Sturmwarnung für Lichtgestalt der deutschen Grünen

In Freiburg wurde der grüne Langzeit-Bürgermeister abgewählt. Beginnt jetzt der Abstieg der Grünen in Baden-Württemberg?

Wahlniederlage in Freiburg im Breisgau: Der abgewählte Bürgermeister Dieter Salomon (links) bei einem Auftritt mit Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Lichtgestalt der Grünen Deutschlands.

Wahlniederlage in Freiburg im Breisgau: Der abgewählte Bürgermeister Dieter Salomon (links) bei einem Auftritt mit Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Lichtgestalt der Grünen Deutschlands. Bild: Keystone

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Wer will schon 24 Jahre lang vom selben Bürgermeister regiert werden? Die Aussicht auf eine dritte Amtszeit von Dieter Salomon hat im badischen Freiburg offenkundig viele Bürger verschreckt. All seine Verdienste nützten dem einstigen Überflieger und «Sonnenkönig» am Ende nichts mehr. Unter Salomon war die Stadt mit 230'000 Einwohnern, keine Autostunde nördlich von Basel, in den vergangenen 16 Jahren zu einer Hochburg grünen Lebensgefühls und einer der beliebtesten Städte Deutschlands avanciert, mit ökologischen Vorzeigevierteln, vielen Studenten, viel Kultur.

Bei seiner Wahl 2002 war Salomon der erste grüne Oberbürgermeister einer deutschen Grossstadt gewesen. Sein Sieg leitete den Aufstieg der baden-württembergischen Grünen zu einer Art neuen Volkspartei ein, der 2011 im Wahlsieg Winfried Kretschmanns in Stuttgart gipfelte. Kretschmann regierte als erster grüner Politiker ein Bundesland, 2011 zunächst mit den Sozialdemokraten. 2016 wiederholte er seinen Triumph und verzwergte wie nebenbei die einstmals unbesiegbaren Christdemokraten zum neuen Juniorpartner. Kretschmann verbindet wie Salomon ökologisches Bewusstsein mit eher konservativen Werten und einem ausgeprägten Sinn für das politisch Machbare.

Fulminanter Wahlkampf eines Neulings

Mit Salomons Abwahl ist der scheinbar unaufhaltsame Höhenflug der schwarz angehauchten Grünen in Baden-Württemberg nun erstmals abrupt gebremst worden. Der Platzhirsch wurde nicht nur entthront, sondern von einem blutigen Neuling richtiggehend deklassiert. Sein Bezwinger Martin Horn ist 33 Jahre jung, Sohn eines evangelischen Pfarrers, ein Sozialwissenschaftler, der bei der Stadt Sindelfingen arbeitet. Noch Anfang des Jahres war er in Freiburg vollkommen unbekannt.

Horn wurde von den Sozialdemokraten unterstützt, gehört aber selbst keiner Partei an – und hat vorerst auch keine Absicht, etwas daran zu ändern. Obwohl ihm in der Politik jede Erfahrung abging, legte er auf Anhieb einen fulminanten Wahlkampf hin. Seine jugendliche Frische und seine Art, den Bürgern zuzuhören, überzeugte viele. Sein Thema war das wichtigste Thema der Freiburger: die Wohnungsnot, der er mit einer stärker sozial ausgerichteten Baupolitik Abhilfe zu schaffen versprach.

Im zweiten Wahlgang erreichte Horn am Sonntag sensationelle 44 Prozent der Stimmen, während Salomon bloss auf 30 Prozent kam. Horns Sieg war getrübt dadurch, dass ihn inmitten des Gratulationsreigens ein psychisch kranker Mann mit der Faust niederschlug und ihm die Nase brach. Er verlor auch einen Zahn, eine Wunde unter dem Auge musste genäht werden. Der Angreifer wurde verhaftet. Horn liess sich verarzten – und feierte danach einfach weiter.

Nach dem Wahlsieg attackiert: Martin Horn, neuer Bürgermeister von Freiburg, hält sich einen Eisbeutel ans Gesicht. Foto: Keystone

Salomon hatte im Wahlkampf nie zu verdeutlichen gewusst, was er in noch einmal acht Jahren Regierung erreichen möchte. Die Nähe zu den Bürgern seiner Stadt war ihm offenkundig abhandengekommen. Er unterschätzte nicht nur seine Gegner, sondern auch den Unmut, der sich im links-grünen Milieu der Stadt gegen seinen unideologischen Managerstil aufgebaut hatte. «Ich gehe jetzt in Ruhestand», sagte der sichtlich erschütterte 57-Jährige am Wahlabend. Dabei war er zuletzt noch als möglicher Nachfolger des bald 70-jährigen Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg gehandelt worden.

Grün-schwarze Koalition in der Krise

Salomons Abwahl ist auch für Kretschmann ein Warnsignal. Dessen grün-schwarze Koalition in Stuttgart steckt seit Wochen in der Krise. Die CDU hat ihre Wahlniederlage immer noch nicht verkraftet, ist innerlich zerrissen und piesackt die Grünen, wo sie nur kann. Die 2016 abgestürzten Sozialdemokraten wollen die CDU zusammen mit der FDP in eine «Deutschland»-Koalition locken, um Kretschmann zu stürzen.

In dessen eigener Partei grummelt es derweil auch immer vernehmlicher: Eine starke Minderheit opponiert gegen Kretschmanns Kurs und Stil, den viele jüngere Grüne als zu wenig links und zu wenig grün empfinden. Der alte Patriarch täte gut daran, diese Stimmen nicht zu ignorieren wie sein Freund Dieter Salomon. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 13:32 Uhr

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