«Überwachung durch eine Kamera sehe ich skeptisch»

Kann ein Gefängnis-Suizid wie derjenige des syrischen Terrorverdächtigen in Leipzig verhindert werden? Dazu Strafvollzugsexperte Thomas Noll.

Hier nahm sich der Verdächtige das Leben: Die Justizvollzugsanstalt in Leipzig.

Hier nahm sich der Verdächtige das Leben: Die Justizvollzugsanstalt in Leipzig. Bild: Sebastian Willnow/Keystone

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Der syrische Terrorverdächtige in Leipzig hat sich nur wenige Tage nach seiner Verhaftung umgebracht. Ist das oft der Fall?
Ja, am grössten ist die Suizidgefahr in den ersten Stunden und Tagen. Der Schock der Inhaftierung ist dann am grössten. Dazu kommen der abrupte Wechsel der Lebensumstände und die Schmach, welche die Verhafteten oft empfinden.

Was können die Verantwortlichen einer Justizvollzugsanstalt bei Suizidrisiko unternehmen?
Es kommt auf das Ausmass der Suizidalität an: Bei starken Selbstmordgedanken sollte eine Klinikeinweisung erfolgen. Bei geringerer Ausprägung der Symptome kann auch eine engmaschige Kontrolle durch Personal und Gefängnispsychiater genügen. Teilweise werden suizidale Insassen auch zu anderen Insassen in die Zelle verlegt, weil das Selbstmordrisiko allein grösser ist. Das kann aber auch zu einer Belastung für den Mitinsassen werden.

Teilweise sprechen Experten auch davon, gefährdete Personen für einige Zeit in Papierwäsche zu kleiden oder in einer komplett leeren Zelle unterzubringen.
Kurzfristig können die Verlegung in eine Arrestzelle und die Umsetzung von solchen Massnahmen nützlich sein. Wenn es in einem Zimmer weniger Möglichkeiten gibt, sich etwas zuzufügen, gibt es auch weniger Suizide. Aber welche Massnahmen zum Einsatz kommen, ist völlig unterschiedlich. In der Schweiz gibt es kein Gesetz diesbezüglich und 117 autonome Gefängnisse, die mit solchen Fällen zum Teil sehr unterschiedlich umgehen. Die Überwachung durch eine Kamera sehe ich beispielsweise skeptisch, weil Insassen sie manchmal als willkommene Plattform nutzen, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Kritiker sprechen bei solchen Massnahmen von einer Verletzung der Menschenwürde. Muss ein Suizid um jeden Preis verhindert werden?
Nein. Die Frage ist diejenige der Urteilsfähigkeit. Ist diese gegeben, verstösst es meines Erachtens gegen die Grundrechte, einem Insassen in diesem höchstpersönlichen Bereich die Selbstbestimmung wegzunehmen. Das gelegentlich gehörte Argument, der Gefangene dürfe sich nicht mit einem Suizid der gerechten Freiheitsstrafe entziehen, mutet archaisch an.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um Suizide im Gefängnis noch effektiver verhindern zu können?
Wichtig ist laut den Richtlinien der American Psychiatric Association, dass das Gefängnispersonal angemessen geschult wird. Es braucht aber auch eine standardmässige psychologische Eintrittsevaluation aller Insassen, die engmaschige Kommunikation zwischen den beteiligten Fachpersonen, ein regelmässiges Monitoring der gefährdeten Insassen und schliesslich – im Notfall – eine kompetente Intervention durch Aufseher und medizinisches Personal. Wichtig ist aber auch zu wissen, dass nicht alle suizidalitätsauslösenden Faktoren allein bei den Gefängnissen zu suchen sind. Eine Studie des Strafrechtsprofessors Martin Killias hat gezeigt, dass Straftäter per se durchschnittlich eine höhere Suizidrate aufweisen als die Allgemeinbevölkerung – unabhängig von den aktuellen Lebensumständen, also auch ausserhalb der Gefängnismauern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2016, 18:15 Uhr

Thomas Noll ist Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für das Strafvollzugspersonal (SAZ). Der Jurist, Psychiater und Psychotherapeut war unter anderem von 2007 bis 2013 Chef Vollzug in der Strafanstalt Pöschwies, der grössten geschlossenen Justizvollzugsanstalt in der Schweiz.

So geht man im Kanton Zürich mit suizidgefährdeten Inhaftierten um

Inhaftierte Personen, bei denen eine akute Suizidalität festgestellt wird (konkrete Gedanken und Pläne, sich das Leben zu nehmen), bleiben nicht in Haft, sondern werden in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dies gab der Psychiatrisch-Psychologische Dienst (PPD) des Zürcher Amtes für Justizvollzug auf Nachfrage an. Leider, so der PPD, sei das nicht immer mit der nötigen Dringlichkeit umsetzbar, da es im Kanton Zürich für Inhaftierte zu wenig gesicherte Plätze in psychiatrischen Kliniken gebe. Die betroffene Person werde durch Einsatz einer Sitzwache aber durchgehend überwacht, solange sie sich noch im Gefängnis befinde.

Bei unklaren Fällen, wo zwar keine akute Suizidalität festgestellt wird, aber eine psychische Instabilität, werden die betroffenen Personen zur Sicherung und Beobachtung vorübergehend in einer gesicherten Zelle untergebracht, in der die Möglichkeiten für einen Suizid deutlich reduziert sind. Eine Hospitalisation, die aus Sicherheitsgründen und ethischer Sicht besser wäre, ist aufgrund des Platzmangels in psychiatrischen Kliniken häufig nicht möglich.

Je nach Situation kann laut dem PPD auch die Unterbringung in einer Mehrfachzelle ausreichend sein. Inhaftierte Personen, die in einer psychisch schlechten Verfassung sind, werden im Kanton Zürich in der Haft ambulant psychiatrisch betreut, um einer weiteren Verschlechterung ihres Zustands mit allfälliger Entwicklung von Suizidgedanken entgegenzuwirken. (wig.)

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