Ukraine – zero points

Russland gilt in der Ukraine als «Aggressorstaat». Doch nicht nur der Eurovision Song Contest zeigt: Ohne den grossen Nachbarn geht es nicht.

«Ich bin Musikerin und kein Instrument der Politik»: Maruw singt nicht für die Ukraine am Eurovision Song Contest. Foto: Keystone

«Ich bin Musikerin und kein Instrument der Politik»: Maruw singt nicht für die Ukraine am Eurovision Song Contest. Foto: Keystone

Zita Affentranger@tagesanzeiger

In ganz Europa werden derzeit die Teilnehmer des Eurovision Song Contest gewählt: Die Schweiz präsentiert diesen Monat fünf Songs zur Auswahl, Deutschland, Norwegen, Island, Russland und auch die Ukraine haben sich schon entschieden. Allerdings wird aus Kiew trotzdem niemand nach Israel reisen Mitte Mai. Denn die auserkorene Musikerin Maruw wurde zwar als künstlerisch überlegen, aber als politisch unzuverlässig befunden.

Die ukrainischen Finalisten mussten bei ihrem Auftritt zwei alles entscheidende politische Fragen beantworten: Wie hält man es mit Konzerten in Russland? Und zu welchem Land gehört die Halbinsel Krim? Maruw hat im April Auftritte in Moskau und Petersburg auf dem Programm. Weil sie in der Ukraine keinen Produzenten finden konnte, arbeitet sie mit einer russischen Agentur zusammen. Doch sie ist durchaus kein Putin-Fan. Natürlich gehöre die Krim zur Ukraine, erklärte sie. Doch wenn ein Land einen schlechten Präsidenten habe, heisse das nicht, dass alle Leute, die dort leben, auch so seien. «Jeder bestimmt selber, wie er Frieden schaffen kann: Die einen greifen zur Waffe, andere machen Musik. Konzerte sind mein Weg, Frieden zu stiften», erklärte sie.

Zehntausende Franken Busse für Interviews

Doch das reichte nicht. Künstler, welche die Ukraine an der Eurovision vertreten, könnten nicht gleichzeitig «durch den Aggressorstaat» touren, erklärte ein Vizepremierminister. Dem Parlament liegt ein neues Gesetz vor, das solche Auftritte zwar nicht verbietet, die Künstler aber verpflichtet, bei jedem Konzert, in jedem Videoclip und auf jedem Plakat mitzuteilen, dass sie «auch auf dem Territorium des Aggressorstaates» auftreten. Für die Eurovision diskutiert die Ukraine die strikte Regel, dass niemand teilnehmen darf, der auch in Russland auftritt.

Maruw hatte sich bereit erklärt, die Konzerte in Russland abzusagen. Doch der vorgelegte Vertrag sollte offensichtlich sicherstellen, dass sie auch nichts Falsches sagt: Improvisationen sind verboten, Interviews mit Journalisten müssen vom ukrainischen Staatsfernsehen abgesegnet werden. Bei Verstössen gegen die Regelungen sind Bussen bis zu zwei Millionen Griwna vorgesehen, rund 74'000 Franken.

Die Musikerin sprach von einer Attacke auf ihre kreative Freiheit und von Zensur. «Ich bin ukrainische Bürgerin. Ich bezahle Steuern und liebe die Ukraine von Herzen. Aber ich bin nicht bereit, Slogans zu verbreiten und meine Teilnahme am Contest in eine Werbeaktion für unsere Politiker zu verwandeln. Ich bin Musikerin und kein Instrument der Politik.» Wie Maruw wollten dann auch die auf Platz 2 und 3 platzierten Bands die strikten Auflagen nicht akzeptieren. Schliesslich sagte die Ukraine mangels politisch korrekter Künstler die Teilnahme an der Eurovision ab.

Manche Politiker, die lautstark den kompromisslosen Bruch verlangen, machen aber auch grosszügige Ausnahmen.

Doch nicht nur in der Musikindustrie, auch in anderen Bereichen geht es in der Ukraine trotz aller kämpferischen Worte nicht ohne Russland. Moskau ist auch fünf Jahre nach der Annexion der Krim der grösste Einzelinvestor und Handelspartner der Ukraine. Zwar ist der Handel gesunken zwischen den beiden Ländern, ebenso die Zahlungen von Gastarbeitern aus Russland. Doch weder die EU noch China konnten und wollten bisher die Rolle Moskaus übernehmen. Die Abhängigkeit bleibt gross, obwohl die ukrainische Politik alles daran setzt, das Gegenteil zu belegen.

Manche Politiker, die lautstark den kompromisslosen Bruch verlangen, machen aber auch grosszügige Ausnahmen. So kämpft Präsident Petro Poroschenko darum, dass Moskau weiter Gas via Ukraine in den Westen pumpt, damit Kiew die lukrativen Transitgebühren kassiert. Zudem scheinen enge Verbündete des Präsidenten selbst bei heiklen Waffengeschäften mit dem «Aggressorstaat» zusammenzuarbeiten. Weil der Import russischer Rüstungsgüter in die Ukraine verboten ist, wurden dringend benötigte Ersatzteile in Russland eingekauft, um sie dann zu völlig überhöhten Preisen an die ukrainische Armee weiterzuverkaufen. Unter den Schiebern sind offenbar auch der Vize-Chef des Nationalen Sicherheitsrats, Oleg Gladkowski, und sein Sohn.

Präsident Poroschenko hat seinen engen Vertrauten Gladkowski nun mit vielen empörten Worten entlassen. Doch mit Strafen werden die Waffenhändler wohl nicht rechnen müssen. Bisher musste sich kein Mitglied der ukrainischen Führung wegen Korruption verantworten. Und das Verfassungsgericht hat gerade Artikel 368-2 des ukrainischen Strafgesetzbuches gekippt, der unrechtmässige Bereicherung unter Strafe stellt und damit korrupte Staatsbeamte im Visier hatte. Dutzende Verfahren werden deshalb laut Experten nicht zum Abschluss kommen und die Angeklagten straffrei ausgehen.

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