Sebastian Kurz gibt den Emmanuel Macron

Der jugendliche ÖVP-Chef setzt im Wahlkampf auf Promis und Politnovizen.

Liegt in allen Umfragen vorn: ÖVP-Chef Sebastian Kurz. Foto: Christian Bruna (Keystone)

Liegt in allen Umfragen vorn: ÖVP-Chef Sebastian Kurz. Foto: Christian Bruna (Keystone)

Peter Münch@SZ

Eine Weinkönigin ist gewiss ein Stimmungsgarant, eine ehemalige Miss Austria macht immer eine gute Figur. Wenn man dazu noch ein paar Sporthelden und Geistesgrössen aus der Wissenschaft gruppiert, dann sollte daraus ein Rezept für den politischen Erfolg werden. Im österreichischen Wahlkampf jedenfalls haben derzeit die Quereinsteiger Hochkonjunktur. Vor der Parlamentswahl am 15. Oktober gerät die Politik zur Personalityshow – und das eher politikverdrossene Publikum darf sich auf immer neue Folgen freuen.

Vorneweg bei dieser Inszenierung stürmt Sebastian Kurz, der Spitzenkandidat der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), die unter seiner forschen Führung nun als «Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei» firmiert. Neu ist das Promi-Konzept nicht. Unübersehbar sind aktuell aber die Anleihen bei Emmanuel Macron, der mit seiner Bewegung En Marche gerade Frankreich aufgemischt hat. Kurzerhand wurde also auch die alte ÖVP zur Bewegung erklärt. Die Weinkönigin schaffte es so im Burgenland auf die Landesliste, die frühere Schönheitskönigin in Oberösterreich. Vor allem aber die von Kurz angeführte Bundesliste ist reichlich mit parteilosen Politiknovizen besetzt.

Da kandidiert zum Beispiel auf Platz zehn die frühere Stabhochspringerin Kira Grünberg, die seit einem Trainingsunfall vor zwei Jahren querschnittgelähmt ist. Ihr Schicksal hat die Nation bewegt. Kurz zeigte sich beeindruckt von ihrer «extrem positiven Lebenseinstellung» und preist die 24-Jährige als «Vorbild für uns alle». Das Thema innere Sicherheit wird mit einer schmucken Uniform ummäntelt: Auf Listenplatz neun steht der Wiener Landespolizei-Vizepräsident Karl Mahrer, immerhin ein General. Die Wissenschaft schliesslich wird vertreten durch den Mathematiker Rudolf Taschner, der sich auch populärwissenschaftlich in Szene setzt.

Sehnsucht nach Veränderung

«Wenn man sich die Umfragewerte von Sebastian Kurz anschaut, dann ist das eine erfolgreiche Strategie», sagt die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stai-ner-Hämmerle. Der Spitzenkandidat der Volkspartei bediene «die Sehnsucht nach starker Veränderung» und schaffe es, «Aufmerksamkeit auch bei jenen Leuten zu erregen, die eine politische Berichterstattung sonst überblättern». Tatsächlich ist Kurz in den vergangenen Wochen durchgestartet: Mit seiner Liste liegt er in den Umfragen stabil vorn mit mehr als 30 Prozent. Dahinter rangeln die SPÖ von Bundeskanzler Christian Kern und die rechte FPÖ von Heinz-Christian Strache mit jeweils rund 25 Prozent um den zweiten Platz.

Der Kanzlerkandidat Kurz vermittelt dem Wahlvolk also mit Erfolg, dass man die Politik nicht länger den Politikern überlassen darf. Paradox daran ist allerdings, dass er selbst nie etwas anderes gemacht hat als Politik. Mit 24 Jahren brach er sein Jurastudium ab und wurde zum Staatssekretär befördert. Mit 30 ist er als Aussenminister schon der Veteran am Kabinettstisch der grossen Koalition. Alle anderen kamen später dazu, zum Teil als Quereinsteiger – so wie der SPÖ-Kanzler Christian Kern.

Als Kern im Mai 2016 aus der Wirtschaft ins politische Spitzenamt wechselte, verkörperte er ziemlich genau jene Sehnsucht nach Veränderung, die heute den Wahlkampf seines Rivalen Kurz beflügelt. Er propagierte den Aufbruch auf neuen Wegen – und steckt nun, nur ein Jahr später, mit seiner SPÖ in einer Art Kanzlerfalle: «Wenn man Kanzlerpartei ist, macht es wenig Sinn, zu sagen, wir machen alles neu», kommentiert Stainer-Hämmerle. Kerns Konsequenz daraus ist eine stärke Konzentration auf Inhalte, er führt den Wahlkampf vor allem mit dem klassischen Thema Sozialpolitik. Doch der Glamour-faktor ist da eher gering.

Freilich birgt der Kurs von Kurz auch Gefahren. Die Quereinsteiger bringen jedes Parteigefüge durcheinander. Selbst in der Volkspartei, die sich in diesem Sommer bereitwillig ihrem jungen Spitzenkandidaten unterworfen hat, ist das schon zu spüren gewesen. Als Kurz die Sportlerin Grünberg auch noch auf Platz 1 der Tiroler Landesliste platzierte, zogen drei dortige ÖVP-Politikerinnen aus Protest ihre Kandidaturen zurück.

Zudem ist man bei Quereinsteigern auch nicht vor Querschlägern gefeit. Einen Vorgeschmack darauf bekam die Volkspartei mit dem Mathematiker Taschner. In einer Kolumne für die Tageszeitung «Die Presse» hob der nun frisch gekürte Bildungssprecher einst den pädagogischen Wert einer «g’sunden Watschn» hervor.

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