Was Kennedy Trump über Deutschland erzählt hätte

Seit Angela Merkels Bierzelt-Kritik an Donald Trump befinden sich Deutschland und die USA in einer Beziehungskrise. Szenen eines schwierigen Verhältnisses.

Held und Kanzler: John F. Kennedy und Konrad Adenauer in Berlin, 26. Juni 1963. Foto: John Dominis (Life)

Held und Kanzler: John F. Kennedy und Konrad Adenauer in Berlin, 26. Juni 1963. Foto: John Dominis (Life)

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Er ist immer noch einer der beliebtesten Amerikaner in Deutschland, das haben dieser Tage die zahlreichen Beiträge in den Medien zu seinem 100. Geburtstag wieder gezeigt. Selbst die «Fuldaer Zeitung» würdigte John F. Kennedy und werweisste, was gewesen wäre, wenn er länger gelebt hätte. Und was würde JFK wohl zu Donald Trump sagen? Jedenfalls wäre bei keinem anderen US-Präsidenten dessen 100. Geburtstag ein Thema. Bei Kennedy schon: Er ist der Superstar der deutsch-amerikanischen Beziehungen, sein Besuch in West­berlin im Juni 1963 war der Höhepunkt dieser politischen Zweckehe, sein Satz «Ich bin ein Berliner» die Liebeserklärung dazu.

Vom jetzigen US-Präsidenten gibt es bisher keinen solchen Satz, seine Tweets sind zu einem Grundrauschen verflacht, wobei immer mal wieder sein Standardbefund «totales Desaster» aufpoppt. Der Gegensatz zu Kennedy ist immens: Während der 35. Präsident nach dem Bau der Berliner Mauer die deutschen Bündnispartner aufmunterte, scheint dem 45. die transatlantische Allianz egal zu sein. Bei seiner Reise nach Europa stellte er das Bündnis erneut infrage, als er die Nato-Mitglieder abkanzelte und sich weigerte, die Beistandsgarantie zu bestätigen – undenkbar zu Kennedys Zeiten.

Inzwischen hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel reagiert, zwar nur in einem Münchner Bierzelt, Gewicht hatten ihre Worte aber trotzdem. Denn im Gegensatz zu Trump brabbelt Merkel nicht, auch nicht in geselliger Runde. Und was sie sagte, war nicht nur Wahlkampfrhetorik: «Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück weit vorbei.» Vielmehr schwang in diesem Satz Trauer und Ernüchterung mit: Trauer über die zunehmende Distanz zu einem verlässlichen Partner, Ernüchterung, weil «Europa das Schicksal nun selbst in die Hand» nehmen müsse. Im versöhnlichen Teil ihrer Rede betonte die Kanzlerin allerdings, dass dies «in Freundschaft mit den Vereinigten Staaten» geschehen müsse. Merkel hat also nicht die Scheidung eingereicht. Aber sie hat aufgehört, die Krise zwischen Berlin und Washington, die seit der Wahl Donald Trumps besteht, diplomatisch zu verwedeln. Wohlwissend, dass die deutsch-amerikanische Beziehung schon andere Turbulenzen überstanden hat.

Adenauers Befürchtung

Gerade auch während der Kennedy-Jahre, die in Deutschland gerne idealisiert werden. Als sich der junge US-Präsident nach der Kubakrise um eine Entspannung mit der Sowjetunion bemühte, war das dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer gar nicht geheuer. Er befürchtete – zu Recht –, dass die Teilung Deutschlands in Bundesrepublik und DDR permanenten Charakter erhalte. «Nicht die Konfrontation ist gefährlich, sondern gerade die Reduzierung der Konfrontation», schrieb er nach Washington. Sein Misstrauen ging so weit, dass er öffentlich die grosse Frage des Kalten Kriegs stellte, ob die verbündeten Amerikaner im Fall eines sowjetischen Angriffs auch tatsächlich zu Hilfe kämen. Als Kennedy dann vor dem Schöneberger Rathaus Freund und Feind versicherte, Berlin werde als «Insel der Freiheit» auf jeden Fall verteidigt, jubelte eine Million Menschen, dem greisen Kanzler aber blieb der politische Popstar suspekt.

Bildstrecke – Ein Rückblick auf das Leben von US-Präsident John F. Kennedy

Der Anlass für Kennedys Besuch war der 15. Jahrestag der Luftbrücke, mit der die Amerikaner Berlin versorgt hatten, als die Sowjets die Zufahrtswege blockierten. Stalin wollte die westliche Exklave in seinem Imperium aushungern. Vergeblich: Vom Juni 1948 bis zum Mai 1949 brachten die Rosinenbomber im Minutentakt Lebensmittel und Kohle in den belagerten Westteil der Stadt. Es war der erste grosse Liebesbeweis der Amerikaner an die Deutschen, aus Feinden wurden Freunde.

