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Giftattacke auf Ex-Spion: Polizei und MI5 verfolgen Russen-Spur

Offiziell weiss in London noch niemand, was dem Ex-Spion Sergei Skripal widerfahren ist. Doch Aussenminister Boris Johnson hat Moskau bereits gewarnt.

Alexander Menden, London
Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt.
Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt.
ITN/AP, Keystone
Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall.
Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall.
AFP
2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergej Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin
2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergej Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin
AFP
Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden.
Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden.
AFP
Hier werden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild)
Hier werden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild)
AFP
Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab.
Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab.
AFP
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Das Paar auf der Bank im Maltings Shopping Centre benahm sich reichlich merkwürdig. So, «als hätten sie etwas ziemlich Starkes eingenommen», sagt Freya Church. Die Frau war am vergangenen Sonntagnachmittag im Einkaufszentrum von Salisbury im Süden Englands unterwegs, als ihr der ältere Mann und seine deutlich jüngere Begleiterin auffielen. «Sie lehnte sich an ihn. Es sah aus, als sei sie ohnmächtig», zitieren britische Zeitungen die einzige Zeugin. «Er machte seltsame Handbewegungen und blickte nach oben. Ich wusste nicht, ob ich etwas tun sollte. Ich dachte, sie seien einfach Obdachlose, die etwas geschluckt hätten.»

Ob die beiden etwas zu sich genommen hatten, was ihnen offenkundig nicht guttat – und wenn ja, was –, das versuchen seither die britischen Behörden herauszufinden. Nachdem der rasch herbeigerufene Rettungsdienst das Paar ins Salisbury District Hospital gebracht hatte, wurde als erste Diagnose bekannt gegeben, dass sie vermutlich einer «bisher noch nicht identifizierten Substanz ausgesetzt» gewesen seien.

War der Vorfall schon eigenartig genug, bekam er wenig später eine hochpolitische Dimension: Denn bald stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um Sergei Wiktorowitsch Skripal und seine Tochter Julia handelte. Skripal war einst russischer Spion – im Sold des britischen Geheimdiensts MI6.

Nach der mysteriösen Vergiftung ist am Mittwochmorgen der Sicherheitsrat der britischen Regierung zu einer Sondersitzung zusammengetreten. Das sogenannte Cobra-Komittee wolle unter dem Vorsitz von Innenministerin Amber Rudd den aktuellen Stand der Ermittlungen erörtern, verlautete es in der Nacht aus der Downing Street. Bereits zuvor kündigte Aussenminister Boris Johnson eine «angemessene und robuste Reaktion» an, falls sich der Verdacht auf eine Rolle Moskaus in der Erkrankung der zwei Opfer erhärten sollte. Noch gebe es zwar keine Beweise, dass Russland die Hand im Spiel habe, doch der Fall erinnere an den Giftmordanschlag auf den Ex-Spion und Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko im Jahr 2006.

Die «Times» berichtet derweil, dass die Polizei und der Inlandgeheimdienst MI5 den Fall nach ersten Erkenntnissen als einen staatlichen Mordanschlagsversuch behandeln. Spezifisch würden die Ermittler davon ausgehen, dass Verbindungen zu Russland bestünden, so die Zeitung.

Ausgetauscht gegen Chapman

Der heute 66-jährige Skripal war Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Im Jahre 2006 war er beschuldigt worden, in den 1990er-Jahren russische Geheimagenten in Europa an den MI 6 verraten zu haben. 100'000 US-Dollar soll er dafür erhalten haben. Skripal wurde zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt.

2010 aber begnadigte ihn der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew. Mit drei weiteren Gefangenen wurde er gegen zehn russische Spione ausgetauscht, die das FBI in den USA verhaftet hatte, unter ihnen auch Anna Chapman, die von den Medien als «glamouröseste Geheimagentin Russlands» bezeichnet wurde. Skripal wurde umgehend ins Vereinigte Königreich ausgeflogen, von den britischen Geheimdiensten verhört und bekam dann, wie sich nun zeigt, einen neuen Wohnsitz in der Grafschaft Wiltshire zugewiesen.

Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt.
Der Ex-Spion Sergej Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt.
ITN/AP, Keystone
Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall.
Der britische Aussenminister Boris Johnson sprach von einem «beunruhigenden» Vorfall.
AFP
2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergej Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin
2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergej Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin
AFP
Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden.
Abgesperrter Tatort: Skripal wurde auf einer Parkbank vor einem Einkaufszentrum gefunden.
AFP
Hier werden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild)
Hier werden die beiden Vergifteten behandelt: Spital von Salisbury. (Archivbild)
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Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab.
Vorsichtsmassnahme: Die Polizei sperrte das Gebiet um den Tatort für die Öffentlichkeit ab.
AFP
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Am Sonntagabend war sein Haus in Salisbury von der Polizei abgeriegelt, ebenso ein italienisches Restaurant, in dem er und seine Tochter wohl zu Mittag gegessen hatten. Die Polizei veröffentlichte Bilder einer Sicherheitskamera, die einen Mann und eine Frau zeigen, welche kurz zuvor an der fraglichen Bank vorbeigegangen waren. Es handele sich um einen «sehr ungewöhnlichen Fall», sagte der stellvertretende Chef der Londoner Metropolitan Police und Leiter der britischen Anti-Terror-Behörde, Mark Rowley, am Dienstag. «Wenn man andere Fälle wie den von Alexander Litwinenko betrachtet, ist es denkbar, dass wir auch Anti-Terror-Einheiten in die Untersuchung einbeziehen.» Wenig später übernahm die Anti-Terror-Einheit der Londoner Polizei gleich die gesamten Ermittlungen, wie der «Guardian» berichtet.

Tatsächlich sind die Parallelen zur Ermordung Litwinenkos 2006 unübersehbar. Der Geheimdienstmann leitete die Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität beim KGB. Als er mit seinen Ermittlungsergebnissen über die Mafia bei Wladimir Putin kein Gehör fand, wandelte er sich zum Gegner des Präsidenten und floh nach Grossbritannien. Dort informierte er europäische Ermittler über die Tätigkeit der russischen Mafia in Europa, deren Spuren an die Spitze des russischen Staates führten. Am 3. November 2006 wurde er mit Erbrechen und Atembeschwerden in ein Londoner Hospital eingeliefert. Kurz vor seinem Tod wenige Wochen später stellte sich heraus, dass er mit radioaktivem Polonium vergiftet worden war.

Die diplomatische Dauerkrise zwischen London und Moskau, hat neue Nahrung erhalten.

Scotland Yard forderte damals die Auslieferung des ehemaligen KGB- und FSB-Mitarbeiters Andrei Lugowoi. Die Briten verdächtigten ihn, bei einem Treffen das Polonium in Litwinenkos Tee gemischt zu haben. Die Russen lehnten unter Verweis auf die parlamentarische Immunität des Duma-Abgeordneten Lugowoi ab. Die Folge war eine diplomatische Dauerkrise zwischen London und Moskau, die bis heute anhält. Gerade erst hat sie durch sich mehrende Hinweise auf den Einsatz russischer Twitter-Bots in der Anti-EU-Kampagne vor dem Brexit-Referendum neue Nahrung erhalten.

Tatsächlich gibt es Spionagegeschichten voller schillernder Details, die beide Länder verbinden oder, wohl besser gesagt, trennen. So lieferten sowjetische KGB-Agenten die Giftkapsel, mit der die Kollegen vom bulgarischen Geheimdienst den Dissidenten Georgi Markow ermordeten: durch einen Stich mit einem präparierten Regenschirm mitten auf der Londoner Waterloo Bridge. 1978 war das.

Philby und die «Cambridge Five»

Der wohl berühmteste Fall während des Kalten Krieges war aber die Enttarnung des russischen Spionagerings der «Cambridge Five» um den MI-6-Offizier Kim Philby. Der Spionagering war nach der Universitätsstadt benannt, in der dessen Mitglieder alle studiert hatten. Sie waren wohl während des Studiums in den 1930er-Jahren rekrutiert worden und versorgten die Sowjets im Zweiten Weltkrieg und danach mit Informationen. Philby lieferte bis 1963, ehe er von Beirut aus nach Moskau floh.

Der britische Schriftsteller Graham Greene war mit ihm befreundet. Der Fall inspirierte John le Carré zu seinem Spionagethriller «Dame, König, As, Spion». In einem Interview mit der «New York Times» sagte le Carré jüngst: «Die Mentalität, die Russland heute bestimmt, unterscheidet sich, was Putin angeht, absolut nicht von der, die die exotischsten Verschwörungen des Kalten Krieges motivierte.» In Grossbritannien glauben die meisten Kommentatoren, dass Skripal ein weiteres Opfer ebendieser Mentalität geworden ist. Er und seine Tochter sind weiterhin in kritischem Zustand.

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