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«Sie behandelten mich wie einen Kriminellen»

Der Partner von Enthüllungsjournalist Glen Greenwald berichtet, was er bei seinem Verhör in London Heathrow erlebte. Offenbar reichte er nun eine Zivilklage ein.

Leben in Brasilien in einer eingetragenen Partnerschaft: Glenn Greenwald (r.) holt David Miranda vom Flughafen Heathrow ab. (19. August 2013)
Leben in Brasilien in einer eingetragenen Partnerschaft: Glenn Greenwald (r.) holt David Miranda vom Flughafen Heathrow ab. (19. August 2013)
Keystone

Nach den spektakulären Enthüllungen des Journalisten Glenn Greenwald in der NSA-Affäre hat die britische Polizei dessen Lebensgefährten ins Visier genommen: Der 28-jährige Brasilianer David Miranda wurde bei einem Zwischenstopp in London-Heathrow neun Stunden lang verhört. Daten wurden beschlagnahmt. In Grossbritannien entfachte dies eine innenpolitische Debatte.

Greenwald selbst sprach von einem Angriff auf die Pressefreiheit. Doch werde dies weitere Enthüllungen nicht stoppen. Sein Partner reichte mittlerweile eine Zivilklage wegen des Verhörs ein, so «Guardian»-Chefredakteur Alan Rusbridger.

USA weisen Beteiligung von sich

Der für den britischen «Guardian» tätige US-Bürger Greenwald setzt die amerikanischen und britischen Geheimdienste seit Wochen mit Berichten über ihre geheimen Spähprogramme unter Druck. Quelle dafür ist der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, den die USA vor Gericht stellen wollen und der inzwischen in Russland Asyl geniesst. Greenwald lebt mit Miranda in Rio de Janeiro in eingetragener Lebenspartnerschaft.

Die US-Regierung wies jegliche Beteiligung an dem Vorfall in London von sich. «Die Vereinigten Staaten sind (...) nicht involviert», sagte der Sprecher des Weissen Hauses, Josh Earnest, am Montag in Washington.

«Sie stellten mir Fragen über alles»

Miranda befand sich nach Greenwalds Angaben am Sonntag auf dem Rückweg von Deutschland in sein Heimatland und musste in Heathrow umsteigen. In Grossbritannien gilt ein Anti-Terror-Gesetz, nach dem Reisende an den Grenzen gestoppt und bis zu neun Stunden lang befragt werden können. Die Londoner Polizei bestätigte, dass sie einen 28-jährigen Mann um 8.05 Uhr festgenommen und um 17 Uhr wieder entlassen habe – also fast genau neun Stunden später.

Miranda berichtete Reportern nach seiner Rückkehr nach Rio, er sei zwar nicht bedroht, aber stundenlang befragt worden. «Sie stellten mir Fragen über mein gesamtes Leben, über alles», sagte er. «Sie nahmen mir Computer, Videospiel, Mobiltelefon, Speichersticks, alles.» Er sei massiv unter Druck gesetzt worden und habe seine Passwörter preisgeben müssen. Die Polizisten hätten ihm damit gedroht, ihn ins Gefängnis zu stecken, «falls ich nicht kooperiere». Sie hätten ihm zwar ein Glas Wasser angeboten, doch das habe er abgelehnt, «aus Misstrauen». Nach acht Stunden Verhör bekam Miranda dann eine Cola aus einem öffentlichen Automaten. «Sie behandelten mich wie einen Kriminellen, es war frustrierend.»

«Sie versuchen offensichtlich, Glenn einzuschüchtern»

Der Labour-Abgeordnete und Innenexperte Keith Vaz verlangte Aufklärung. Schnell müsse man «alle Fakten auf den Tisch bekommen», sagte Vaz in der BBC. Zuvor hatte die brasilianische Regierung beklagt, dass Anti-Terror-Gesetzgebung gegen Miranda verwendet wurde, obwohl es keine Terrorvorwürfe gegen ihn gebe. Vaz sagte: «Deshalb muss dies geklärt werden, und zwar schnell.»

Ein Sprecher von Premierminister David Cameron gab sich zurückhaltend. Die entsprechende Vorschrift im Anti-Terror-Gesetz sei ein wichtiger Teil der Sicherheitsgesetzgebung. Die Polizei habe einzuschätzen, «wann es nötig und verhältnismässig ist, diese Möglichkeiten einzusetzen», erklärte er.

Der Zwischenfall nährte die mit der NSA-Affäre entfachte Debatte über die Freiheit von Reportern bei der Recherche. Der Labour-Abgeordnete Tom Watson sagte: «Sie versuchen ganz offensichtlich, Glenn Greenwald einzuschüchtern - und das ist ein Angriff auf den Journalismus.» Das sieht Greenwald selbst genauso. Es sei «schlicht despotisch», die Angehörigen von Reportern festzuhalten.

Noch Informationen im Köcher

Falls die Behörden damit weitere Berichterstattung abwürgen wollten, hätten sie sich getäuscht: «Es wird uns noch mehr anspornen.» Stunden später gab er sich in einer Erklärung noch kämpferischer: «Ich glaube, sie werden noch bereuen, was sie getan haben.» Auch über die britische Spionage habe er noch Informationen im Köcher.

Miranda hatte nach Greenwalds Darstellung in Berlin bei der US-Filmemacherin Laura Poitras gewohnt, die an der NSA-Story mitarbeitet. Der «Guardian» erklärte, Miranda sei zwar kein Angestellter der Zeitung, doch habe diese seine Flüge bezahlt. «Als Glenn Greenwalds Partner hilft er ihm oft bei seiner Arbeit», hiess es in der Mitteilung. Eine Erstattung von Auslagen solcher Helfer sei normal.

AP/sda/chk

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