Starkes Votum für Giuseppe Conte

Die User der Cinque Stelle haben dem Bündnis mit den Sozialdemokraten zugestimmt. Der alte Premier wird der neue.

Mit zwei Tässchen zu fünf Sternen: Der designierte Premierminister Giuseppe Conte am Montag in Rom. Foto: EPA

Mit zwei Tässchen zu fünf Sternen: Der designierte Premierminister Giuseppe Conte am Montag in Rom. Foto: EPA

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Im Nachhinein wird man dann einmal den Kopf schütteln, ganz bestimmt. Italien erlebt in diesem Sommer 2019 ein politisches Drama, das sich ganz gut eignen würde für eine dieser Fernsehserien. Alles wirkt wie nach einem Skript: die barocken Figuren, die Szenen, die immer neuen Wendungen. Heroen fallen, vermeintliche Loser beginnen plötzlich zu glänzen.

Als dann endlich alles entschieden zu sein schien, wartete das routinierte, zuweilen belustigte und öfter noch verwunderte Publikum einen vollen Dienstag lang gebannt auf das Verdikt von einigen Zehntausend Italienern, die auf einer mysteriösen Onlineplattform namens Rousseau Ja oder Nein sagen sollten zu einer neuen Koalitionsregierung aus zwei früheren Rivalen: den ideologisch schwer verortbaren Cinque Stelle und dem sozialdemokratischen Partito Democratico.

Sie sagten Ja, ziemlich deutlich sogar: 79 Prozent. Da auf Rousseau ein Mausklick genügt, erfuhr man das Ergebnis schon eineinhalb Stunden nach Abschluss der Abstimmung am Dienstagabend. Teilgenommen haben 78000 User, ein neuer Rekordwert.

Bis Di Maio nachgab

Über den Ausgang war im Vorfeld heftig gerätselt worden, und das allein war ungewöhnlich. Normalerweise ist allen Teilnehmenden klar, wie die Spitze der Cinque Stelle die Angelegenheit sieht, und sie folgen deren Linie. Diesmal nicht. Nicht alle Spitzenleute warben gleich enthusiastisch für das neue Bündnis, manche waren gar offen dagegen.

Etwa Alessandro Di Battista, der Popstar der Bewegung, der sich gerne als eine Art römischer Che Guevara geriert. «Dibba», wie sie ihn nennen, kann nur gewinnen, wenn es bald Neuwahlen gibt: Die jüngsten Parlamentswahlen hatte er ausgelassen, er nahm auch keinen Ministerposten an und reiste stattdessen mit seiner jungen Familie durch Südamerika.

Entweder mit Conte oder gar nicht, liessen sie die Sozialdemokraten schon ganz zu Beginn der Gespräche wissen.

Eher lauwarm war auch Luigi Di Maio, der politische Chef der Partei und bisherige Vizepremier, und auch das verwundert nicht: Als ehemaligem Alliierten von Matteo Salvini von der Lega wird ihm angelastet, die Seele der Sterne der Ultrarechten verkauft und die Stimmen in einem Jahr halbiert zu haben. Di Maio kämpfte bis zuletzt darum, auch im geplanten Kabinett «Conte II», benannt nach dem alten und vielleicht auch neuen Regierungschef Giuseppe Conte, Vize des Premiers zu bleiben.

Tagelang spielte er mit den Nerven aller Beteiligten, setzte Ultimaten und forderte immer noch mehr Konzessionspunkte vom neuen Koalitionspartner. Bis Beppe Grillo einschritt. Der Gründer und «Garant» der Bewegung soll den jungen Neapolitaner in einer Monumentalzurechtweisung dazu gedrängt haben, seine Spielchen um Posten, Punkte und Macht aufzugeben.

Unterdessen hatte nämlich der Partito Democratico seinerseits auf die Benennung eines eigenen Vizepremiers verzichtet. Di Maio fehlte nun jede Verhandlungsbasis, um selbst Vize zu bleiben. Für ihn soll nun das Verteidigungsministerium frei gemacht werden. In einem Video erklärte er der Basis, dieses ganze Gerede über seine persönlichen Ambitionen sei erfunden. Ihm sei nur wichtig gewesen, dass die Cinque Stelle in der Regierung Giuseppe Contes, der «super partes» sei, eine adäquate Vertretung stelle. Dass Conte über den Parteien schwebt, wie Di Maio behauptet, ist natürlich eine etwas sonderbare Deutung: Die Sterne hatten den Rechtsp­rofessor ja vorgeschlagen – und zwar ultimativ: Entweder mit Conte oder gar nicht, liessen sie die Sozialdemokraten schon ganz zu Beginn der Gespräche wissen.

Salvinis Komplott-Theorie

Conte selbst gefällt sich auch in dieser Rolle. Sie ermöglicht es dem neuen Liebling der Italiener, alle bei Laune zu halten. Auch Conte drehte ein Video, er wandte sich darin hauptsächlich an die User auf Rousseau. Es sei ihm bewusst, dass viele «perplex» seien ob der Entwicklungen der vergangenen Wochen. Doch sei es nun Zeit, die Zweifel abzulegen, man habe nun nämlich eine einmalige Chance, Italien zu verändern. «Legen wir unsere Träume nicht in die Schublade», sagte Conte in der zentralen Passage seiner Eigenwerbung. Der Satz brachte ihm viel Zustimmung und auch etlichen Spott ein. Manche erinnerten sich an einen anderen euphorischen Satz Contes, es ist gar nicht lange her. In den Neujahrswünschen für 2019 sagte er: «Das wird ein wunderschönes Jahr werden.» Un anno bellissimo. Damals regierte er noch mit der Lega.

Matteo Salvini hält Conte nun für eine «Marionette von Merkel und Macron», einen «Usurpator der Macht», einen «Wendehals». Im Senat, erzählt die Lega herum, seien neun Sterne bereit, bei der Vertrauensabstimmung gegen Conte zu stimmen. Und da im Senat die Mehrheitsverhältnisse äusserst knapp sind, könnte es auch dann noch eine dramatische Wendung geben. Sehr wahrscheinlich ist das Szenario nicht, aber bei dem Plot dieser Sommerserie scheint nichts nie ganz ausgeschlossen zu sein.

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