Ukraine, mon amour

Der junge Staat muss im Zeichen eines blutigen Überlebenskampfes früh erwachsen werden.

«Solange ich die Ukraine kenne, kenne ich auch die Sehnsucht der Menschen nach einem besseren Leben», sagt Inga Pylypchuk. Foto: Reuters

«Solange ich die Ukraine kenne, kenne ich auch die Sehnsucht der Menschen nach einem besseren Leben», sagt Inga Pylypchuk. Foto: Reuters

Meine Ukraine ist jetzt 24 Jahre alt. Sie ist 5 Jahre jünger als ich. Am 24. August 1991 wurde sie geboren. Ihre Mutter, die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, starb bei der Geburt. Ich habe sie nicht wirklich gekannt. Doch sie hat meiner Ukraine ein derart grosses Erbe hinter­lassen, dass ich mir ein deutliches Bild von ihr machen kann.

Stickige Luft in alten sowjetischen Betonklötzen, Teppiche an den Wänden in den Wohnungen, kalte Suppen in den Kantinen. Verklemmt, ängstlich und naiv war die Mutter USSR. Aber selbst in schwierigsten Zeiten hatte sie für jeden eine Tasse Tee und ein gutes Wort parat, erinnern sich nostalgisch manche Zeitzeugen.

Es gab schon immer Menschen, die behaupten, dass meine Ukraine eigentlich besser nie geboren worden wäre. Dass sie nie unabhängig werden könne, weil sie zu schwach sei, nur ein Zufall der Geschichte, eben Folge des Niedergangs der Sowjetunion. Daran habe ich nie geglaubt. Und wenn man schon so argumentiert, sind wir nicht alle irgendwie Zufälle der Geschichte?

«Sind wir hier einfach verdammt?»

«Warum haben wir so viel Pech?», fragt mich meine Tante. «Erst gerade hat die Perestroika begonnen, dann explodierte Tschernobyl. Dann diese brutalen Neunzigerjahre. Endlich hat das Land zu atmen angefangen, die Menschen konnten sich etwas leisten, da kam die Wirtschaftskrise. Gerade hat sich die Lage etwas stabilisiert, da folgten Revolution und Krieg. Sind wir hier einfach verdammt?» Ich habe keine Antwort.

Die Ukraine hat mit ihren 24 Jahren zwei Revolutionen (2004 und 2014) erlebt und einen Krieg. Rasante Regierungswechsel und eine Menge Enttäuschungen. Viel Korruption. Viel Ungerechtigkeit. Vielleicht sind nur der Eurovision Song Contest (2005) und die Fussball-Europameisterschaft (2012) so ganz unbeschwert und eindeutig schöne Ereignisse gewesen. Denn hier durfte sich die Ukraine für kurze Zeit als ein Teil Europas fühlen. Auch jetzt hat das Land einen enormen Hunger nach etwas, was die Hoffnung auferstehen lassen würde, man könne wieder zur europäischen Familie gehören.

Solange ich die Ukraine kenne, kenne ich auch die Sehnsucht der Menschen nach einem besseren Leben, nach besseren Strukturen. Ich kenne viele, sehr viele Menschen, die daran arbeiten, diesen kollektiven Wunsch zu verwirklichen. Wird aber der Hunger nach Würde und Wohlstand jemals gestillt werden können? Oder wird die Ukraine wieder zum Opfer der Geschichte?

Junge Frau mit Falten im Gesicht

Meine Ukraine ist eine junge Frau, so wird sie zumindest gern auf Postkarten dargestellt. Doch manchmal sehe ich die Falten in ihrem Gesicht. Sie erzählen von den drei bis vier Millionen Menschen, denen 1932–1933 der stalinistische Hunger das Leben nahm. Von den mindestens sieben Millionen, die im Zweiten Weltkrieg gestorben sind. Von den Tausenden, die in den Gulag kamen. Ihr Antlitz erzählt auch davon, wie lange die Ukrainer auf ihre Unabhängigkeit gewartet haben. Der Versuch, 1918 einen eigenen Nationalstaat zu proklamieren, ist gescheitert, aber der Wille nach Freiheit konnte nicht vernichtet werden.

Meine Ukraine wird von den Dämonen der Vergangenheit eingeholt, immer wieder. Einige ihrer Soldaten binden sich rot-schwarze Fähnchen an die Uniform, die Farben der Ukrainischen Aufständischen Armee (1942–1956). Die Farben von Blut und Erde. Die offizielle Flagge, deren Farben Blau und Gelb sind, die Weizen­felder und den Himmel symbolisieren, wirke zu friedlich, zu unschuldig, meinen viele.

Die Frau, in der ich meine Heimat erkenne, spricht von Tausenden gefallenen Soldaten im vergangenen Jahr. Sie versucht, Haltung zu bewahren, aber die Tränen fliessen über ihr Gesicht. Aus ihrer Kehle ist der Schrei trauernder Mütter, Töchter und Schwestern zu hören. Er mischt sich mit der Wut und dem Frust der Männer, die gelernt haben, zu töten, um zu überleben.

Meine Ukraine ist jetzt 24 Jahre alt. Und sie ist abhängig – vom russischen Gas, vom Internationalen Währungsfonds –, sie ist auf die Hilfe der Europäischen Union und der USA angewiesen. Aber gleichzeitig stellt keiner mehr ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit infrage.

Von einem Land, das viele hier im Westen noch bis vor kurzem für einen Teil Russlands gehalten haben, wird die Ukraine langsam zu einem tatsächlich souveränen Staat. Der Preis dafür ist zweifellos zu hoch. Aber es gibt keinen Weg mehr zurück. Dagegen hilft auch keine Kremllüge darüber, die Ukraine sei doch gar kein richtiger Staat. Meine Ukraine wird erwachsen.

DerBund.ch/Newsnet

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