Scotland Yard muss sich selbst unter die Lupe nehmen

Schwerer Vorwurf an die Elitepolizei: Rund um den mutmasslichen Pädophilenring in Westminster sollen Ermittlungen manipuliert worden sein.

Der verstorbene Leon Brittan gilt als Schlüsselfigur. Foto: Reuters

Der verstorbene Leon Brittan gilt als Schlüsselfigur. Foto: Reuters

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Gerüchte hat es seit langem gegeben, dass prominente britische Politiker, Militärs und hohe Polizeibeamte sich systematisch an Kindern vergangen haben. Jahrzehntelang soll ein Pädophilenring in Westminster aktiv gewesen sein, dem angeblich sogar frühere Minister angehörten. Nun hat Scotland Yard gelobt, nicht nur diesen Mutmassungen auf die Spur zu kommen, sondern auch der Frage nachzugehen, ob Polizeibeamte entsprechende Untaten bewusst manipulierten – weil sie von oben Anweisungen dazu bekamen.

Repräsentanten der Opfer, wie Peter Saunders vom Nationalen Verband für die Opfer von Kindesmissbrauch, zeigten sich gestern erleichtert darüber, dass «nun endlich» diesen Hinweisen nachgegangen werden soll. «Es würde mich nicht überraschen», sagte Saunders, «wenn demnächst einige Ex-Abgeordnete und sogar ein paar unserer gegenwärtigen Parlamentarier in Handschellen aufmarschierten.»

«Zu viel Prominenz» verwickelt

Die neuen Ermittlungen überwachen soll der Unabhängige Ausschuss für Beschwerden gegen die Polizei, in Zusammenarbeit mit der Londoner Polizei. Die Vorwürfe wiegen schwer: Polizisten sollen etwa Ermittlungen über «Pädophilenfeste» mit Jugendlichen in einem unweit des Parlaments gelegenen exklusiven Wohnblock am Dolphin Square eingestellt haben, weil «zu viel Prominenz» in die Affäre verwickelt gewesen sei. Eine bei einem verurteilten Pädophilen daheim gefundene Liste mit Namen und Adressen von Abgeordneten und hohen Polizeioffizieren wurde angeblich komplett ignoriert – der betreffende Straftäter soll Verbindungen zur Regierungszentrale No 10 Downing Street gehabt haben.

Ein renommierter Polizeibeamter hat ausserdem zu Protokoll gegeben, man habe ihn seinerzeit seines Postens entbunden, als er ankündigte, er wolle gewisse Politiker wegen Kindesmissbrauchs unter die Lupe nehmen. In einem anderen Fall soll eine Zeugenaussage nachträglich geändert worden sein, weil sie den Namen eines prominenten Politikers enthielt. Und der wegen Verdachts auf systematischen Kindesmissbrauch verhaftete liberaldemokratische Abgeordnete Sir Cyril Smith wurde umgehend wieder freigelassen. Den mit der Angelegenheit betrauten Beamten wurde alles Beweismaterial abgenommen. Man habe sie zum Schweigen verpflichtet und ihnen bei Zuwiderhandeln Disziplinarmassnahmen angedroht, erklärte ein Ex-Polizist der BBC.

Verschwundene Dossiers

In mindestens 14 Fällen sollen sich Polizisten und Detektive den Weisungen ihrer Oberen gebeugt und Ermittlungen abgeblasen haben. Viele der Fährten, die nun verfolgt werden, laufen offenbar bei Margaret Thatchers ehemaligem Innenminister Sir Leon Brittan zusammen, der in diesem Winter verstarb. Bereits zu Lebzeiten wurde Brittan vorgeworfen, er habe ein Namensdossier, das ihm ein besorgter Tory-Hinterbänkler überreichte, eilends unter den Tisch fallen lassen. Das Dossier ist, zusammen mit 114 anderen Akten aus dem Ministerium, nicht mehr aufzufinden.

Der Londoner «Times» zufolge geht eine andere Beschuldigung gegen Brittan davon aus, dass eine Überwachungsaktion gegen eine Pädophilengang eingestellt wurde, nachdem der Minister selbst beim Besuch einer von der Gang frequentierten Wohnung fotografiert worden war. Angeblich soll auch ein 1982 im berüchtigten Südwestlondoner Elm Guest House aufgegriffener Junge den späteren Minister als Täter bezeichnet haben. In jüngster Zeit war Brittan ausserdem von einer Frau beschuldigt worden, er habe sie zu Studentenzeiten vergewaltigt.

Grausiges wird denkbar

Für immer wahrscheinlicher hält die Polizei in London nun auch, dass bekannte Politiker und andere Figuren des Establishments sich regelmässig zu Kinderheimen fahren liessen oder dass sie Kinder und junge Leute von Chauffeuren an Schulen abholen und zu sich bringen liessen, um sie in Hotelzimmern oder angemieteten Apartments sexuell zu missbrauchen. Bei Scotland Yard will man jetzt nicht einmal mehr ausschliessen, dass mehrere der missbrauchten Jungen ermordet worden sind. In einem Fall soll ein Kind von einem Auto überfahren worden sein. Ein Zeuge will zudem gesehen haben, wie ein Tory-Abgeordneter einen Zwölfjährigen tötete. Beweise dafür fehlen allerdings bisher.

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