Theresa Mays Schweizer Moment

Was die Premierministerin sich für die Zukunft wünscht, klingt für Schweizer Ohren vertraut.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Bern rang der Bundesrat gestern noch um seine Linie in der Europa­politik, während in London Theresa May ihre Rede zur künftigen Beziehung Grossbritanniens mit der EU hielt. Die Schweizer Regierung und die britische Premierministerin stehen dabei vor einem ähnlichen Dilemma. Es geht um die Frage, wie viel an nationaler Souveränität den beiden Drittstaaten künftig der Zugang zum Binnenmarkt der EU wert sein soll.

Die Aufgabe der Schweizer Regierung mutet dabei noch vergleichsweise einfach an. Es geht darum, mit einem Rahmenvertrag die bilateralen Beziehung mit ihrem sektoriellen Zugang zum Binnenmarkt zu sichern und auf ein zukunftsfestes Fundament zu stellen. Die britische Regierung hingegen sucht seit bald zwei Jahren nach einem Weg, aus der EU auszutreten und gleichzeitig möglichst viele Vorteile bewahren zu können.

Weit ist Theresa May 18 Monate nach dem Brexit-Referendum und 13 Monate vor dem Austrittsdatum nicht gekommen. Auch weil bisher nicht einmal die Scheidungsmodalitäten geklärt sind. Gut möglich, dass diese Aufgabe am Ende schlicht nicht zu bewältigen ist. Grossbritannien profitiert heute als Teil der EU von über 700 internationalen Abkommen, hat als Mitglied im Club viele Tausende Gesetze und Regeln übernommen.

Kein Modell ab der Stange

Dieses in einer 44-jährigen Beziehung gewachsene Geflecht gilt es, jetzt zu entflechten und neu zu ordnen. London sieht sich dabei ähnlich wie Bern dem Vorwurf des Rosinenpickens ausgesetzt. Die Premierministerin strebt in ihren eigenen Worten nach einer möglichst breiten und tiefen Partnerschaft. Einmal mehr kann man sich fragen, weshalb die Briten austreten sollen, wenn sie von der Chemieagentur über jene für Luftfahrt- oder Lebensmittelsicherheit bis hin zu Euratom überall dabeibleiben wollen.

Für die zukünftige Beziehung mit der EU will Theresa May zwar kein Modell ab der Stange. Vieles von dem, was die Premierministerin sich nun für die Zukunft wünscht, klingt aber für Schweizer Ohren vertraut. Die Briten wollen die Kontrolle über die Gesetzgebung zurück, gleichzeitig soll aber ihr Parlament autonom EU-Standards nachvollziehen, um den Zugang zum Binnenmarkt möglichst weit offenzuhalten. Am Ende wird Grossbritannien doch noch eine zweite Schweiz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2018, 21:41 Uhr

Artikel zum Thema

London will massgeschneiderte Modelle

In ihrer jüngsten Brexit-Rede liefert die britische Premierministerin Theresa May endlich konkrete Vorschläge. Sie möchte EU-ähnliche Regelungen beibehalten. Mehr...

Barnier drückt aufs Tempo

Der Brexit-Chefunterhändler der EU hat einen Entwurf für den Scheidungsvertrag präsentiert. Das engt den Spielraum Londons ein. Mehr...

Den Briten verrottet das Essen

Wegen dem Brexit steckt die britische Landwirtschaft in der Krise. Den Bauern fehlen ausländische Erntehelfer – sie fühlen sich nicht willkommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...