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Selbstverwirklichung mit einem Steinwurf

Jung, irgendwie links und im Zweifel gegen alles: Warum Autonome aus ganz Europa Gewalt als Befreiung verstehen.

Gewalt gegen ein angebliches System der Unterdrückung: Vermummte plündern ein Hamburger Warenhaus. Foto: Getty Images
Gewalt gegen ein angebliches System der Unterdrückung: Vermummte plündern ein Hamburger Warenhaus. Foto: Getty Images

Manchmal, wenn er in die Ferien fährt, wird Armin Pfahl-Traughber zum Polittouristen. Dann verbindet er Freizeit und Arbeit und besucht Orte der ganz linken Szene. In Göteborg, erzählt er, spazierte er vergangenes Jahr in eine Anarcho-Buchhandlung, und da lagen Aufkleber, die für eine Demo in Hamburg warben, in diesem Fall für eine gegen Neonazis. Pfahl-Traughber ist Politologe und Soziologe an der Hochschule des Bundes im nordrhein-westfälischen Brühl und forscht zum Linksextremismus. Die Aufkleber in Schweden illustrieren, dass die autonome Szene in Europa vernetzt ist. Jene Szene, deren Anhänger am Wochenende Hamburg verwüstet haben.

Inzwischen sind sich die Behörden sicher, dass Militante von überall in Europa zum G-20-Gipfel anreisten: aus der Schweiz etwa mit einem Sonderzug, viele aus Italien und aus Skandinavien, wo sich das Bündnis Arna (Autonomous Revolutionary Nordic Alliance) formiert hat. Allein, wer von den ausländischen Gipfelgegnern tatsächlich gewalttätig wurde, sei derzeit noch nicht zu sagen, heisst es beim deutschen Verfassungsschutz.

Gerade im Grenzbereich zu Nachbarländern sind die Kontakte intensiv. Der bayerische Verfassungsschutz registriert etwa ein enges Miteinander von bayerischen und österreichischen Autonomen, es gibt das Rabatz-Bündnis von Linksextremisten aus Oberbayern, Salzburg und Tirol. Und als es vor gut einem Jahr Krawall am Brenner gab, waren auch Bayern dabei.

Video: Gewalt in Hamburg

Das alles wundert Pfahl-Traughber gar nicht. Zwar sei die Szene nicht organisatorisch vernetzt. Ein echter Autonomer lehne feste Strukturen ab. Aber natürlich seien sie im Austausch, vor allem übers Internet. Und ebenso selbstverständlich sei, dass man sich gegenseitig besucht und unterstützt. Beim Protest gegen die Eröffnung der Zentrale der Europäischen Zentralbank 2015 seien viele Autonome aus Frankreich nach Frankfurt gekommen; auch 2001, bei der Randale gegen den G-8-Gipfel in Genua, waren viele Ausländer dabei. Relevante extrem linke Szenen gebe es in Frankreich, Italien, den Niederlanden, in Griechenland, Dänemark und Schweden. Wie gross oder aktiv die Szenen jeweils seien, sei aber kaum zu sagen.

Anführer eine führerlosen Milieus

Armin Pfahl-Traughber ist zurück­haltend beim Vergleich dieser Szenen, allein deshalb, weil sie überall unterschiedlich bewertet und erfasst würden. Wann sprechen die Behörden von einem Autonomen, wann gilt Randale offiziell als linksextremistisch? Selbst innerhalb Deutschlands gebe es in den Bundesländern keine einheitliche statistische Erfassung. Soziologen tun sich ohnehin schon schwer, die linke, gewaltbereite Szene wissenschaftlich zu durchleuchten: «Wir wissen recht wenig über die sozialen Besonderheiten dieser Gruppe», sagt Armin Pfahl-Traughber. Zu sehr schotte sie sich ab, gegen Forscher und auch gegen Journalisten. Fragen würden als Ausspionieren gewertet. Deshalb könne er nur «sehr grobe Aussagen treffen» über jene Menschen, die man als schwarz vermummte Gestalten wahrnimmt.

