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Schwarze Fankurven

Die Entrüstung über eine antisemitische Schmähkampagne ist gross – aber im Grunde vor allem eines: verlogen.

Alles Theater: Lazio-Präsident Claudio Lotito und seine Spieler Wallace (links) und Felipe Anderson legten vor der Grossen Synagoge in Rom einen Kranz nieder. Foto: Claudo Perri (EPA, Keystone)
Alles Theater: Lazio-Präsident Claudio Lotito und seine Spieler Wallace (links) und Felipe Anderson legten vor der Grossen Synagoge in Rom einen Kranz nieder. Foto: Claudo Perri (EPA, Keystone)

In Italien sind nun alle Anne Frank. «Siamo tutti Anna Frank.» Die Empörung über die antisemitisch inspirierte Schmähaktion rechtsextremer Ultras von Lazio Rom gegen die Fans vom Stadtrivalen AS Roma ist so gross, dass sich Politiker und Medien viele Initiativen und Bekenntnisse einfallen lassen. Es sind schöne Ideen dabei, rührende. Vieles davon ist aber vor allem: rhetorisch.

«La Repubblica» etwa schlägt vor, dass bald allenthalben Strassen, Plätze und Bibliotheken nach dem Mädchen benannt würden, das im KZ starb. Damit die Erinnerung an das Grauen im Zweiten Weltkrieg nie verwelke. Der Fussballverband beschloss eine Schweigeminute für den nächsten Spieltag, gefolgt von der Lektüre einiger Passagen aus dem Tagebuch von Anne Frank – über Lautsprecher. Der frühere Premierminister, Matteo Renzi, riet Lazio, mit Davidstern anstelle des Sponsors aufzulaufen.

Bagatellisieren, bagatellisieren

Die Empörung, so viel lässt sich heut schon problemlos voraussagen, wird nur kurz andauern. So war das immer schon. Im Calcio, dem geliebten Fussball, werden Rassismus und Antisemitismus noch immer bagatellisiert. Als wäre es da einfach nur Leichtsinn. Nun rufen wieder alle nach Konsequenzen, nach Stadionverboten auf Lebenszeit. «Aber jetzt bestraft sie auch», schreibt der «Corriere della Sera». Und in diesem «jetzt» hallt der Vorwurf mit, dass alle Entrüstung, alle schönen Gesten und Kampagnen nichts bringen, wenn man die dunklen Gesellen diesmal nicht von der Bühne verbannt. Aus den Kurven.

Lazio ist nicht der einzige Verein, der eine «schwarze Kurve» hat – eine also, die von der extremen Rechten unterwandert ist. Das Innenministerium hat sie gezählt: Von 382 italienischen Ultragruppen mit 40'000 Mitgliedern haben 151 einen politischen Hintergrund. 85 davon stehen am rechten Rand: 8000 Ultras insgesamt. Die meisten von ihnen stehen unter Patronat.

Lazios schwarze Fankurve. Foto: Claude Paris/ AP Photo
Lazios schwarze Fankurve. Foto: Claude Paris/ AP Photo

Zwei offen neofaschistische Parteien, Forza Nuova und Casa Pound, brauchen die Kurven als «politische Labors», wie die Zeitung «La Repubblica» es nennt. Sie rekrutieren dort junge Anhänger, und sie tun das mit einigem Erfolg. Früher war beispielsweise die Fanrivalität in Rom auch eine politische: Die Ultras von Roma standen eher links – jene von Lazio rechts. Nun aber herrscht die kleine Forza Nuova, die bei den letzten Parlamentswahlen gerade mal 0,26 Prozent der Stimmen gewann, in beiden Kurven. Seitdem hört man auch aus beiden Kurven dumpfe, rassistische Chöre.

Die Ermittlungen der Polizei gehen schnell voran. Bereits wurden 15 Personen identifiziert, die Aufkleber mit dem lächelnden Gesicht von Anne Frank im Trikot der AS Roma an die Stadionwände hefteten. Auch zwei Minderjährige sind dabei, einer ist 13. Schwierig war die Suche nicht: Seit einigen Jahren filmen Dutzende Videokameras jede Bewegung im Stadion, besonders jene in den Kurven. Dass es so viele sind, dafür sorgte Franco Gabrielli, der frühere Präfekt von Rom. Und so tönen auch oft Chöre gegen Franco Gabrielli durch das Olympiastadion. Böse Chöre.

Fanbus mach Auschwitz

Zurzeit stehen 50 «Unbeugsame» unter Stadionverbot. Die Gruppe liess ausrichten, sie verstehe die Aufregung um die Aufkleber nicht: Spott sei schliesslich legal.

Irgendwie spöttisch wirkt im Nachhinein auch der Besuch von Claudio Lotito bei der Grossen Synagoge Roms. Der Präsident von Lazio legte am Dienstag einen Blumenkranz in den Vereinsfarben «für die jüdischen Brüder» an die Mauer des Tempels, distanzierte sich dann wortreich von den Ultras und liess verlauten, er werde künftig jedes Jahr für 200 Fans eine Reise nach Auschwitz organisieren, damit sie dort etwas dazulernen könnten.

Am Tag danach veröffentlichte die römische Lokalzeitung «Il Messaggero» auf ihrer Website eine Tonsequenz, auf der man die Stimme Lotitos hört: «Lass uns dieses Theater hinter uns bringen!», sagt er zu einem Mitarbeiter vor dem Besuch der Synagoge.

Nun liegen seine Blumen unten am Tiber, samt Widmung. Jemand hat den Kranz entsorgt.

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