Bis dahin war es eine Beziehung von Siegern und Besiegten gewesen. «Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat», legte die US-Regierung am Ende des Zweiten Weltkriegs fest. General Eisenhower, Oberbefehlshaber in Europa, wurde angewiesen, «Deutschland daran zu hindern, je wieder eine Bedrohung des Weltfriedens zu werden».

Das Besatzungsregime wurde erst gelockert, als sich der Kalte Krieg abzeichnete. Nun setzte Präsident Harry Truman alles daran, die Deutschen, oder zumindest die Westdeutschen, der freien Welt einzuverleiben. Um sie gegen die Verheissungen des Kommunismus zu immunisieren, lancierten die USA den Marshall-Plan, und wie durch ein Wunder begann die Wirtschaft zu blühen. 1949 entstand erstmals in Deutschland eine stabile Demokratie, mit einem Grundgesetz, inspiriert von den Amerikanern, mit freien Medien, gefördert von den Amerikanern, und ab 1955 gar wieder mit Streitkräften, kontrolliert von den Amerikanern.

Schwieriges Zusammentreffen: Donald Trump will Angela Merkel im Büro vor den Fotografen die Hand nicht geben.

So waren es die USA, die Deutschland nach Angriffs- und Vernichtungskrieg, nach Holocaust und Völkermord mit fast 60 Millionen Toten zurückführten in den Kreis der geachteten Nationen. «In die Amerikaner setzten wir grosse Hoffnungen, und wir wurden nicht enttäuscht», erinnerte sich Heinrich August Winkler im Interview mit dem TA. Der renommierte deutsche Historiker war sechs Jahre alt, als der Krieg endete, was er mit seiner Familie «in erster Linie als Befreiung» erlebt habe. Unter der US-Besatzung habe sich Deutschland nach Westen geöffnet, in der amerikanischen Zone wurden die Amerika-Häuser zu kulturellen Zentren. Da habe er Filme gesehen über das Leben in den USA, und eine glänzend geschriebene Geschichte der Vereinigten Staaten habe er sich bis heute aufbewahrt, erzählte der 78-jährige Professor. «Das alles hat sich mir eingeprägt als erste Begegnung mit dem transatlantischen Westen.»

Die Beziehung zwischen Washington und Bonn, der Hauptstadt Westdeutschlands, blieb eine einseitige Sache zwischen gütigem Hegemon und zufriedenem Untertan, beide Seiten profitierten vom Tausch Sicherheit gegen Treue. Die Bande verfestigten sich, sodass die Krisen, die jede Partnerschaft begleiten, die deutsch-amerikanische Ehe nicht gefährdeten. 1966 etwa gerieten Kennedy-Nachfolger Lyndon B. Johnson und Adenauer-Nachfolger Ludwig Erhard aneinander. Wie heute ging es um die Kosten für die US-Militärpräsenz. Oder aber es stimmte einfach die Chemie nicht wie zwischen Jimmy Carter und Helmut Schmidt, die wegen des Nato-Doppelbeschlusses uneinig waren. Auf dem Wirtschaftsgipfel in Venedig 1980 kam es zum Eklat. In seinen Memoiren schrieb Carter, dass er viele harte Auseinandersetzungen erlebt habe. Jene mit Schmidt in Venedig aber sei «die unangenehmste persönliche Begegnung» gewesen.

Umgesetzt haben den Nato-Doppelbeschluss – Aufrüstung im Westen, Verhandlungsangebot an den Osten – die Nachfolger. Die deutsche Friedensbewegung protestierte, vor allem in Richtung Washington, doch Ronald Reagan und Helmut Kohl trugen rückblickend dazu bei, dass der Ost-West-Konflikt friedlich endete. Der US-Präsident reiste wie Kennedy nach Berlin und rief 1987 Michail Gorbatschow vor dem Brandenburger Tor zu: «Reissen Sie diese Mauer nieder!» Das erledigten dann die mutigen Bürger der DDR. Als es aber darum ging, ihr Land wieder zu vereinen, konnten die Deutschen einmal mehr auf ihren Partner zählen.

Bush war sich sicher, dass die Demokratie-Therapie gewirkt hat.

Präsident George H. W. Bush wurde zum Paten der Wiedervereinigung. Er überzeugte François Mitterrand und Margaret Thatcher, die befürchteten, der ehemalige Kriegsgegner habe wieder Grossmachtfantasien. Bush war sich hingegen sicher, dass die amerikanische Demokratie-Therapie gewirkt hatte, und gratulierte am 3. Oktober 1990: «Endlich ist der Tag gekommen. Deutschland ist vereinigt. Die Vereinigten Staaten sind stolz darauf, gemeinsam mit Ihnen das Fundament der Freiheit gelegt zu haben, und stolz, beim Streben nach einem ungeteilten, freien Deutschland ein verlässlicher Partner gewesen zu sein.» Helmut Kohl dankte und spendete Geld für Operation Desert Storm, mit der die Amerikaner 1990/91 die Truppen von Saddam Hussein aus Kuwait vertrieben.