Die meisten seien jung, zwischen 16 und 30 Jahre alt; viele hätten ein Gymnasium besucht. Schwarze Klamotten dienten als eine Art Demo-Uniform, im Alltag trügen die Autonomen legere Kleidung. Die einen bevorzugen ein Leben von Sozialhilfe, andere gehen sozialen Berufen nach oder Minijobs, studieren oder sind zumindest an Universitäten und Hochschulen eingeschrieben. Hierarchien lehnen die Autonomen zwar ab gemäss ihrer Maxime: «Keine Macht für niemanden», es würde nie einen Vorsitzenden von irgendwas geben. Und doch sind da die «Altautonomen»: Die sind fünfzig, sechzig Jahre alt und geniessen einen «informellen Kultstatus», dank ihrer Erfahrung und ihres Charismas. Die heimlichen Anführer eines führerlosen Milieus.

Gewalt gilt als Tabubruch im «Schweinesystem» und Teil der Selbstvergewisserung, nach dem Motto: Ich zünde Barrikaden an, also gehöre ich dazu.

Charakteristisch für die ideologischen Versatzstücke der Autonomen sei, dass sie sich um Widersprüche nicht gross kümmerten. Wenn sie einerseits die Abschaffung von Gefängnissen fordern, weil die Teil der staatlichen Repression seien, nähmen sie in Kauf, dass dann auch «Faschos» freikämen, die ihnen so verhassten Neonazis.

Generell, sagt Professor Pfahl-Traughber, nehme die Politisierung zwar leicht ab, während die Gewaltbereitschaft zunehme. Doch noch immer gingen Ideologie und Randale Hand in Hand. Hier die typische Antihaltung (gegen Globalisierung, Faschismus, Neoliberalismus, Gentrifizierung et cetera); dort die Gewalt als Tabubruch im «Schweinesystem» und Teil der Selbstvergewisserung, nach dem Motto: Ich zünde Barrikaden an, also gehöre ich dazu. Gewalt gelte als eine Art Selbstverwirklichung.

Neuere Bündnisse innerhalb der Szene verzichten «aus strategischen Gründen weitgehend auf ein offenes Bekenntnis zur Gewalt». So stellt es jedenfalls der Verfassungsschutz in seinem jüngsten Jahresbericht dar. Für «klassische Autonome» sei Gewalt dagegen unverzichtbares Element im Kampf gegen ein angebliches System aus Ausbeutung und Unterdrückung.

Bilder: Gewalt in Hamburg

Allein die Dutzenden abgebrannten Autos schlagen mit insgesamt vier Millionen Euro zu Buche: Die Feuerwehr versucht ein in Brand gestecktes Auto zu löschen. (8. Juli 2017)
Allein die Dutzenden abgebrannten Autos schlagen mit insgesamt vier Millionen Euro zu Buche: Die Feuerwehr versucht ein in Brand gestecktes Auto zu löschen. (8. Juli 2017)
Clemens Bilan/EPA, Keystone
In Hamburg sitzen nach den Krawallen 51 Verdächtige in Untersuchungshaft, darunter mindestens ein Schweizer: Radikale Demonstranten am Freitag in Hamburg. (7. Juli 2017) Bild: Thomas Lohnes/Getty
In Hamburg sitzen nach den Krawallen 51 Verdächtige in Untersuchungshaft, darunter mindestens ein Schweizer: Radikale Demonstranten am Freitag in Hamburg. (7. Juli 2017) Bild: Thomas Lohnes/Getty
Die Polizei vermutet Brandstiftung im Zusammenhang mit dem G-20-Gipfel: Im Stadtteil Eidelstedt brannten in der Nacht acht Luxusautos auf dem Gelände eines Porschehändlers. (6. Juli 2017)
Die Polizei vermutet Brandstiftung im Zusammenhang mit dem G-20-Gipfel: Im Stadtteil Eidelstedt brannten in der Nacht acht Luxusautos auf dem Gelände eines Porschehändlers. (6. Juli 2017)
Axel Heimken/DPA via AP, Keystone
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