Spaniens verlorene Illusion

Das Attentat trifft ein Land, das stolz war auf seine Erfolge im Kampf gegen die islamistische Gefahr.

Spanien hat seinen Sicherheitsapparat seit 2004 stark ausgebaut. Foto: Keystone

Spanien hat seinen Sicherheitsapparat seit 2004 stark ausgebaut. Foto: Keystone

Sandro Benini@BeniniSandro

Im Nachhinein lässt es sich immer leicht behaupten, aber wahr ist es trotzdem: Das Attentat von Barcelona war absehbar. Laut spanischen Medien haben die Geheimdienste in ihren Berichten zuhanden der Regierung eindringlich vor einem bevorstehenden islamistischen Anschlag gewarnt. In den sozialen Netzwerken und Agenturen, über welche die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ihre Propaganda verbreitet, mehrten sich die Drohungen, und der Ton wurde immer drastischer. 2016 stiessen der IS und die Terrororganisation «al-Qaida des islamischen Maghreb» doppelt so viele Kriegserklärungen gegen Spanien aus wie im Jahr zuvor.

In den Augen der Jihadisten sind grosse Teile der Iberischen Halbinsel heiliges Land, geraubt und widerrechtlich besetzt von Ungläubigen. In einem Tweet haben Jihadisten vor zwei Wochen die «Rückeroberung von al-Andalus» beschworen, jenem islamischen Reich auf der Iberischen Halbinsel, das zwischen 711 und 1492 Bestand hatte und in dem die arabische Kultur einige ihrer eindrücklichsten ökonomischen und kulturellen Blütezeiten erlebte. «Eine Attacke steht unmittelbar bevor», hiess es in dem Jihadisten-Tweet. Ein Journalist der Tageszeitung «El País» behauptet, die Angst vor einem Anschlag sei bei Sicherheitsexperten und Mitarbeitern der Geheimdienste so gross gewesen, dass viele Medien nur zurückhaltend darüber berichtet hätten. «Wir wollten die Bürger nicht alarmieren», schreibt er.

Zehn Bomben in vier Zügen

Im Sommer 2015 hatte Spanien die Terrorwarnstufe auf vier erhöht, bei einer Skala von eins bis fünf. Dennoch hoffte die Öffentlichkeit, dieses Mal vom islamistischen Terror verschont zu bleiben, der immer mehr europäische Länder heimsuchte – und der am 11. März 2004 in ­Madrid mehr Opfer gefordert hatte als je zuvor in Spanien und anderen EU-Ländern. Damals explodierten in vier Zügen fast gleichzeitig zehn Bomben, die 192 Menschen töteten und über 2000 verletzten.

Nach dem Massaker von Madrid verstärkte Spaniens Regierung beständig die Sicherheitsvorkehrungen. Die Zahl der auf Terrorbekämpfung spezialisierten Geheimdienstmitarbeiter wurde von 150 auf über 3000 erhöht, die Zusammenarbeit zwischen Polizeieinheiten ­sowie zwischen Ordnungskräften und Justiz verbessert. Verstärkt wurde auch die Kooperation mit den Behörden der Maghreb-Staaten, besonders mit den marokkanischen. Spanien war nicht nur stolz auf Fahndungserfolge, sondern auch darauf, dass sie ohne die einschneidenden Beschränkungen ziviler Rechte zustande kamen, die George W. Bush in den USA nach den Attentaten vom 11. September 2001 durchgesetzt hatte.

Regelmässig berichteten spanische Medien von vereitelten Attentatsplänen und verhafteten Terroristen. Im Jahre 2012 hatten die Ordnungskräfte laut der nationalen Sicherheitsbehörde acht grosse Operationen gegen mutmassliche Islamisten durchgeführt, vergangenes Jahr waren es 36. Noch vor wenigen ­Wochen sagte Manuel González, ein auf Jihadismusbekämpfung spezialisierter Offizier der spanischen Armee: «Die muslimische Gemeinschaft ist bei uns sozial besser integriert als in anderen europäischen Ländern. Ausserdem sind unsere Sicherheitskräfte dank des Kampfes gegen die baskische Terrororganisation ETA und dank der Massnahmen, die nach dem Attentat von Madrid getroffen wurden, viel erfahrener.»

Die Gefahr wächst

Der Anschlag in Barcelona hat in Spanien viele Illusionen zerstört. Alle Bemühungen um Sicherheit und Terrorabwehr konnten nicht verhindern, dass islamistische Extremisten gerade in der Region Katalonien aktiver und enger vernetzt sind als irgendwo sonst in Spanien, ja vielleicht in ganz Europa. Bereits weisen Kritiker auf Unterlassungssünden der Behörden hin, und sie bemängeln, dass die Zusammenarbeit zwischen regionaler und nationaler Polizei im Zuge der katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen schwer beeinträchtigt war. Bloss ist es nahezu unmöglich zu verhindern, dass ein islamistischer Fanatiker mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge rast.

Nach einem Expertenbericht zuhanden der EU-Kommission dürfte die Gefahr terroristischer Anschläge in Europa noch wachsen. Weil der Islamische Staat in Syrien und im Irak beständig Territorium verliert, kehren gegenwärtig laut dem Bericht zwischen 1200 und 3000 europäische Jihadisten in ihre Heimatländer zurück. Die meisten seien Frauen und Kinder. Es bestehe aber das Risiko, dass sich zahlreiche Rückkehrer für die militärische Niederlage des Terrorkalifats rächen wollen.

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