Mit der Wende von 1989 wurde die Bundesrepublik Deutschland erwachsen. Man war zwar weiterhin nicht auf Augenhöhe mit den USA, wer ist das schon, aber immerhin auf Nasenhöhe. Das zeigte sich erstmals, als sich Kanzler Gerhard Schröder 2002 weigerte, bei George W. Bushs «Koalition der Willigen» mitzumachen, die in den Irakkrieg zog. Eine Entscheidung, die sich längst als weise erwiesen hat. Auch damals war Wahlkampf in Deutschland, Schröder war auf einem Marktplatz aufgetreten und hatte die grösste deutsch-amerikanische Beziehungskrise seit 1945 ausgelöst.

Angela Merkel, während des Irakkriegs in der Opposition, liess es sich nicht nehmen, in der «Washington Post» Schröders Entscheid zu kritisieren und für den Angriff zu votieren. Ein einzigartiger Vorgang, der «Spiegel» schrieb von einem «handfesten Eklat» in der deutschen Aussenpolitik. Nachdem Merkel 2005 Kanzlerin geworden war, lud sie Bush Junior zum Grillfest in Trinwillershagen bei Stralsund ein. Es gab Wildschweinbraten und schöne Bilder, die der Welt zeigen sollten, dass die politische Ehe wieder intakt war. Was nicht gelang: George W. Bush blieb einer der unbeliebtesten US-Präsidenten. Bis dahin.

Obama, der Erlöser

Umso mehr feierten die Deutschen Barack Obama wie einen Erlöser. Er kam bereits als Wahlkämpfer 2008 nach Berlin und sprach vor 200'000 Fans. ­Allerdings vor der Siegessäule. Merkel hatte ihm einen Auftritt vor dem symbolträchtigen Brandenburger Tor verwehrt, das bleibe Präsidenten vorbehalten. Überhaupt fremdelte die Kanzlerin; die nüchterne Merkel konnte mit der messianischen Überhöhung Obamas nicht viel anfangen. Dann aber erlag auch die Kanzlerin dem Charisma des ersten schwarzen US-Präsidenten, er nannte sie eine «starke Visionärin» und verlieh ihr 2011 die Medal of Freedom, die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung Amerikas.

Als herauskam, dass der US-Geheimdienst NSA Merkels Mobiltelefon abgehört hatte, war es mit den Nettigkeiten wieder vorbei. Die Spionageaffäre wurde jedoch unter die dicken Teppiche im Weissen Haus und im Kanzleramt gekehrt, man raufte sich zusammen, und Obama bekam bei seinem ­ersten offiziellen Staatsbesuch in Berlin 2013 den erwünschten Auftritt vor dem Brandenburger Tor. Dabei erinnerte er natürlich an sein Idol, das 50 Jahre zuvor an der Mauer stand: «Wenn wir den Blick heben, wie Präsident Kennedy uns ermahnte, werden wir feststellen, dass unsere Arbeit noch nicht getan ist. Wir sind nicht nur Bürger der Vereinigten Staaten oder Deutschlands, wir sind auch Weltbürger. Und unser Schicksal, unsere Zukunft sind enger miteinander verknüpft denn je.»

Bildstrecke – Obama besucht Merkel

Es war der Beginn einer tiefen Freundschaft zwischen Obama und Merkel, man hielt in der Ukraine­krise zusammen gegen Putin, er überschüttete sie mit Lob für ihre Flüchtlingspolitik. Nach Trumps Wahl reiste Nochpräsident Obama ein letztes Mal nach Berlin zu seiner wichtigsten aussenpolitischen Partnerin, wie er die Kanzlerin inzwischen bezeichnete. Er fürchtete um sein Erbe und hoffte auf Beistand. Es gab keinen grossen Auftritt mehr, dafür ein privates Abendessen mit der Kanzlerin im Hotel Adlon. Was beim Tête-à-Tête gesprochen wurde, ist nicht bekannt, aber man ahnt: Das Thema konnte nur Trump sein.

Es scheint, als habe auch Barack Obama nach der Wahl Donald Trumps jene Notiz gefunden, die John F. Kennedy im Weissen Haus hinterlegen wollte. Bevor JFK nach seinem triumphalen Besuch von Berlin-Tegel abflog, sagte er zum Abschied, er werde einen Brief für seine Nachfolger zurücklassen mit dem Hinweis, man solle ihn erst öffnen, wenn man in Schwierigkeiten stecke. Darin werde sich ein Zettel mit drei Worten befinden: «Geh nach Deutschland.»

Der jetzige amerikanische Präsident wird diesen Rat kaum befolgen. Er fühlt sich bei den Säbel schwingenden Saudis offenbar wohler, wie seine erste Auslandreise gezeigt hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2017, 09:11 Uhr

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