Schweizer Sehnsucht nach dem Brexit

Überall fürchtet man sich vor dem Austritt Grossbritanniens aus der EU. Überall? Nicht ganz.

Alan Cassidy@A_Cassidy

Es stimmt, liebe Freunde in der EU: Viele Dinge, die sich bei euch abspielen, beobachten wir in der Schweiz aus sicherer Distanz. Die Griechenlandkrise? Die Flüchtlinge? Die Proteste gegen TTIP? Wir registrieren es, wir sprechen darüber – aber wir bleiben unbeteiligt. Anders ist das beim Referendum über den Ausstieg Grossbritanniens aus der Union. Obwohl uns ein Brexit auf den ersten Blick weniger direkt betrifft als, sagen wir, ein implodierender Euro, fiebern wir mit den Briten mit. Und wir tun es vor allem mit jenen, die raus wollen aus der EU.

Naiv, kurzsichtig und ein bisschen wahnhaft

Anders als bei den meisten von euch sind es bei uns nicht nur die üblichen Rechtspopulisten und pathologischen EU-Feinde, die auf einen Sieg des Brexit-Lagers hoffen. In allen Parteien gibt man sich dieser Hoffnung hin. Da ist die langjährige frühere Aussenministerin, eine Sozialdemokratin, die in einer EU ohne Grossbritannien eine Chance für die Schweiz sieht: Würden sich beide Länder in der Freihandelszone Efta zusammenschliessen, hätten sie gegenüber der EU grösseres Gewicht. Da ist der Parlamentarier der Liberalen, der bereits heute zu Kollegen nach London und Brüssel fährt, um für eine solche erweiterte Efta zu werben. Und da ist der Chef der Christdemokraten, der nur schon in den Diskussionen über einen Brexit famose Möglichkeiten für die Schweiz erblickt.

Wohl nirgendwo sonst auf dem Kontinent stösst die Vorstellung eines britischen Austritts auf derart grosse Sympathien. Das ist naiv, kurzsichtig und auch ein bisschen wahnhaft – aber es lässt sich erklären. Erstens fühlen sich die Schweizer den Briten in ihrer Abneigung zur EU ziemlich verbunden. Wir sehen uns, wie die Briten auch, als Sonderfall – als Land im Herzen Europas, das aber nicht wirklich dazugehört. Das sich immer über die Abgrenzung definierte. Und das im vereinigten Europa weniger ein Friedensprojekt erkennt als ein Kaufhaus, in dem es sich gut geschäften lässt. Das kann man auch dann, wenn man nicht Mitglied ist.

In Umfragen lehnen regelmässig 70 bis 90 Prozent der Schweizer einen Beitritt zur Union ab. Da verwundert es nicht, dass die Briten aus der Schweiz dafür beklatscht werden, dass sie der EU schon bald den Rücken kehren könnten. Dass sie es auch noch über eine Volksabstimmung tun, macht alles gleich noch sympathischer. Wer würde das nicht besser verstehen als wir, die Weltmeister der direkten Demokratie?

«Wir fühlen uns in sicherer Distanz und bleiben unbeteiligt.»

Zweitens hält sich in der Schweizer Politik hartnäckig die Vorstellung, ein Austritt Grossbritanniens aus der EU würde unsere Probleme mit Brüssel beheben, besonders beim freien Personenverkehr. Zwei Jahre ist es her, seit wir jene berühmte Volksinitiative angenommen haben, die verlangt, die «Masseneinwanderung» aus der EU zu stoppen. Zwei Jahre hat unsere Regierung seither versucht, mit der EU über Kontingente und Höchstzahlen für Arbeitskräfte aus der EU zu verhandeln – erfolglos.

Eine Einschränkung der Personenfreizügigkeit wollte einst auch der britische Premierminister aushandeln. Dass es David Cameron im Vorfeld seines Referendums nicht gelang, der EU auf diesem Feld substanzielle Zugeständnisse abzuringen, hat in der Schweiz viele enttäuscht. Erhalten hat Cameron bekanntlich nur die Erlaubnis, die Sozialhilfe für EU-Bürger einzuschränken. Trotzdem sehen viele Schweizer darin ein Zeichen, dass es in Brüssel durchaus etwas zu holen gibt. Das gelte nach einem Brexit erst recht: Die EU werde in diesem Fall genügend interne Probleme haben, als dass sie es sich leisten könnte, ernsthaft mit der Schweiz zu streiten.

Dass in Brüssel die Bereitschaft zu Zugeständnissen an Drittstaaten wie die Schweiz nach einem Votum für den Brexit erst recht schwindet: Daran denken viele Schweizer lieber nicht. Natürlich, ein Austritt Grossbritanniens würde die Union in eine existenzielle Krise stürzen. Aber, liebe Freunde in der EU, die habt ihr doch sowieso. Griechenland, die Flüchtlinge, die Proteste gegen TTIP: Wir fühlen uns in sicherer Distanz. Noch bleiben wir unbeteiligt.

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