Selbst AfD-Leuten geht Gauland zu weit

Ein Flügel entschuldigt sich für die Vogelschiss-Aussage ihres Vorsitzenden – und fordert auch von ihm eine Entschuldigung.

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«Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte»: Mit dieser Aussage hat sich Alexander Gauland über das Wochenende viel verbale Prügel eingehandelt. «Wer die Untaten der alten Nazis verharmlost, ist der Steigbügelhalter der neuen Nazis», sagte etwa der ehemalige SPD-Chef Martin Schulz. Klartext sprach auch die Generalsekretärin der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer: «50 Millionen Kriegsopfer, Holocaust und totaler Krieg für AfD und Gauland nur ein Vogelschiss! So sieht die Partei hinter bürgerlicher Maske aus.»

Der Vorsitzende der AfD, der den Tabubruch pflegt, will zwar wieder einmal falsch verstanden worden sein. «Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet. Das kann niemals eine Verhöhnung der Opfer dieses verbrecherischen Systems sein», erklärte Gauland in einer persönlichen Stellungnahme. (In seiner umstrittenen Rede hatte er noch den Begriff Vogelschiss verwendet.)

Unterstützung erhielt Gauland von seinem Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen. Die Wortwahl sei zwar «ausgesprochen unglücklich» und «unangemessen», sagte Meuthen der «Zeit», die NS-Zeit habe Gauland aber nicht verharmlost. Dennoch: Die öffentlichen Meinungen und die Kommentare in den Medien sind klar: Gauland ist zu weit gegangen.

AfD-Politiker bittet um Entschuldigung

Selbst in der AfD hat sich Kritik gegen Gauland zu regen begonnen. Beispielsweise sah sich der Bundestagsabgeordnete Uwe Witt veranlasst, sich zu entschuldigen. AfD-Politiker Witt ist Mitgründer der sogenannten Alternativen Mitte (AM), einer AfD-internen Interessengemeinschaft der bürgerlich-gemässigten Parteimitglieder. Die AM entstand 2017 als Gegengewicht zum nationalkonservativen Parteiflügel um Gauland und Björn Höcke, der sich ebenfalls regelmässig verbale Entgleisungen leistet. Vor gut einem Jahr hatte der Rechtsaussen aus Thüringen eine Erinnerungsstätte für die Opfer des Nationalsozialismus als «Denkmal der Schande» bezeichnet.

Nach der «Vogelschiss»-Aussage wirft die AM nun Gauland vor, er vermittle «der Öffentlichkeit ein Bild von der AfD als am rechten Rand offene Partei». Schliesslich fordert die AM den Parteivorsitzenden auf, «bei allem Respekt vor seiner Person und seinen Verdiensten für die AfD, sich öffentlich zu entschuldigen». Die Vogelschiss-Aussage bietet nun den Gauland-Kritikern in der Partei die Gelegenheit, sich öffentlich stärker gegen den rechten Flügel zu positionieren. Die Forderung an Gauland, er solle sich öffentlich entschuldigen, kann als Versuch einer Machtprobe gedeutet werden. Laut AfD-Politiker Witt soll künftig deutlicher gesagt werden, wo die roten Linien sind. Witt gehört dem einflussreichen AfD-Landesverband Nordrhein-Westfalen an.

Gaulands Geschichtsrevisionismus

Gauland betreibt eine Umdeutung der deutschen Geschichte. Die zwölf Jahre des Nationalsozialismus sollen nicht mehr bedeuten als die rechnerischen 1,2 Prozent von 1000 Jahren. Diesem Ziel diente schon seine Aussage, stolz sein zu wollen auf die Leistungen der Soldaten der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Bei Gaulands Geschichtsrevision gehe es aber nicht um die zwölf NS-Jahre selbst, sondern vielmehr um das, was nach 1945 damit gemacht worden sei, schreibt «Zeit»-Autor Bernd Ulrich. «Gauland will zurück hinter das Schuldeingeständnis der geschaffenen Bundesrepublik; zurück hinter die Rede von Richard von Weizsäcker, der im Namen des deutschen Volkes die Niederlage im Zweiten Weltkrieg auch als Befreiung interpretiert hat.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 11:30 Uhr

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