Selfies und Bomben-Fotos an den IS

R. A. tötete im April 2017 in Stockholm fünf Passanten mit einem LKW. Er wollte noch grösseren Schaden anrichten.

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Er wollte Schrecken verbreiten und möglichst viele Menschen umbringen. R. A. (Name der Redaktion bekannt) hat das bereits gestanden. An diesem Dienstag beginnt in Stockholm der Prozess gegen ihn. Der Mann aus Usbekistan war im April vergangenen Jahres mit einem gestohlenen Lastwagen durch die Stockholmer Innenstadt gerast, tötete dabei fünf Passanten und verletzte zehn weitere.

Die Anklageschrift zeigt nun, dass er noch grösseren Schaden anrichten wollte: Er hatte einen Sprengsatz im LKW verstaut. Staatsanwalt Hans Ihrman sagte vor dem Prozess, er wolle dafür sorgen, dass A. sich niemals wieder frei in Schweden bewegen könne.

Radikalisierung bereits Monate vor der Tat

Im Prozess wird es nun zu einem grossen Teil um die Motive des Angeklagten gehen. Wie viel hat er im Voraus geplant, wie viel war Verzweiflungstat? Aus dem 9000 Seiten langen Untersuchungsbericht geht hervor, dass sich der 39-Jährige bereits Monate vor der Tat radikalisiert hat.

Die Ermittler fanden verschiedene Zugänge zu Online-Chats. Darüber soll er Kontakt zu mehreren Personen mit Verbindung zur Terrororganisation Islamischer Staat gehabt haben. Zu deren Identität sagte der schwedische Geheimdienst bisher nur, dass sie sich in verschiedenen Ländern ausserhalb Schwedens aufhielten. Offenbar hatte A. über das Internet angeboten, einen Anschlag in Stockholm zu verüben, um seine Loyalität zum IS zu zeigen. Der hatte die Tat jedoch nicht für sich reklamiert.


Video: Hier rast der LKW durch die Einkaufsstrasse

Ein Überwachungsvideo zeigt die schockierende Bilder aus Stockholm. (7.4.2018) Video: Twitter/Expressen


Selfies aus dem Lastwagen

Nur Stunden zuvor soll A. ein Video aufgenommen haben. Es sei «Zeit zu töten», sagt er darin. Noch während er den Lastwagen fuhr, hatte er offenbar Kontakt zu mindestens einer Person. Er soll Selfies aus dem LKW geschickt haben und ein Foto von dem selbstgebauten Sprengsatz, mit fünf Kanistern Butan-Gas, Schrauben, Messern und anderen Metallstücken.

Einen halben Kilometer weit raste er über Stockholms belebteste Einkaufsstrasse, bevor er gegen die Fassade eines Kaufhauses prallte. Das Fahrerhaus des LKW ging in Flammen auf, doch die Bombe explodierte nicht. A. konnte zunächst fliehen und wurde Stunden später im Norden von Stockholm festgenommen.

Die Anklage beschreibt ihn als einsamen Menschen ohne Papiere

In der Anklageschrift heisst es, sein Ziel sei gewesen, Schrecken zu verbreiten. Er habe die Regierung in Stockholm dazu bringen wollen, sich nicht an einer «internationalen Koalition» gegen den Islamischen Staat zu beteiligen. Der Angeklagte streitet das nicht ab. «Es hat niemals Zweifel daran gegeben, dass er den Laster gefahren ist», sagt sein Verteidiger Johan Eriksson. Er gestehe, dass es seine Absicht war, einen Terroranschlag auszuüben und eine grosse Anzahl von Menschen zu töten. Sein Mandant habe nicht damit gerechnet, die Tat zu überleben. Auf der Klägerliste stehen 155 Namen von Betroffenen, Opfern, Angehörigen und Verletzten.

R. A. war 2014 nach Schweden gekommen, seine Frau und seine Kinder hatte er in Usbekistan zurückgelassen. Er hatte Asyl beantragt und war abgelehnt worden. Damit er nicht ausgewiesen wurde, ist er untergetaucht. Die Anklage beschreibt ihn als einsamen Menschen ohne Papiere, der Jobs auf dem Bau annahm. Sie geht davon aus, dass er bewusst einen Freitagnachmittag für seine Tat ausgewählt hat, weil dann mehr Menschen unterwegs sind.

Offenbar hat er sich im Internet nach möglichen anderen Zielen umgesehen, hat dort nach «Schwulenklub Stockholm» gesucht. Jahre vor dem Anschlag im April hatte es in Stockholm schon einmal einen Terroranschlag gegeben. Damals kam nur der Täter ums Leben, er sprengte sich in die Luft. Dieses Mal aber steht der mutmassliche Täter vor Gericht. Er wird dort vermutlich kommende Woche befragt.

Sicherheit ist eines der wichtigsten Wahlkampfthemen

Insgesamt soll das Verfahren bis Mai dauern. In den vergangenen Monaten ist in Schweden viel über Sicherheit diskutiert worden. Das Land hat ein wachsendes Problem mit Radikalisierung. Allein 300 Menschen sind aus Schweden in den Irak und nach Syrien gereist, um an der Seite von Terroristen zu kämpfen, etwa die Hälfte ist zurückgekehrt.

Die Polizei bekommt zudem die Gewalt in einigen Vierteln von Stockholm, Malmö und Göteborg nicht in den Griff. Im September wählen die Schweden ein neues Parlament, Sicherheit ist schon jetzt eines der wichtigsten Wahlkampfthemen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 09:26 Uhr

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