprechen besteht darin, dass sie gelobt, Deutschland weiter mit ruhiger Hand durch alle Krisen zu steuern.

Ihre sachliche, vorsichtige und bescheidene Art schafft Vertrauen.

Abseits der Imperative Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde treibt nicht Ideologie Merkel an, sondern das Machbare. Das klingt nicht nur visionslos, sondern ist es auch. «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen», sagte einst ein anderer berüchtigter Pragmatiker, Helmut Schmidt. Merkel hat keinen Plan, sondern schafft einfach die Probleme weg, die sich vor ihrem Kanzleramt verlässlich auftürmen. Sie ist im Grunde eine postpolitische Politikerin und eine postheroische dazu, deren Ära nur zufällig in heroische Zeiten fällt. Dies hat zur Folge, dass Merkel «Krise kann», wie Bernd Ulrich in der «Zeit» schrieb. «Keine Krise kann sie nicht.»

Tragödien verhindert

In Umstürzen wirkt sie entschlossen, ob nun die Finanzmärkte zu schmelzen drohen oder ein ferner Atomreaktor, ob Russland die europäische Friedensordnung bedroht oder die Aufnahme von Flüchtlingen den inneren Frieden. Stets ist sie bereit, äussere Krisen als Anlass für Kehrtwenden zu nutzen, wie etwa Fukushima zur Wende in der Energiepolitik. Zieht wieder Ruhe ein, fällt sie zurück ins ideenlose Verwalten – eine Lethargie, die schon vor vier Jahren als «neues Biedermeier» karikiert wurde.

Merkel kann bis anhin mit dem Vorwurf gut leben, sie habe im Unterschied zu ihren Vorgängern als Kanzlerin noch nichts Bleibendes geschaffen. Deutschland verdankt Adenauer die Westbindung, Willy Brandt die Entspannungspolitik nach Osten, Kohl die Wiedervereinigung, Schröder die Reform des Arbeitsmarkts. Aber Merkel? Ihre Vertrauten weisen darauf hin, dass ihre Leistung auch in dem bestehe, was sie verhindert habe. Sie habe Deutschland im vergangenen, krisenreichen Jahrzehnt aus Tragödien herausgehalten. Das sei der Kern ihrer Marke als Politikerin. «Sie möchte das Gefühl der Wähler bestärken, sich unmerklich behütet zu fühlen», schrieb Torsten Krauel in der «Welt». Nur dann, so ihre These, würden die Menschen auch einschneidende Reformen akzeptieren, falls sie nötig seien.

Angela Merkel ist eine aussergewöhnlich zähe, fleissige und kluge Politikerin. Wie ein «halb totes Wrack» wirkt die 63-Jährige noch lange nicht. Vier Jahre möchte sie noch regieren. Aber wohin will sie noch? Jedenfalls voran, wo immer das sein mag. Einen Schritt nach dem anderen, wie immer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2017, 18:56 Uhr

TV-Duell

Schulz’ letzte Chance

Angela Merkel und Martin Schulz geben derzeit eine Fülle von Interviews – aber am Fernsehen treten sie nur ein einziges Mal gegeneinander an: am Sonntag ab 20.15 Uhr. Entsprechend gilt das Duell drei Wochen vor der Wahl auch als wichtigstes Einzelereignis dieses Wahlkampfs. Die Sendung dauert 90 Minuten. Die Kanzlerin und ihr Heraus­forderer werden von Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Claus Strunz (Sat 1) befragt. Experten erwarten, dass knapp jeder fünfte Deutsche zusehen wird – rund 15 Millionen.

Die TV-Sender und Schulz hätten nicht nur gern mehrere Duelle ausgetragen, sondern sich auch ein «lebendigeres» Befragungsformat samt Publikum gewünscht. Die Kanzlerin lehnte solche Neuerungen jedoch kategorisch ab. Merkel fühlt sich in engeren Gesprächssituationen wohler, bei Schulz ist es umgekehrt. Nach Ansicht vieler Beobachter ist das Duell Schulz’ letzte Chance, seine schlechten Umfragewerte zu verbessern. In Merkels Umfeld gilt der Termin als der gefährlichste des Wahlkampfs. (de)

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