Johnson droht nach Burka-Äusserungen der Rauswurf

Der britische Ex-Aussenminister verhöhnte Burka tragende Musliminnen als «Briefkasten-Frauen». Seine Kritiker bei den Tories wollen ihn aus der Partei haben.

Verbale Entgleisungen und andere Provokationen: Boris Johnson, Ex-Aussenminister Grossbritanniens.

Verbale Entgleisungen und andere Provokationen: Boris Johnson, Ex-Aussenminister Grossbritanniens. Bild: Reuters

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Wieder ist es Boris Johnson gelungen, in Grossbritannien alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ob der Ex-Aussenminister ein Held einfacher Briten ist, oder ob er den Zusammenhalt der britischen Gesellschaft gefährdet – darüber ist diese Woche auf der Insel ein heisser Streit entbrannt. Boris-Fans in der Konservativen Partei stärken ihrem Favoriten für die Nachfolge Theresa Mays dabei entschieden den Rücken.

May selbst verlangt von Johnson hingegen eine förmliche Entschuldigung. Einige Tories fordern sogar bereits, dass der im Vormonat aus der Regierung ausgeschiedene Politiker nun auch aus der Partei ausgeschlossen wird. Verursacht hat Johnson den neuen Aufruhr mit einer Kolumne im rechtskonservativen «Daily Telegraph». In seinem Artikel erklärte Johnson, er habe nichts dagegen, dass Musliminnen voll verschleiert, also in Nikab und Burka, durch britische Strassen spazierten.

Provokationen in einer Kolumne

Frauen, die ihn in seinem Wahlkreisbüro um Rat angingen, müssten allerdings das Gesicht enthüllen, fügte er hinzu. Und auch von Schülerinnen und Studentinnen könne man erwarten, dass sie nicht vermummt «wie Bankräuber» in Erscheinung träten. Er persönlich, schrieb Johnson weiter, halte es jedenfalls «für absolut lächerlich, dass Leute sich dafür entscheiden sollten, wie Briefkästen durch die Gegend zu gehen». Diese Bemerkung war es, die zur bitteren öffentlichen Auseinandersetzung geführt hat. Mit solchem Spott, fand Lord Sheikh, der Gründer des konservativen Muslim-Forums, füge Johnson der sozialen Kohäsion auf der Insel schweren Schaden zu. Er muss sich nun einem Disziplinarverfahren der Konservativen Partei stellen.

Lady Warsi, eine Kollegin Sheikhs im Oberhaus, die vor ein paar Jahren die erste muslimische Vorstandsvorsitzende in der Geschichte der Tory-Partei war, warf Johnson vor, den Islamhass im Land zu nähren und muslimische Frauen für «vogelfrei» zu erklären. Sie finde es «widerlich», dass Johnson auf Kosten von Musliminnen im «Alt-right»-Stil seine eigene Karriere zu befördern versuche. Darum gehe es ihm ja nur.

May erwartet Entschuldigung von Johnson

Johnson, der May beerben wolle, versucht nach Ansicht von Lady Warsi nichts anderes, «als Aufmerksamkeit zu erhaschen und Schlagzeilen zu machen mit einem Thema, von dem er weiss, dass es bei gewissen Teilen der Tory-Partei ein Echo findet». Tory-Rechte wie der Unterhausabgeordnete Andrew Bridgen widersprachen dem nachdrücklich: Johnson habe ja in Wirklichkeit «eine wichtige Frage angeschnitten» – und das auf durchaus heitere Weise, auf die für ihn typische «unbeschwerte Art».

Auch andere Repräsentanten der Parteirechten verteidigten Johnsons «Spässchen» mit den «Briefkasten-Frauen». Der frühere Ukip-Chef Nigel Farage schwor, «die grosse Mehrheit einfacher Leute» im Lande teile Johnsons Grundgefühl. Partei- und Regierungschefin May mochte ihrem Ex-Minister zwar nicht «Islamophobie» zur Last legen. May rügte Johnson aber dafür, «verletzende Worte» gebraucht zu haben. Und sie forderte ihn dazu auf, sich zu entschuldigen bei den betreffenden Frauen.

Bei den Brexiteers und Tory-Rechten beliebt: Boris Johnson, Ex-Aussenminister mit grossen Ambitionen. Foto: Reuters

Rügen dieser Art, für gezielt provokative Worte, ist Johnson ja gewohnt. Vor Jahren schon, als er über die Stadt Liverpool Gehässiges geschrieben hatte, zwang ihn der damalige Tory-Parteichef Michael Howard, vor Ort Abbitte zu leisten. Entschuldigen musste sich Johnson einmal auch dafür, dass er von schwarzen Commonwealth-Bürgern als von «Fähnchen schwenkenden Negerlein» sprach, die der Queen bei Besuchen ihr «Wassermelonen-Lächeln» zeigten.

Bei anderen Gelegenheiten hatte er Barack Obama vorgeworfen, wegen seines «teils kenianischen» Ursprungs Britannien und dessen imperiales Erbe zu hassen. Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatte Johnson in einem lyrischen Erguss Sex mit einer Geiss angedichtet. Und die EU hatte er mit dem Dritten Reich verglichen. Dafür entschuldigte er sich allerdings nicht.

Johnson im Umfragehoch

Für Boris, meinte Lady Warsi, sei alles immer nur «bunt schillernde politische Sprache». Tatsächlich sei seine Wortwahl aber hochbrisant – und scharf kalkuliert, auf Resonanzen hin. Lord Sheikh forderte die Tory-Führung auf, Johnson aus der Partei zu werfen, falls er sich nicht umgehend entschuldige. Doch May muss selbst kalkulieren, ob sie damit einen Aufstand der Parteirechten gegen sich provoziert.

Denn letzten Umfragen zufolge steht Johnson in der Partei stark da. Seit er vor vier Wochen im Protest gegen Mays Brexit-Pläne das Kabinett verliess, hat er bei den Brexiteers im eigenen Lager verlorenen Boden wiedergutgemacht. Mit 29 Prozent Rückhalt bei den Parteiaktivisten, die den Parteichef wählen, liegt er als Favorit klar vor dem gegenwärtigen Innenminister Sajid Javid, der nur auf 19 Prozent kommt. Für diesen Herbst schon, hört man in London, habe Johnson «Grosses» geplant. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 16:49 Uhr

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